Ein Sprung ins Ungewisse

Jeden Tag strömen tausende von Worte auf uns ein, ohne dass wir ihrer tatsächlichen Bedeutung auf den Grund gehen. Doch manchmal gibt es diese Augenblicke, in denen es Klick macht und wir uns fragen: Was wollen wir Menschen überhaupt mit diesem Wort zum Ausdruck bringen?

Dieses Gefühl wurde vermutlich bei den meisten Schlachthaus-Besuchern am vergangenen Donnerstagabend ausgelöst. Das semi-jam Musikprojekt, das in Tübingens beliebter Kreativschmiede für erstaunte Gesichter sorgte, hat sich Improvisation im Augenblick auf die Fahne geschrieben. Improvisieren stammt aus dem Italienischen (improvviso) und bedeutet so viel wie unvorhergesehen. Was Unvorhersehbarkeit bedeuten kann, lehrten uns die Klangkünstler mit allen Sinnen.

Mysteriöse Klänge treffen auf surreale Worte

Der Beginn der experimentellen Jam-Session war repräsentativ für den Hauptteil der Darbietung. Eine blonde junge Frau mit einer Vogelmaske zog sich auf dem Teppich gemächlich die Schuhe aus. Die leicht diffuse Frau enttarnte sich später als die Pianistin sowie die gesangliche Hauptfigur des Szenarios. Die Vogelfrau bildet mit dem Mann am Bass und am Synthesizer das Musikduo NiCo+, das Herzstück der musikalischen Session. Um das Intermezzo noch unvorhersehbarer zu machen, gab es Verstärkung von zwei Männern aus der experimentellen Musikszene, die sich im Laufe des Abends unterschiedlichster Instrumente bedienten.

Zur ekstatischen Gehörsverwirrung sorgte unter anderem der fröhliche Wechsel zwischen Kontrabass, Querflöte, Perkussion und Tabla. Der Grundtenor des musikalischen Zusammenspiels hatte durchgehend eine melancholische Tendenz mit einem Hauch von Mysterium. Jedes Instrument nahm in dem zunächst verwirrenden Klangkarussell seine ganz individuelle Position ein. Dennoch war zunehmend eine gewisse Harmonie zwischen den Musikern erkennbar.

Willkommen in einer mystischen, improvisierten Welt!

Wer sich an diesem Abend auf eine gemütliche Jam-Session zum Zurücklehnen und Genießen gefreut hatte, wurde enttäuscht. Das Publikum war vielmehr gefordert aktiv zuzuhören, was sich in den gebannten Gesichtern der Zuschauer widerspiegelte. Die Darbietung, die keineswegs einer studierten Performance folgte, ließ enorm viel Raum zur freien Interpretation, die vermutlich bei jeder Person anders gestaltet wurde. Die leisen melancholischen Klänge wurden oft von einem abrupten Gesangswechsel von sanft zu laut und expressiv durchbrochen. Die Sängerin mit der zarten Stimme erfreute sich dabei an einer nicht-existierenden Fantasie-Sprache. Die geheimnisvollen Worte schienen nordisch-keltische Einflüsse zu haben. Deshalb erinnerte es stark an Sprachen wie Sindarin, die Elben-Sprache aus Tolkiens bekannten Bücherwerken.

Tanz der Farben

Das zweite Herzstück des Schauspiels war die mitreißende Videoperformance, die auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert wurde. Der Videokünstler PPLC gab sein Talent zum Besten, indem er farbenfrohe Kunstwerke dynamisch in Szene setzte. Auch bei der visuellen Unterhaltung war kein klares Muster zu erkennen. Der wilde Übergang von Farben und Mustern hatte eine leicht hypnotische Wirkung und harmonierte in seiner unerwarteten Skurrilität mit der musikalischen Untermalung.

Doch der süßen Verwirrung war noch nicht Genüge getan! Im Lauf des Abends stieß ein weiterer Improvisator hinzu, der das Geschehen durch lyrische Inputs aufmischte. An einem Nachttisch mit Lämpchen und einem Buch in der Hand, streute der Vorleser zusätzliche Fantasieelemente in die Show. Hierbei war die Sprache zwar deutsch, jedoch war die Stimme sehr leise und die Worte undeutlich, sodass man nur zeitweise Worte wie Gewalt, Angst, Liebe erahnen konnte. Durch die etwas verstört wirkende Person in der Bühnenmitte bekam das Gesamtbild einen zusätzlichen emotionalen Schub.

Theatralische Harmonie

Von der Ferne betrachtet war zudem eine starke Ähnlichkeit zu einem Naturtreiben zu erkennen. Der mitreißende Fluss war geprägt von undefinierter Unordnung, die jedoch gleichzeitig eine natürliche Harmonie ausstrahlte.

Das mysteriöse Zusammenspiel endete genauso unerwartet wie es begonnen hatte. Das singenden Vogelmädchen und der Lyriker, die zuvor nur über die Klänge und Stimme kommuniziert hatten, fingen langsam an die physische Existenz des anderen auf theatralische Weise wahrzunehmen. Einer misstrauischen Distanz folgte eine innige Umarmung der beiden, die bis zum Verstummen aller Instrumente im Mittelpunkt der Bühne stand.

Dieses Kunstereignis der besonderen Art war definitiv ein Sprung ins Ungewisse und damit die reine Verkörperung von Improvisation. Neben der außergewöhnlichen musikalischen und visuellen Reize, hinterließ die Show zudem eine tiefgreifende Message in den Köpfen der Zuschauer.  Man fing an die heutige Welt zu hinterfragen, in der ein perfekt geplanter Alltag mit starren Mustern zum idealen Standard (oder zum Verhängnis) der Gesellschaft geworden ist. Hierbei vergessen die Meisten von uns, wie schön es sein kann einfach mal loszulassen und Dinge im Moment geschehen zu lassen.

Fotos: Niels Ott

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