Schreiben für die Freiheit

Folter, Unterdrückung, Diskriminierung oder Landgrabbing: Täglich sind Menschen auf der ganzen Welt Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Um darauf aufmerksam zu machen, wurde gestern der alljährige Briefmarathon von Amnesty International im Tübinger Rathaus eröffnet. Bis zum 13. Dezember haben alle die Möglichkeit, Briefe zu unterschreiben, um gegen bestehende Menschenrechtsverletzungen zu protestieren.

„Der Briefmarathon ist das jährliche Herzstück der Arbeit von Amnesty International“, erzählt Kristina Lallathin, die Leiterin der Amnesty Hochschulgruppe in Tübingen. In über 200 Ländern schreiben Amnesty-Mitglieder und -Unterstützende jedes Jahr Briefe, um Menschenrechte einzufordern und Betroffene zu unterstützen. Zu den Menschenrechtsverletzungen gehören zum Beispiel diskriminierende Gesetze, zu Unrecht inhaftierte Menschen oder staatliche Repression von AktivistInnen. Die Adressaten dieser Briefe sind meist Regierungsbehörden, Staatsanwaltschaften oder Botschaften der jeweiligen Länder, deren Briefkästen durch die Aktion buchstäblich geflutet werden sollen.

Die Briefe sind schon vorgefertigt, alles was zu noch zu tun ist, ist unterschreiben und einwerfen.

Die Masse macht’s

Über viereinhalb Millionen Briefe wurden letztes Jahr weltweit verschickt, über 330.000 davon immerhin aus Deutschland. Ein einzelner Brief geht schnell unter. Aber tausende Briefe an eine Behörde, alle mit dem gleichen Anliegen – das hat eine ganz andere Wirkung.

Die Auswahl der Fälle sei dabei sicherlich nicht leicht zu treffen, meint Kristina. Bei der Auswahl von zehn internationalen Fallbeispielen werde jedes Jahr versucht, den politischen Zeitgeist ein wenig mit aufzufangen. Dieses Jahr befinden sich darunter unter anderem der Mord eines LGBTIQ-Journalisten aus Bangladesh, welcher strafrechtlich nicht verfolgt wurde; ein finnischer Medizinstudent, der für die Rechte transsexueller Menschen in seinem Land kämpft und ein Blogger aus dem Tschad, der, weil er Kritik an der Regierung äußerte,  momentan inhaftiert und gefoltert wird. Andere Länder, die als Tatort weiterer grausamer Beispiele dienen, sind Ägypten, China, Madagaskar, USA, Honduras, Israel – und die Türkei.

Dieses Jahr ist auch Amnesty selbst betroffen

184 Tage – so lange sitzt der türkische Amnesty-Vorstand Taner Kılıç bereits in Untersuchungshaft in der Türkei. Der Grund? Angebliche Verbindung zur Gülen-Bewegung. Einen Monat nach Kılıç wurden zehn weitere Menschenrechtsaktivistinnen und –aktivisten festgenommen, die sogenannten „Istanbul10“. Unter ihnen ist auch der deutsche Peter Steudtner, sowie die türkische Amnesty-Direktion İdil Eser. Die Teilnahme an einem Menschenrechtsseminar zu Themen der digitalen Sicherheit und Verhalten in Stresssituationen wurde ihnen zum Verhängnis. „Das ist die größte Repression, der Amnesty jemals ausgesetzt war“, urteilt Kristina Lallathin , Leiterin von der Amnesty Hochschulgruppe Tübingen.

497 Briefe konnte die Amnesty Hochschulgruppe letztes Jahr im Rahmen des Briefmarathons abschicken. Diesen Rekord gilt es jetzt zu brechen.

„Menschenrechte sind aktueller denn je“

Immer wieder lässt sich die Wirkung der Briefe auch direkt beobachten. So bekam eine Aktivistin aus dem letzten Briefmarathon, eine peruanische Kleinbäuerin, im Mai 2017 Recht zugesprochen. Neben solchen konkreten Erfolgen seien die Briefe auch persönlich ein wichtiges Zeichen von Solidarität für die AktivistInnen, welche sich derzeitig teilweise in Haft befinden oder sogar gefoltert werden. „In Zeiten von Erdogan und Trump sind Menschenrechte aktueller denn je“, urteilt Kristina. Dass dieses Thema immer mehr junge Leute beschäftige, merke sie auch an den steigenden Mitgliederzahlen ihrer Hochschulgruppe. Dabei gibt es mehr als genug zu tun: Bis zum 13. Dezember können die Briefe im Rathaus unterschrieben werden, danach werden sie von der Hochschulgruppe gesammelt, adressiert und abgeschickt. Am Sonntag ist außerdem internationaler Tag der Menschenrechte, an dem Amnesty ab 12 Uhr mit einem Stand auf der Neckarbrücke anzutreffen ist.

Am Mittwochmorgen um 8 Uhr wartete der Stand bereits fertig ausgestattet auf seine ersten Besucher.

Können Briefe also wirklich Leben retten, wie Amnesty es selbstbewusst in den eigenen Kampagnen formuliert? Eine Garantie dafür gibt es nicht. Klar ist jedoch: Wenn alles, was eine einzelne Person dafür tun muss ist, zehnmal ihre Unterschriften unter ein Blatt Papier zu setzen, dann wäre es ganz schön dumm, es nicht wenigstens zu probieren.

Zur Information: Der Stand am Rathaus ist Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr und Freitag von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Wer trotzdem keine Zeit dafür findet, kann auch online unterschreiben.

Fotos: Amnesty International Hochschulgruppe Tübingen.

 

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