Ein Recht auf Rausch

Am Samstag, den 6. Mai, fanden sich weltweit Menschen auf den Straßen zusammen, um zum „Global Marijuana March“ ihren Protest gegen die Prohibition von Cannabis zum Ausdruck zu bringen. Zeitgleich mit 25 anderen deutschen Städten demonstrierten auch vor dem Tübinger Rathaus Bürger zum mittlerweile dritten Mal für eine umfassende Legalisierung der Pflanze – mit zündenden Argumenten.

Um 14 Uhr begann die etwa drei Dutzend Personen große Kundgebung auf dem Tübinger Marktplatz. „Sex and Drugs and Rock ‚n‘ Roll“-Gesang aus den Lautsprechern und das Amphibienfahrrad der Organisatoren vermittelten zunächst den Eindruck einer Hippie-Demo, doch man wurde umgehend eines Besseren belehrt. Zwischen Gesangseinlagen lag der Fokus der Kundgebung nämlich nicht auf dem Streben nach persönlichem entspannendem Gebrauch, viel mehr drehte sich die Rhetorik um individuelle, politische und internationale Missstände.

„Freiheit für Oma Rosi!“

Die Redner, die sich gegen staatliche Bevormundung aussprachen, führten als Argument zur Legalisierung zehntausende Alkoholtote pro Jahr gegen keinen einzigen dokumentierten Cannabistoten ins Feld. Einige Aktivisten konsumieren nicht einmal selbst Hanf. Ein an der Protestaktion teilnehmender Allgemeinarzt aus Tübingen erklärte, dass es den Demonstrierenden darum gehe, dass jemand nicht mehr dafür kriminalisiert wird, dass er eine Substanz zu sich nimmt, die medizinisch gesehen weniger Schaden anrichtet als Alkohol. So wurde von den medizinischen Vorteilen der Pflanze gesprochen, die seit dem 10. März diesen Jahres auch von deutschen Ärzten verordnet werden kann. Hinzu kam die Geschichte von „Oma Rosi“ aus der Tübinger Umgebung, die im Alter von 70 Jahren wegen des Besitzes und der Weitergabe von 113g Hanf 16 Monate Haft verbüßen sollte – die Strafe wurde jedoch zur Bewährung ausgesetzt.

Ein Hauptanliegen war die Entkriminalisierung des Marijuana-Konsums, unter anderem anhand des Beispiels von „Oma Rosi“.

„Im Kreis Tübingen wird täglich etwa ein halbes Kilogramm Hanf verbraucht.“

Einer kurzen Geschichte der Hanfpflanze, die vor einigen Jahrhunderten auch zu Segeln verarbeitet wurde, folgte ein Beitrag des Akzept Vereins Tübingen, der sich mit zahlreichen Daten an die Zuhörer wandte. Die präsentierten Zahlen sind erstaunlich. Nach Angaben des Vereins werden jeden Tag im Umkreis unserer Studentenstadt mehrere hundert Gramm Gras konsumiert – dem gegenüber scheint Oma Rosi nur ein kleiner Fisch zu sein. Es wurde vom Drogenkrieg in Mexiko gesprochen, der vom Heidelberger Institut für Konfliktforschung mit 200.000 Toten in den letzten 11 Jahren zum innerstaatlichen Krieg eingestuft wird. Die Demonstrierenden wollen diesen und weitere Drogenkriege durch Legalisierung beenden. Als erster G8-Staat wird Kanada voraussichtlich zum 1. Juli 2018 das Marijuana-Verbot landesweit aufheben; eine solche Politik wünschen sich auch die deutschen Demonstrierenden.

„Man muss sich in einem Rechtsstaat nicht dafür rechtfertigen, warum man etwas braucht – der Staat muss sich rechtfertigen, warum er etwas verbietet.“

Gibt’s nichts Wichtigeres?

Auf die Frage, ob es keine wichtigeren gesellschaftlichen Probleme als die Legalisierung weiterer Drogen gebe, kam die Antwort einfach und ehrlich. Nicht nur in Deutschland schafft die Prohibition unnötige Probleme für die Betroffenen. Es gebe zwar global und national zweifelsfrei dringendere Probleme, mit einer Legalisierung hätte man jedoch vor allem in Anbetracht der Drogenkriege auf den Philippinen, in Mexiko usw. mit wenig Aufwand viele Probleme auf einmal gelöst. Zudem müsse man sich in einem Rechtsstaat nicht dafür rechtfertigen, warum man etwas brauche – der Staat müsse sich rechtfertigen, warum er etwas verbiete. Diesbezüglich führte man auch den Schildower Kreis an, eine Resolution von über 120 Strafrechtsexperten, darunter auch der in Tübingen lehrende Prof. Dr. Jörg Kinzig, die sich für das Ende der Prohibition einsetzen.

„Drogen gehören in den Fachhandel“

Obwohl sie für die Legalisierung auf die Straße gingen, war man sich einig: Es braucht Regulation. „Drogenkonsum ist riskant, deshalb müssen Drogen kontrolliert abgegeben werden.“  Ganz ohne Hippie-Feeling von Frieden & Liebe ging es dann doch nicht, als zwischendurch eine Live-Interpretation von John Lennons Imagine im Duett geschmettert wurde. Mit viel Musik der verschiedensten Richtungen, unter anderem Dr.Dre, Snoop Dogg und Metalsound, führte der kleine Demonstrationszug durch die Altstadt und endete pünktlich um 16 Uhr am Anlagensee.

Fotos: Franziska Walter

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