Lammert: „zu viele Reden und zu wenige Debatten“

Am Freitagabend feierte das Seminar für Allgemeine Rhetorik sein 50-jähriges Bestehen im Festsaal der neuen Aula. Ehrengast war der Präsident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert. Er sprach zum Thema „Reden in der Demokratie“.

50 Jahre Rhetorik in Tübingen: 1967 gründete Walter Jens, ein Deutscher Altphilologe und Schriftsteller, das Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Seitdem habe sich einiges getan. Die Rhetorik in Tübingen sei ein europäisches Vorreiterprojekt und in seiner vorliegenden Form „ein echtes  Unikat“, behauptet Monique Scheer, Empirische Kulturwissenschaftlerin. Mit der Übernahme von Erkenntnissen aus der Linguistik und den Kognitionswissenschaften könne die Rhetorik ihre eigenen Theorien und Analysemethoden aufwerten. Die Technik beeinflusse die Weise, wie Reden gehalten würden. Ted-Talks, Science Slams oder Power-Point-Präsentationen seien neue Phänomene, die es zu untersuchen gelte.

Authentizität pur: der „Lammert-Stil“

Ehrengast des Abends ist Norbert Lammert. 2016 wurde die Rede, die er am 3. Oktober in der Semperoper in Dresden hielt, zur Rede des Jahres gekürt. Joachim Knape, Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen, ist Jurymitglied gewesen. Knape findet, wie er in einem SWR-Interview berichtet, dass Lammert einen ganz eigenen Redestil habe. Diese von ihm als „Lammert-Stil“ bezeichnete Weise des Sprechens, sei „stark authentisch“ und „vermeide Floskeln“.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Seminars für Allgemeine Rhetorik versammelten sich etwa 700 Menschen im Festsaal der Neuen Aula.

Auch am Freitag spricht Lammert in einem ruhigen und anhaltend sachlichen Ton. Dabei niemals in eine langweilige Monotonie des Klangs verfallend. Er ist in der Lage Witze zu machen und trotzdem der Sache ihren Ernst zu lassen. So fasst er verschiedene Aspekte zusammen, die eine gute Rede ausmachen würden: Haltung, Gestik, Blickkontakt, Klangfarbe und Betonung. Lediglich sieben Prozent, so das Ergebnis einer Untersuchung, würde der Redeinhalt selbst ausmachen. „Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich heute Abend eine Pantomime vortrage“, meint Lammert, diese Erkenntnisse belustigt zusammenfassend, denn scheinbar sei das Gesagte ohnehin nicht von Bedeutung.

„Die Rede macht das Debattieren unmöglich“

Lammert zeigt sich kritisch gegenüber weit verbreiteten Vorstellungen von demokratischer Rede. Die parlamentarischen Redner, so seine Auffassung, seien natürlich keine Wahrheitsverkünder. Nicht „Wahrheitsansprüche“ würden im Parlament geltend gemacht, sondern „Interessen vertreten“. Das Publikum lacht, Lammert wechselt seine Tonlage, spricht lauter und schneller, dabei immer noch deutlich und in sich ruhend: „Wenn ich mich an einer Abstimmung beteilige, kann nicht mehr von Wahrheit gesprochen werden“. Denn die Wahrheit, so Lammert, bedürfe keiner Abstimmung –  Interessen jedoch schon.

Parlamentarische Redner seien keine Wahrheitsverkünder, sondern Interessenvertreter, so Lammert. In diesem Lichte seien die Abstimmungen im Bundestag zu betrachten.

„Der Stellenwert der Rede“ würde zu einer Bedeutung aufgeblasen, „die der Realität nicht standhält“, so lautet Lammerts kritisches Urteil. Er ist der Meinung, dass in den deutschen Parlamenten an sich „zu viele Reden und zu wenige Debatten“ gehalten würden. Die Rede mache das Debattieren unmöglich, denn viel zu sehr fokussiere sie sich auf das was man selber sagen wolle. Lammert, der in seiner Position als Präsident des Bundestages der wohl elaborierteste Beobachter des deutschen Parlamentes ist, bekundet, dass die Abgeordneten in ihren Reden zu selten auf die Argumente anderer eingingen.

Albert Einstein fragte einst: „Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?“ – „der Traum aller Politiker, gerade in Wahlkampfzeiten“, fügt Lammert dieser Äußerung hinzu. Sich auf die anwesenden Wissenschaftler im Publikum beziehend, meint er, dass es ein großer Vorteil der WissenschaftlerInnen sei, dass sie „weder jeder verstehen, noch jeder mögen“ müsse.

Dieses Privileg zu verwenden und richtig zu nutzen, das bleibt Aufgabe der Tübinger Wissenschaftler.

Fotos: Lukas Kammer

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