Depressionen vorbeugen mithilfe von WhatsApp?

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen sind keine Seltenheit. Leider werden Anzeichen dafür häufig zu spät erkannt. Der Diplom-Psychologe Stefan Lüttke von der Universität Tübingen möchte Rückfälle mit einer WhatsApp-Studie verhindern. Dabei soll eine App verändertes Schreibverhalten erkennen.

Es mag etwas rätselhaft erscheinen, wenn ein Psychologe, der selbst kein Smartphone besitzt, sich dazu entschließt, in einer Studie Chatverläufe auf WhatsApp zu untersuchen. Für Stefan Lüttke ist das hingegen kein Widerspruch. In seiner geplanten Pilotstudie soll mithilfe einer App das Schreibverhalten von Kindern analysiert und erste Anzeichen auf Depressionen erkannt werden. Zusammen mit den Informatikern Annika Schwind und Dr. Michael Seufert von der Uni Würzburg initiierte er die Studie, die mittlerweile auf großes Interesse bei anderen Wissenschaftlern stieß. Schirmherr der Studie ist Dr. Eckart von Hirschhausen.

Depression bei Jugendlichen: hohe Dunkelziffern

Geschätzt mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland erkranken jährlich an Depressionen. Die einhergehenden Gefahren werden häufig unterschätzt, erklärt Stefan Lüttke – im Zweifelsfall führen sie bis zum Suizid, die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. Auch wenn dies bei einer Depression natürlich meistens nicht der Fall ist, so sind Betroffene dennoch einem Rückfallrisiko von 70 Prozent ausgesetzt. Mit jedem Rückfall steigt die Wahrscheinlichkeit erneut in Depressionen abzurutschen, auch später im Erwachsenenalter.

Menschen mit Depressionen schreiben anders

„Es gibt Studien aus dem Erwachsenenalter, die belegen, dass Menschen mit Depressionen anders schreiben, sie benutzen zum Beispiel häufiger die Ich-Form“, meint Lüttke. Neben diesem Aspekt soll für die Studie auch die Semantik und Nachrichtenlänge in einem ausgewählten Chatverlauf von einer Computersoftware untersucht werden. Als Kontrollvariablen verwenden Lüttke und sein Team unter anderem die Dauer der gesamten Smartphone-Nutzung, sprachliche Fähigkeiten oder die Größe des Freundeskreises. Insgesamt werden 30 Kinder mit und 30 Kinder ohne Depressionen ab 13 Jahren an der zweiwöchigen Pilotstudie teilnehmen.

Ziel: Ein automatisches Biofeedback

Aus den gewonnenen Daten soll ein Algorithmus entstehen, der dann irgendwann mit ziemlich genauer Wahrscheinlichkeit die Gefahr einer Depression voraussagen kann. Ein Warnhinweis würde dann den Nutzer auf das Depressionsrisiko aufmerksam machen. Etwas Vergleichbares ist, insbesondere für Kinder und Jugendliche, noch nicht auf dem Markt.

„Bei einer körperlichen Erkrankung gibt es immer eine Möglichkeit, die eigene Befindlichkeit zu messen und sein Verhalten daran anzupassen. Bei Diabetes misst man beispielsweise den Blutzucker, bei Bluthochdruck misst man den Blutdruck. Bei einer psychischen Erkrankung dagegen fehlt dieses Feedback.“

Die automatische Rückmeldung einer App könnte einen Arztbesuch ersparen, bzw. es gar nicht so weit kommen lassen. Vielen ehemaligen Patienten fehlt nach einer Therapie das Gespür dafür, dauerhaft im Alltag auf sich achtzugeben. Dabei soll die App helfen, die den Teilnehmenden dann personalisierte Tipps zum Beispiel für Aktivitäten vorschlagen könnte.

„Die positiven Seiten von Technik nutzen“

Dem Argument, dass persönliche Kontakte die psychische Situation von Betroffenen besser einschätzen könnten, hält Lüttke entgegen: „Zum einen schließt sich das ja gegenseitig nicht aus, sondern kann sich ergänzen. Zum anderen beobachten wir immer wieder, dass es Eltern sehr schwerfällt, Depressionen bei Jugendlichen zu erkennen, da diese nach außen oft nicht direkt sichtbar sind.“

Ungewöhnliche Finanzierung über Crowdfunding

Da die Beantragung von Forschungsgeldern für eine Pilotstudie sich schwierig gestaltet, entschied sich das Team von Lüttke für die Finanzierung über die Crowdfunding-Seite „startnext“. Durch das Geld werden unter anderem HiWi-Gehälter bezahlt, die Programmierungskosten der App gedeckt und die Studienteilnehmer entschädigt. 5.000 Euro wurden so bereits gespendet, die Kampagne läuft noch bis zum 05.03.2018.

Warum Stefan Lüttke selbst kein Smartphone besitzt? Vor allem aus Datenschutzgründen und auch als Selbstschutzmaßnahme gegen Ablenkung, berichtet er. Darum müssen sich die Teilnehmenden der Studie wenigstens keine zusätzlichen Sorgen machen: Die Daten werden vollständig anonymisiert und bleiben damit geschützt.

Hier geht es zu der Crowdfunding-Seite der Studie, die bis zum 05.03. noch aktiv ist. Danach kann natürlich immer noch direkt an das Projekt gespendet werden.

Fotos: Stefan Lüttke

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