The Good, the Bad and the Holy

Am 27.05.2017 las die Schriftstellerin Anne Weber beim Tübinger Bücherfest aus ihrem neuen Roman „Kirio“. Das Buch erzählt vordergründig die heitere Geschichte eines eigenwilligen Protagonisten. Noch interessanter ist aber der Erzähler.

„Kirio“ stellt so einiges auf den Kopf und das gleich in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal ist da der Protagonist Kirio, der sich ständig selbst auf den Kopf oder eher auf die Hände stellt und darauf naiv wohltätig durch die Handlung stolpert. Schon sein Name verweist auf eine facettenreiche Natur: Die Inspiration dazu komme einerseits vom französischen «qui rit» (der lacht), andererseits vom griechischen Kyrios (Das Göttliche). Kirio sei „ein Heiliger, der gleichzeitig Menschen zum Lachen bringt“ sagt Anne Weber. So ist es im Grunde nicht bloß ein Buch, was sie da geschrieben hat, denn in den Händen der Leser kann es ganz unterschiedlich erscheinen: Als philosophische Fabel, als lustige Anekdote oder, so wie es die Autorin selbst sieht, als „moderne Heiligenlegende“. Sie sei „einem Menschen begegnet, der ganz ohne Arg- und Bosheit ist“ und davon erstaunt gewesen, „dass es so etwas noch in Reinform gibt.“ Daraus entstand die Idee, sich nicht mit dem Bösen, das in der Literatur so oft anzutreffen ist, sondern mit dem Guten zu beschäftigen.

Was ist schon normal?

Nach einer nicht eindeutig befleckten Empfängnis kommt Kirio zur Welt, der Rest ist Geschichte. Eine Geschichte von Selbstmördern, Trinkern und talentfreien Schriftstellern, von traurigen Gestalten also, die es trotzdem schafft, bis an die Grenze des Erträglichen heiter zu sein.

Schon in der Schule fällt auf, dass der Junge irgendwie anders ist. Er schert sich nicht um die verfestigten Strukturen der Gymnasialdidaktik, dekliniert Lateinvokabeln, wie es ihm passt. Sein ständiges Unnormalsein wirft die Frage auf, ob nicht gerade er den Normalzustand des Universums, das Chaos, reflektiere und der ganze Rest unnormal verkrampft sei. In der Heimatprovinz hält ihn in jedem Fall nichts und so beginnt er eine Odyssee durch Frankreich und Deutschland. Es werden geboten: ein bisschen Sex, Naturpanoramen und Großstadtmelancholie in Paris. Dort kommt Kirio, nachdem er in bester Lenz-Manier fernab der Zivilisation durchs Gebirg‘ gestapft ist, an.

Das Publikum drängte sich in den Schatten der Stiftskirche.

Wieviel Wunderkind ist zu viel?

Auf seinem Weg vollbringt er unwissentlich manches Wunder, rettet Jacken vor dem Ertrinken, die Nachbarin vor der Explosion und wird schließlich irgendwann so messianisch überhöht, dass der Leser sich nach moralischer Herabstufung sehnt. Ein Held ohne dunkles Geheimnis, ohne emotionale Hypothek, wer schreibt das heute noch? Vielleicht geht es einem zu gut, wenn man einen lupenreinen Helden langweilig findet. Die Sehnsucht nach Antimoral aber bleibt. Die Fabel des Wunderkinds, das der Welt zeigt, wie verkopft sie doch ist, das ebenso ratlos vor Kapitalismus, wie vor Gewalt steht, wirkt wie schon mal gehört, schlimmer noch: pathetisch. Zum Glück kennt die Autorin das beste Mittel gegen Pathos: Humor, besser noch: Ironie. Mit subtiler Komik gelingt es ihr eventuelle Schnulzigkeit zu kurieren. Sympathisch platte Wortwitze und die vielleicht schönsten Koitusmetaphern (Stichwort: „Seidenritze“) seit Herrmann Hesse oder zumindest seit der Bloodhound Gang verhindern das Abdriften in eine kitschige Märchenwelt.

Wer spricht?

Nun stand ja weiter oben das Kopfstellen finde im Falle dieses Romans gleich zweimal statt. Neben der Hauptfigur steht nämlich auch der Erzähler irgendwie Kopf oder wenigstens nicht fest. Über das Buch hinweg fragt sich der Leser, wer da zu ihm spricht. Dass der Sprechende es selbst nicht weiß, macht die Sache nicht einfacher, aber interessanter. Nur einem ist er sich sicher: Der Erzähler will er nicht sein. Mit einem Ich-Erzähler, der keiner sein will und außerdem sein Ich sucht, hat man es doch eher selten zu tun und so wird die leicht stereotype Geschichte Kirios durch ihren schicken Rahmen doch nochmal spannend. Irgendwo zischen Ich- und Nicht-Erzähler dümpelt vor sich hin – ja, wer eigentlich? Die Autorin? Der Leser? Peter Handke? Um das nicht herauszufinden, müssen Sie das Buch schon selbst lesen. Ihre Existenz stellt die unbekannte Entität logisch fest. Cartesisch: «On me pense, donc je suis» („Man denkt mich, also bin ich.“) Wo sie herkommt oder welcher Natur sie ist bleibt dagegen offen.

Fotos: Sebastian Sauer

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