Wie kann man sich nur so hart gönnen? – Poetry Slam in der Uni

Lange erwartet und nun endlich eingetreten: ein Tübinger Hörsaalslam! Am Freitagabend drängten sich Freunde der Wortakrobatik und des Geschichtenerzählens in den ausverkauften Hörsaal des Kupferbaus. Bei dem Dichterwettstreit traten acht verschiedene Poeten und Poetinnen gegeneinander an, um das Publikum mit amüsanten und auch ernsten Themen für sich zu gewinnen.

Es ist ein Anblick, der jeden Dozierenden blass vor Neid machen würde: Dicht an dicht gedrängt sitzen Studierende in den Reihen des Hörsaals 25, manche teilen sich zu zweit einen Platz, andere stehen seitlich im Gang. „Wir wollten den Hörsaal mal anders nutzen, das übliche Setting brechen“, beschreibt der Mit-Organisator Jonathan Löffelbein, welcher das Publikum an diesem Abend zusammen mit Jean-Philippe Kindler durch den Ablauf leitet. Die beiden Studenten slammen selber bereits seit zwei Jahren. An diesem Abend freue er sich allerdings besonders über die Chance, ganz in Ruhe zuzuhören, meint Jean-Philippe. In Zusammenarbeit mit dem Seminar für Allgemeine Rhetorik ist durch die Hilfe der beiden das möglich geworden, was in anderen Studentenstädten teilweise schon die Regel ist: Poetry Slam in der Uni!

Urschwäbische und „internationale“ Interpreten

Wie bei jedem Poetry Slam dürfen nur selbstgeschriebene Texte vorgelesen werden, über die das Publikum dann durch eigene Applauslautstärke entscheiden darf. Das Line-up wurde eingeleitet durch eine schwäbische Version des Soft-Pornos „50 Shades of Grey“, inbrünstig vorgelesen von Florian Dürr. Die folgenden acht Künstler und Künstlerinnen kommen aus allen Teilen Deutschlands, zwei Slammer sind sogar aus Wien angereist. Ihre Wortwelten sind so vielfältig wie ihre Herkunftsorte: Von Mimimi-Konstruktivismus und einem erörternden Essay zu der Frage, wie man sich nur so hart gönnen kann (Noah Klaus) über einen schnell zwischengeschobenen Diss-Rap an WG-Mitbewohner (Jonas Scheiner) hin zu Menstruationstassentupperpartys (Leticia Wahl).

Requisiten und Kostüme sind beim Poetry Slam verboten, nur ein Zettel darf als Hilfsmittel genutzt werden – für Letitia Wahl und ihre Mitstreiter ist das kein Problem.

Überzeugende Alltagsthemen

Der Text der Marburgerin Leticia über ihr Menstruationsleiden kommt durch seine unverblümte Ehrlichkeit und genialen Wortwitze auch beim männlichen Publikum gut an. Zusammen mit Johannes Floehr aus der verkannten Metropole Krefeld und Martin Suckut aus Konstanz und schafft sie es ins Finale. Letzterer kann den Dichter-Wettstreit am Ende des Abends für sich entscheiden. Der Finalist aus den deutschsprachigen Slammeisterschaften 2016 überzeugte in der ersten Runde mit Ersti-Tipps wie diesem: „Jeder im 5. Semester weiß, dass man für eine gute Hausarbeit nur zwei Nächte, fünf Liter Kaffee und zehn Gramm Gras braucht“. Sein zweiter Text philosophierte über den Zwang der Menschen sich als einmalig und besonders anzusehen, wobei wir dieses Schicksal doch alle gemeinsam teilen. Zu Gewinnen gibt es eine Flasche Noname-Gin, die aber eher symbolisch überreicht wird. Der Applaus des Publikums und die gute Stimmung ist wie bei jedem Poetry Slam der eigentliche Anreiz, mitzumachen.

Trotz Enge ist das Publikum genauso gut gelaunt wie die beiden Moderatoren des Abends.

Leicht erschöpft vom vielen Klatschen und Rufen verlassen die Tübinger Studierenden dann um kurz nach zehn das Gebäude. Der nächste Hörsaalslam wird vermutlich im April stattfinden. Auch dann wird es bestimmt wieder ratsam sein, sich rechtzeitig Karten zu besorgen.

Bis dahin findet im Schlachthaus einmal monatlich ein Poetry Slam statt. Hier findet alle Infos zu Tübinger Poetry Slams: https://www.facebook.com/Poetry-Slam-T%C3%BCbingen-1817742448485874/

Und für alle die noch nicht genug haben folgen hier weitere einmalige Zitate aus zweieinhalb Stunden geballerter Wortkunst:

  • „Heiliges Blechle, isch des ä Gerät“ (50 Shades of Flo)
  • „Zusammen ist man mehrere.“ (Johannes Floehr)
  • „Es gab eine Zeit, da hatten wir Ideen wie Meilen und waren bereit, sie mit den anderen zu teilen.“ (Jonas Scheiner)
  • „Mal über den eigenen Tellerrand hinausessen!“ (Johannes Floehr)
  • „Dieses Lied ist wie meine Menstruation: Überflüssig und läuft immer noch.“ (Leticia Wahl)
  • „Zukunft ist gut für uns alle.“ (Johannes Floehr)
  • „Gönnito ergo sum.“ (Noah Klaus)

Fotos: Jakob Kielgaß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.