Affenversuche an der Uni gehen weiter

Das Ende der Primatenversuche am Max-Planck-Institut in Tübingen lies Tierschützer aufatmen. Was jedoch Wenige wissen: An der Eberhard Karls Universität gehen die Versuche weiter. Was da eigentlich geforscht wird und wie genau die Versuche aussehen, haben wir für euch recherchiert.

Eine Undercover-Recherche von „Soko Tierschutz“ sorgte 2014 mit erschreckenden Aufnahmen für einen Skandal um das Tübinger Max-Planck-Institut (MPI). Nach jahrelangem Protest von Tierschützern verkündete eine Sprecherin des MPI der dpa im April 2017: „Wir bestätigen, dass die Affenversuche endgültig beendet sind und wir keine Affen mehr haben.“ 

Ein Ende aller Versuche an Primaten in Tübingen bedeutet das aber nicht. An drei anderen Instituten der Uni Tübingen werden die gleichen Versuche weiterhin durchgeführt. Die Abteilung für Kognitive Neurologie am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, das Labor für Primaten-Neurokognition am Institut für Zoologie sowie das Werner Reichhardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften forschen weiterhin an Affen. Auf Nachfrage haben wir erfahren, dass die Uni Tübingen zurzeit etwa 50 nichthumane Primaten hält, darunter Rhesusaffen und Weißbüschelaffen.

Ein Rhesusaffe mit Implantat im Kopf, durch das er im Versuch fixiert werden kann.

So sehen die Versuche aus

Was genau da eigentlich mit den Affen gemacht wird, beschreibt das Hertie-Institut in einem 2015 veröffentlichten Artikel in The Journal of Neuroscience: Vor den Versuchen wird den Tieren in einer OP ein Halter aus Titan in die Schädeldecke geschraubt, um sie später zu fixieren. Um elektrophysiologische Aufzeichnungen zu machen, wird ein Loch über einem bestimmten Hirnbereich gebohrt und eine Kammer montiert, sowie Metallspulen in die Bindehaut gesetzt, um Augenbewegungen verfolgen zu können.

In einem sogenannten „Primatenstuhl“ finden dann die Versuche statt. Durch einen Bolzen, der an den Halter in ihrem Kopf geschraubt wird, werden die Tiere bewegungsunfähig gemacht. Im beschriebenen Versuchsaufbau sollen sie nun in einem dunklen Raum auf einen Bildschirm starren und Versuchsaufgaben lösen, wie zum Beispiel einem weißen Kreis mit den Augen folgen. Dabei werden durch Elektroden im Hirngewebe die Nervenströme gemessen. Wird die Aufgabe erfüllt, werden die Affen mit etwas Wasser oder Saft durch einen Schlauch „belohnt“. Die Freiwilligkeit der Aufgaben wird betont, obwohl gleichzeitig erklärt wird, dass die Tiere in ihren Käfigen kein Wasser bekommen. Täglich soll es aber eine Portion Obst oder Gemüse geben und etwa alle zwei Wochen können die Affen innerhalb von zwei Tagen so viel trinken, wie sie wollen. Ob die Motivation der Tiere auf Freiwilligkeit oder Durst aufgrund von Flüssigkeitsentzug beruht, sei dahingestellt. 

Im sogenannten „Primatenstuhl“ sitzen die Tiere teilweise mehrere Stunden pro Versuch.

MPI nur ein Ausnahmefall?

Im Rahmen der SOKO Tierschutz-Recherche berichtete der Undercover-Mitarbeiter des MPI unter anderem, dass ein Tier für vier volle Tage weder Wasser noch Früchte bekommen hat. Aufnahmen zeigen, wie ein Affe mit Gewalt aus seinem Käfig in einen Primatenstuhl gezerrt wird und verschiedene Tiere nach Operationen an Entzündungen oder offenen Wunden leiden. Ob die Bilder nur Ausnahmezustände zeigen, wie das MPI darauf entgegnete, können wir nicht beantworten. Genauso wenig, ob die gleichen Versuche in den anderen Instituten zu ähnlich erschreckenden Zuständen führen.

Allerdings hat sich die Kommunikation mit den Instituten für uns äußerst schwierig gestaltet. Nach anfänglicher Gesprächsbereitschaft bleiben wir auf mehreren unbeantworteten Emails und offenen Fragen sitzen und wundern uns sehr über die Öffentlichkeitsarbeit zu einem so wichtigen und kontroversen Thema. Auch Fotos von Affen im Versuchsaufbau wurden uns verwehrt, weswegen wir auf MPI-Aufnahmen von Soko Tierschutz zurückgreifen.

Hirnforschung an Affen: Notwendig oder überholt?

Eine letzte Frage bleibt: Warum werden diese Versuche eigentlich durchgeführt? Konkrete Medikamente oder Heilverfahren werden dabei nicht getestet, vielmehr wird versucht, durch Grundlagenforschung Erkenntnisse über die Funktionsweisen von Körper und Gehirn zu gewinnen. Die Wissenschaftler hoffen, dadurch später zu einem besseren Verständnis oder der Heilung von Krankheiten beitragen zu können. Die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ kritisiert jedoch diesen Ansatz: „Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht.“ Gleichzeitig verweisen sie auf moderne Technologien in der Hirnforschung als tierversuchsfreie Alternative. „Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. (…) Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.“

Undercover-Aufnahmen von SOKO Tierschutz im Max-Planck-Institut: https://www.youtube.com/watchv=BzTU9ImZYc8&feature=youtu.be

Artikel des Hertie Instituts im „The Journal of Neuroscience“ über den Ablauf der Affenversuche:  http://www.jneurosci.org/content/35/8/3403

Fotos: copyright SOKO Tierschutz / cruelty free int.

Anmerkung der Redaktion:

Wir möchten uns nachträglich zu zwei Themen positionieren. Das erste betrifft die Kommunikation. Nach wie vor sehen wir die direkte Kommunikation zwischen unserer Redakteurin und den Professoren als schwierig an. Uns wurde mit Misstrauen begegnet oder wir bekamen gar keine Antwort. Im Kontakt mit der Hochschulkommunikation war dies anders und es wurde uns angeboten in Fällen wie diesen zukünftig zu vermitteln um schneller an Antworten und somit ans Ziel zu kommen. Der zweite Punkt betrifft den Inhalt. Hier hat uns die Hochschulkommunikation inzwischen – wenn auch etwas zeitverzögert – noch einige Statements geschickt bzw. möchte zu im Text getroffenen Aussagen Stellung nehmen. Diese Möglichkeit möchten wir bieten, dennoch aber nicht unkommentiert lassen.

Zitat 1 Text: „Aufnahmen zeigen, wie ein Affe mit Gewalt aus seinem Käfig in einen Primatenstuhl gezerrt wird und verschiedene Tiere nach Operationen an Entzündungen oder offenen Wunden leiden. Ob die Bilder nur Ausnahmezustände zeigen, wie das MPI darauf entgegnete, können wir nicht beantworten.“

Stellungnahme 1 Hochschulkommunikation: In den Einrichtungen der Universität Tübingen werden keine Führstangen genutzt, damit die Tiere in den Stuhl gehen. Die Tiere werden darauf trainiert, selbständig in den Stuhl zu steigen. Operierte Tiere werden eng überwacht und gegebenenfalls medizinisch behandelt, damit bei der Wundheilung keine Komplikationen auftreten.

Anmerkung 1 Redakteurin: Im Artikel ist klar gekennzeichnet, dass die beschriebenen Zustände im MPI dokumentiert wurden und nicht in den anderen Instituten. Der Artikel behauptet an keiner Stelle, dass in diesen Instituten Führstangen eingesetzt werden.

Zitat 2 Text: „Wird die Aufgabe erfüllt, werden die Affen mit etwas Wasser oder Saft durch einen Schlauch „belohnt“. Die Freiwilligkeit der Aufgaben wird betont, obwohl gleichzeitig erklärt wird, dass die Tiere in ihren Käfigen kein Wasser bekommen. Täglich soll es aber eine Portion Obst oder Gemüse geben…“

Stellungnahme 2 Hochschulkommunikation: Die notwendige tägliche Wassermenge, die sie nicht über die Belohungen im Versuch erhalten, wird durch zusätzliches Wasser (und Früchte) nach Abschluss des Aufgabe ergänzt, wenn auch nicht im Käfig. Die täglichen Wassermengen sind vorgegeben und werden engmaschig vom veterinärmedizinischen Dienst und den Behörden (Regierungspräsidium und Landratsamt) überwacht. Die Tiere leiden auf keinen Fall an Unterversorgung mit Flüssigkeit oder mit wichtigen Nährstoffen, wie im Text suggeriert. Tatsächlich muss es den Tieren gut gehen, damit sie fähig und willig sind, die hochkomplexen kognitiven Aufgaben zu lösen. Tierquälerei ist auch wissenschaftlich kontraproduktiv und wäre selbst abseits aller moralischen Erwägungen schon deshalb nicht im Sinne der Wissenschaftler. Im Paper steht ganz klar: „If needed, additional fluid and/or juicy fruits were provided after experiments to satisfy the daily fluid requirement.“

Anmerkung 2 Redakteurin:

Die Aussage im Artikel, dass die Tiere im Käfig kein Wasser erhalten, wird von der Hochschulkommunikation nicht bestritten. Auf das zusätzliche Obst und Gemüse wird im Artikel sogar explizit hingewiesen.  Zitat: „Täglich soll es aber eine Portion Obst oder Gemüse geben und etwa alle zwei Wochen können die Affen innerhalb von zwei Tagen so viel trinken, wie sie wollen.“

Der Hinweis, dass die Affen NACH den Versuchen noch Wasser erhalten, ist für die Frage der Motivation durch Durst beim Versuch irrelevant. Nur die ausreichende Zufuhr von Wasser VOR dem Versuch könnte die Vermutung, dass die Affen durch Durst motiviert werden, entkräften. Darüber hinaus suggeriert der Artikel nicht – wie von der Hochschulkommunikation missverstanden – eine Unterversorgung an Flüssigkeit, sondern beschreibt lediglich die aus dem offiziellen Paper entnommenen Abläufe, erwähnt die von den Instituten angeführte Freiwilligkeit, und lässt dem Leser Raum für sein eigenes Urteil. Des Weiteren befasst sich der Artikel an keiner Stelle mit der möglichen Unterversorgung von Nährstoffen.

 

2 Gedanken zu „Affenversuche an der Uni gehen weiter“

  1. Diese sogenannte Grundlagenforschung wird in anderen Studien zu Medikamenten etc auch sehr wenig zitiert. Die Relevanz bleibt dadurch fraglich.

  2. Der Nutzen solcher Versuche ist vielseitig. Erbringt es neue Erkenntnisse über das Primatengehirn. Diese Erkenntnisse sind teilweise(!) sehr gut auf den Menschen übertragbar. Das prominenteste Beispiel findet sich in der Tiefenhirnstimulation, bei der man die pathologische Symptomatik bei Parkinsonpatienten deutlich senken kann. Bei der hier zitierten Studie handelt es sich um die Erfoschung des Kleinhirns, welches vereinfacht gesagt zum Feintuning von Bewegungen beiträgt. Ein gutes Verständnis dieser Region kann aus therapeutischer Sicht zu effektiveren Therapien beitragen und die Lebensqualität der Betroffenen stark verbessern.
    Ob man meint, das rechtfertigt die durchaus belastenden Versuche, kann jeder selbst entscheiden.
    Allerdings könnte man sich etwas mehr journalistische Sorgfalt wünschen wenn man einen Verein wie ÄgT so unkritisch zu Wort kommen lässt. Dieser Verein verbreitet laufend Falschmeldungen, z.B. die Erkenntnisse aus derartigen Versuchen könnten mit noninvasiven Methoden genau so gemacht werden. Wäre dem so, würden Tierversuche gar nicht erst genehmigt werden. Um diese Logiklücke zu schließen muss dann wieder Big Pharma herhalten -_-. Aber gut. Freies Land und so.

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