Gemüse pflanzen in der Innenstadt

Urban Gardening – heißt das Phänomen, wenn Grünflächen der Stadt  zu öffentlichen Gärten werden. So weit ist es in Tübingen noch nicht. Doch wer aufmerksam durch die Stadt läuft, kann sie bereits entdecken: die Pflanzenkisten, in denen Obst und Gemüse selbst angebaut wird.

Auf der Erde liegen beschriftete Kärtchen: Erbsen, Salat und Kräuter. In den Kisten sprießen kleine und größere Pflanzentriebe. Schon bald sollen sie von jedem geerntet werden können. Im Garten des Theodor-Haering-Hauses am Neckar realisiert die Initiative „Essbare Stadt Tübingen“ den Anbau von Obst und Gemüse auf öffentlichen Flächen. Die Idee: Jeder soll die Möglichkeit haben, Lebensmittel anzubauen oder zu ernten.

Nicht nur wer sät erntet

Die Pflanzenkisten, die dafür benötigt werden, kommen von der Stadtgärtnerei Tübingen. Wer seinen grünen Daumen unter Beweis stellen möchte, kann eine Partnerschaft für eine Kiste übernehmen. Landwirtschaftliches Wissen ist zwar von Vorteil, aber kein Muss. Gepflanzt werden können Tomaten, Radieschen, Sellerie oder Salat – Hauptsache samenfest. Heißt, dass beispielsweise aus einem Gurkenkern eine neue Gurkenpflanze aufgezogen werden kann. Die Anwendung von Düngern und Pestiziden sind natürlich verboten. Die Lebensmittel sollen naturbelassen sein.

„Bio Obst und Gemüse soll nicht mehr eine Frage des Geldes sein.“

Gepflanzt werden, kann was das Herz begehrt. Einzige Voraussetzung: regional und samenfest.

Somit kann nur das angebaut werden, was zu einer bestimmten Jahreszeit wächst. „Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man selbst was anbaut und es dann isst, als wenn man es einkauft“ sagt Sonja Hittinger, Gründerin der Initiative. Dies führe auch zu einer höheren Wertschätzung von Obst und Gemüse aus der Gesellschaft selbst heraus. Wer lieber isst, anstatt selbst Hand anzulegen, kann sich aus den Kisten nehmen, was erntereif ist.

Grünflächen sinnvoll nutzen

„Wir wollen mit dem Projekt eine nachhaltigere Stadtentwicklung und den biologischen Anbau fördern“, sagt Hittinger. „Wir müssen unseren Lebensraum so nutzen, dass jeder genug zu essen hat und wir unsere Ressourcen nicht ausbeuten.“ Auch die Abhängigkeit von Großkonzernen soll durch die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse eingedämmt werden. Möglichst viel Profit auf Kosten der Umwelt und anderer Menschen – so wie momentan gewirtschaftet wird, werde sie kaputt gemacht. Hier setzt die Initiative an und fördert einen alternativen Umgang mit Lebensmitteln.

Treibhäuser könnten überflüssig werden und lästige Verpackungen der Vergangenheit angehören. Außerdem könnte das Stadtklima verbessert werden. „Die Stadt kann wie ein Garten werden“, so Hittinger. „Das Schöne daran ist: Es ist kostenlos und die Menschen können sich engagieren, wenn sie möchten und etwas für die Gemeinschaft tun.“ Gemeinsame Interessen, gemeinsames Handeln und gemeinsames Teilen stärken nämlich den Zusammenhalt.

So sehen die Kisten für die Patenschaften aus. In den Stadtteilen sind sie vereinzelt vorzufinden.

Keine Konkurrenz

Doch bei Dingen, die der Öffentlichkeit gehören, besteht auch immer die Gefahr von Vandalismus. „Die Erfahrung zeigt, dass wenn die Beete den Bürgern gehören und sie davon profitieren eine Hemmschwelle aufgebaut wird“, sagt Hittinger. Wichtig ist der Initiative nicht als Konkurrenz zum Markt oder zu Einkaufsläden angesehen zu werden.

Die Nachfrage nach den Pflanzenkisten ist groß. Einige stehen schon auf der Warteliste. Die Initiative möchte schon bald neben den Kisten auch ganze Flächen in der Stadt von der Stadtgärtnerei zur Verfügung bekommen. Aktuell befinden sich Pflanzenkisten unter anderem in der Südstadt, Wanne – Kunsthalle und im Französischen Viertel.

Mehr Informationen zur Initiative und zu dem Projekt gibt es hier.

Fotos: Nicole Plich

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