Wir müssen reden. Über Rassisten. In Tübingen.

Ja, auch in Tübingen gibt es aktive RassistInnen. Durch verschiedene Aktionen versuchen sie, ihr rechtes Gedankengut zu verbreiten. Das dürfen wir nicht tolerieren. Ein Kommentar von Leo Schnirring.

Die Identitäre Bewegung. Das ist die Organisation, die in die internationalen Schlagzeilen kam, als sie sich ein Schiff charterte und damit NGOs daran hindern wollte, geflüchtete Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten. Das ganze unter dem Motto „Defend Europe“.  Eine menschenverachtende Aktion. Oder nein, das sind natürlich nur besorgte Bürger, die heldenhaft unser christliches Abendland und unsere Werte wie Nächstenliebe gegen die bösen Asylanten verteidigen. Keine Rassisten, die für ihre politischen Ziele den Tod von Menschen nicht nur in Kauf nehmen, sondern diesen auch noch forcieren. Zum Glück hatte die Identitäre Bewegung mit dieser Aktion, trotz reger Bemühungen, bisher noch keinen Erfolg. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass sie auf einmal ihre humanistische Ader entdeckt hat.

Aber was ist die Identitäre Bewegung und woher kommt sie?

Die Identitäre Bewegung kommt ursprünglich aus Frankreich, wo sie sich „Génération Identitaire“ nennt. Zum ersten Mal machte sie durch die Besetzung und Schändung einer sich im Bau befindenden Moschee auf sich aufmerksam. Seit 2012 versucht sie sich auch in Deutschland auszubreiten. Der wohl wichtigste Stützpfeiler ihrer Ideologie ist der sogenannte „Ethnopluralismus“. Hört sich gut an wegen Pluralismus und so?  Leider ist dem nicht so.

Beim Ethnopluralismus wird davon ausgegangen, dass verschiedene „Völker“ verschiedene feste, nicht zueinander passende Kulturen haben und deshalb lieber doch voneinander getrennt leben sollen. Naja, die westliche Kultur ist schon besser als alle anderen, deshalb bleibt ihr doch bitte wo ihr seid und wir bleiben unter uns. Das ist im Endeffekt auch einfach nur Rassismus (der aufgrund von Herkunft Hierarchien zwischen Menschen schafft und Menschen in klar voneinander abtrennbare „Völker“ klassifiziert). Die Identitäre Bewegung versucht immer den Anschein einer gewaltfreien, bürgerlich-rechten Organisation zu erwecken. Dass das aber nichts als Fassade ist, zeigt das Beispiel von „Defend Europe“. Oder der jüngste Angriff auf zwei Polizisten durch Mitglieder der Identitären Bewegung. Oder die Tatsache, dass viele Identitäre aus anderen rechtsextremen Organisationen kommen.

Und was genau hat das jetzt bitte mit Tübingen zu tun?

Die Identitäre Bewegung gibt es auch bei uns. Leider. Und die Identitäre Bewegung Tübingen ist sowohl hier in der Region als auch international sehr aktiv. So waren Mitglieder der Identitären Bewegung in Tübingen an der „Blockade“ des Justizministeriums (wieder eine Aktion, die nicht so richtig hingehauen hatte) beteiligt, stellten einen Bus zu der Identitären Demo in Berlin dieses Jahr, sind bei einer Demo der Identitären in Österreich gewesen und vieles mehr.

Auch im Internet sind die Tübinger Identitären, was für die Identitäre Bewegung generell typisch ist, aktiv. So twittert der Ortsleiter der Identitären Bewegung Tübingen fast so ambitioniert und geistreich wie der Präsident der USA. Und mindestens eine Aktivistin der Identitären Bewegung aus Tübingen ist mit einer anderen IBlerin für den antifeministischen Blog „radikal feminin“ verantwortlich.

In Tübingen und Umgebung gibt es immer wieder Aktionen der Identitären Bewegung: Aktivisten der Identitären Bewegung standen bei Wahlständen der AfD, Identitäre nahmen an dem rechten Anti-Merkel-Protest in Reutlingen teil, sie stickern, und veranstalten regelmäßig Stammtische.  Die jüngste Aktion war das Aufhängen eines Transparents an der Mensa in der Wilhelmstraße mit der Aufschrift: „Willkommen auf unserem Campus“. Natürlich ist das äußerst überheblich und die Uni weit davon entfernt, der Campus von diesen Rassisten zu sein (so hing das Transparent auch nicht lange), doch es zeigt eins: Die Identitäre Bewegung wird die Freiräume, die man ihnen gibt nutzen. So hat sie das zum Beispiel auch auf der Frankfurter Buchmesse gemacht (auf der man den rechtspopulistischen Antaios-Verlag zugelassen hatte, in dessen Umfeld es immer wieder zu teils heftigen Tumulten kam). Das alles, um ihre chauvinistischen, sexistischen, rückschrittlichen und rassistischen Ansichten gesellschaftsfähig zu machen. Aktionen wie das eingangs erwähnte Chartern des Schiffes zeigen, dass man sich nicht mal auf die friedliche Fassade der Identitären Bewegung verlassen kann.

Ein Anti-IB Sticker in der Innenstadt.

Um das (zumindest in Tübingen) zu verhindern, ist es nötig, dass wir die Identitäre Bewegung nicht ignorieren, denn sie wird sich wohl kaum von selbst auflösen. Sondern: Wir müssen der Identitären Bewegung entschlossen entgegen treten. Wie man das macht, ist natürlich die Sache eines jeden Einzelnen. Wir müssen uns jetzt der Identitären Bewegung entgegenstellen, solange diese noch keine Bewegung ist. Sonst ärgern wir uns hinterher, wenn (was hoffentlich nie passiert) die Identitäre Bewegung einen relevanten Einfluss auf das politische Geschehen hat. Oder wenn so etwas passiert wie in Halle, wo die Identitäre Bewegung ein Haus gekauft hat und Menschen von Identitären aufgrund ihrer politischen Ansichten und ihrer Hautfarbe bedrängt werden.

Informiert euch, zum Beispiel über den Blog “Tübingen Rechtsaußen”. Widersprecht (auch unterschwellig) rassistischen Äußerungen in eurem Uni-Alltag und entlarvt diese als rassistisch. Überklebt rechte Sticker. Und engagiert euch bei Initiativen und Organisationen, die sich gegen Rassismus in Tübingen einsetzen.

Sorgen wir dafür, dass der Campus niemals von diesen oder anderen Rechten vereinnahmt wird, indem jeder auf seine Weise für ein multikulturelles, weltoffenes und fortschrittliches Tübingen streitet.

Titelbild: Marko Knab.
Foto im Text: Felix Müller.

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