Sinnvolle Vielfalt statt staubtrockene Optimierung

Schon einmal von der Gruppe „Rethinking Economics“ gehört? Von Pluraler Ökonomik, alternativen Wirtschaftsansätzen und der Vorlesungsreihe „Ökonomie und das gute Leben“? Es lohnt sich, einen Einblick in diese Bewegung zu bekommen, die Schwung in die so verstaubt und trocken wirkende Wirtschaftswissenschaft bringt. Die zwei VWL-Studierenden von Rethinking Economics, Joscha Krug und Anna-Katharina Kothe, geben ihn uns.

Jeder Mensch versucht für sich allein auf rationale Weise den optimalen Nutzen aus seinen ihm gegebenen Ressourcen zu ziehen – so eine Grundannahme der Neoklassischen Wirtschaftstheorie. Joscha und Anna-Katharina studieren VWL und wissen, dass diese Theorie eigentlich nur eine unter vielen ist. Trotzdem geht es in ihrem Studium fast ausschließlich darum, mit mathematischen Modellen optimalen Nutzen zu erzielen. „Ist das schon alles, was das Wirtschaftswissenschaftliche Studium zu bieten hat?“ haben sich Joscha und Anna-Katharina wie viele ihrer Kommilitonen zu Beginn des Studiums gefragt und sich der 2012 gegründeten Studierendeninitiative „Rethinking Economics“ angeschlossen. Sie engagiert sich für mehr Vielfalt in der Wirtschaftswissenschaft. Als eine der ersten großen Aktionen bietet diese semesterweise Ringvorlesungen im Rahmen des Studium Generale an, dieses Semester mit dem Thema „Ökonomie und das gute Leben“.

Warum gibt es euch? Was läuft falsch in der Wirtschaftswissenschaft?

Anna-Katharina: Unsere Gruppe wurde aus der Frustration heraus gegründet, wie in der Wirtschaftswissenschaft gelehrt wird. Es gibt so viele verschiedene Strömungen, methodische Ansätze und Theorieschulen, die alle meistens nicht einmal erwähnt werden. Wir setzen uns für mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften ein.

Joscha: In den Wirtschaftswissenschaften läuft derzeit so viel falsch, dass man keinen PhD in Economics braucht, um den Finger auf die Wunde zu legen. Die Wirtschaftswissenschaft sollte näher an der Lebensrealität sein. Stattdessen wird alles in mathematische Formeln gepackt.

Anna-Katharina: Dabei gibt es viel mehr!

Zum Beispiel?

Joscha: Ein gutes Beispiel ist die Komplexitätsökonomik. Bei ihr wird darauf Rücksicht genommen, dass in einem Wirtschaftssystem viele verschiedene Menschen agieren, die verschiedene Persönlichkeiten haben und z.B. unterschiedlich reagieren oder entscheiden. Das kann man mithilfe von Computersimulation darstellen.

Eure Ringvorlesung dieses Semester hat das Thema „Ökonomie und das gute Leben“: Was ist das „gute Leben“? Was hat es mit Ökonomie zu tun?

Anna-Katharina: Das Ziel der Ringvorlesung ist es, die Frage nach dem „guten Leben“ von verschiedenen Positionen zu beleuchten. Wie so oft in den Sozialwissenschaften gibt es nicht die perfekte Antwort, sondern eine Vielfalt an Lösungsansätzen. Wir haben als Gruppe auch keinen Masterplan nach dem Motto: So retten wir die Welt, so machen wir die perfekte Wirtschaft. Aber wir stehen dafür ein, dass es viele Ansätze gibt, die alle nebeneinander ihre Berechtigung haben, solange sie akademisch begründet sind.

Joscha: Zum Zusammenhang: Meine Definition ist, dass Ökonomie dazu dienen sollte, die materiellen Grundlagen für das „gute Leben“ bereitzustellen.

Schwung in die Lehre der Wirtschaftswissenschaften bringen. Das ist das Ziel von Rethinking Economics.
Zwei eurer Redner sind bekannte Vertreter alternativer Wirtschaftsansätze: Niko Paech (kommt am Mittwoch, 28.06.) mit der Postwachstumsökonomie und Christian Felber mit der Gemeinwohlökonomie. Wie bekommt man solche derzeit gefragten Persönlichkeiten nach Tübingen?

Anna-Katharina: Rethinking Economics ist langsam schon ein bunter Hund in der Szene, wird anerkannt. Wenn man ein gutes Konzept hat und sagt: Wir sind jung und engagiert und hätten gerne SIE! Kommen Sie doch zu uns! Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass sie ja sagen.

Joscha: Im Laufe der Zeit bilden sich auch Kontakte und Netzwerke. Einer kennt einen, der an jenem Lehrstuhl arbeitet – dann kann man darüber versuchen, die Leute zu bekommen.

Ihr werdet nächstes Semester ins Modulhandbuch und ins Campussystem aufgenommen. Musstet ihr viel dafür kämpfen?

Anna-Katharina: Naja, mittlerweile kommen tatsächlich auch Leute auf uns zu. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Die Aufnahme ins Modulhandbuch wurde z.B. von ihnen vorgeschlagen. Innerhalb der Uni gibt es aber verschiedene Ansichten darüber, wie wichtig diese Bewegung ist. Der ein oder andere Professor macht sich darüber lustig und tut uns als diese „linksverstaubte Ökobewegung“ ab, aber andere schätzen das wichtiger ein. Diese Kontakte wollen wir natürlich bestärken.

Joscha und Anna-Katharina erklären, was in der Wirtschaftswissenschaft fehlt.
Heißt das, dass ihr und die Plurale Ökonomik mehr und mehr Unterstützung und Zulauf bekommt?

Joscha: Es gibt mittlerweile einen Stamm an Leuten, die wissen, dass es uns gibt und sich auch auf Kooperationen einlassen und uns Ressourcen zu Verfügung zu stellen. Auf deutschland- und europaweiter Ebene hat sich schon viel Fortschritt getan, während das in Tübingen noch wenig messbar ist. Wir haben keine Doktorandenstelle für Plurale Ökonomik. Aber: Wir sind präsent, stehen hinter dem Thema und bringen das hier ein. Durch uns wird Plurale Ökonomik in Tübingen diskutiert.

Was sind eure nächsten Ziele und Projekte?

Anna-Katharina: Unser nächstes großes Ziel ist die Institutionalisierung, das heißt, dass Lehrangebote zur Pluraler Ökonomik im Bachelor-Studienplan eingebaut werden. Dann gäbe es mehr als die Ringvorlesung, die ja trotz Unterstützung seitens der Uni vor allem auf unserer studentischen Initiative beruht und nur im Bereich der Schlüsselqualifikationen angerechnet werden kann. Konkret wollen wir zunächst eine halbe Doktorandenstelle schaffen.

Wie realistisch ist dieses Ziel?

Anna-Katharina: Ich würde so argumentieren: Wenn wir auf die Fakultät zukommen und das abgelehnt wird, dann muss es sehr triftige Gründe geben. Und Ablehnen wäre ein Schuss ins eigene Knie. Mein Lieblingsargument ist: Wenn wir die Uni Tübingen stark machen möchten, auch als Hochburg für die Wirtschaftswissenschaften, dann müssen wir Schwung in die verstaubte Lehre bringen, dann brauchen wir Innovation. Dann brauchen wir plurale Lehre – und damit diese Bewegung.


Neugierig geworden? Die Rethinking-Economics Gruppe trifft sich jeden Donnerstag von 19.00 bis 21.30 Uhr im Institut für Politikwissenschaft. Interessierte aller Fachrichtungen sind herzlich willkommen!

Fotos: Felix Müller
Grafik: Rethinking Economics

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