Von Sonnenschein und Wein

Tübingen und der Wein: Das ist eine besondere Beziehung, die nicht immer von Liebe geprägt war. Eine Geschichte von Sonne, Gôgen und Besen, mit denen man nicht fegen, aber in die man einkehren kann.

Es ist heiter und die Tübinger gieren nach der strahlenden Frühlingssonne. Erste genehmigen sich ein Sonnenbad im alten Botanischen Garten oder auf der Neckarmauer. Dafür hat David Brenner an den Nachmittagen zwischen dem 15. Februar und dem 8. April keine Zeit. Denn in diesem Zeitraum betreibt er den Tübinger Altstadtbesen in der Haaggasse, unterstützt von seinen Eltern. Kümmert er sich im Moment um zahlreiche Karaffen seines gefragten Tübinger Weins und einige Portionen Schlachtplatte, so gilt seine Aufmerksamkeit im Spätsommer anderen Tübinger Sonnenanbetern: Weinreben, gelegen zu Füßen der Wurmlinger Kapelle.

Der Weg hoch zu diesem kleinen Gotteshaus ist nicht der leichteste. Genauso verhält es sich auch mit der Arbeit an diesen warmen Hängen zwischen Hirschau und Wurmlingen, dem ersten Rottenburger Ausläufer. „Schön ist es“ meint Davids Vater Anton, von dem dieser das Weinhandwerk gelernt hat. „Aber schaffen muss man schon“ hält sein Sohn kurz und trocken fest. In den markanten Steillagen arbeiten Vater und Sohn oft zusammen, aber noch immer von Hand. Es sind einige der 14 Stationen des hiesigen Kreuzwegs, die man passieren muss, ehe man sich unterhalb des kleinen Gemäuers mit dem roten Dach, aber inmitten von Weinreben wiederfindet.

Doch der Aufstieg lohnt sich. Wer sich auf den Kapellenberg begibt, spürt vielleicht nicht nur die Sonne intensiver, sondern wird auch von der Muse geküsst wie Ludwig Uhland. Er widmete dem weißen Gebäude, welches dem heiligen Sankt Remigius geweiht ist, eigene Verse. Neben anderen Tafeln mahnen sie Weiß auf Schwarz und in Gold gerahmt die Vergänglichkeit des Lebens an („Die Kapelle“ http://bit.ly/2o7HcTS ) Gleichwohl, welchen Geist man dort oben sucht, man wird ihm habhaft werden. Glauben und Genuss sind hier gleichermaßen zu Hause.

Die Wurmlinger Kapelle und der Wein in den darunter befindlichen Steillagen sind von der Sonne verwöhnt.

Unter der Spitze des 475m hohen Zeugenbergs erstrecken sich große Teile der für den Anbau von Wein geeigneten Fläche im Landkreis Tübingen. Die Zeiten des professionellen Weinbaus in der Gegend sind jedoch Vergangenheit. Um 1800 waren es im Landkreis Tübingen insgesamt noch 200 Hektar urbare Fläche, wovon heute nur noch 30 geblieben sind. Und Brenners wiederum bewirtschaften 1,3 Hektar am Kapellenberg. Die meisten der 180 Weingärtnerinnen und Weingärtner produzieren und keltern nur noch für den Eigenbedarf, aber zum Glück gibt es hier auch Ausnahmen. Ausnahmen wie David und seinen Vater Anton.

Zurück in der Tübinger Altstadt. Familie Brenner öffnet in einer halben Stunde wieder die Pforte der Haaggasse 22. Der Geruch von gekochtem Sauerkraut liegt in der Luft. Und alle Hände packen an, damit sie den Gästen, die vor der kleinen Holztür am Ende der kurzen Treppe warten, den gewohnten Genuss bieten können. Das ist der Gegenpol zu Smartphone-Applikationen, mit deren Hilfe man sich Essen an die Haustüre liefern lassen kann. Hier muss der Gast selbst noch etwas Zeit investieren, wenn er vor dem Besen wartet – denn Reservierungen, die gibt es hier nicht.

17 Uhr, die ersten Gäste trudeln ein und werden persönlich begrüßt, denn man kennt sich. Anstrengend kann es sein, sagt David, aber es sei auch schön, wenn man unter die Leute komme. Sein Vater Anton betreibt nun schon seit 35 Jahren den Weinbau als Hobby. Irgendwann kam die Besenwirtschaft dazu, und, so sind sich beide einig, dadurch seien beide Söhne in die Sache hineingewachsen. Während Davids Bruder Philip den Albtorbesen in Reutlingen als Nebenerwerb bewirtschaftet, ist Davids Arbeit in Tübingen sein tägliches Brot. Reich wird er nicht mit dem Besen, aber dafür habe er andere Vorteile. Sein eigener Chef zu sein ist ihm viel Wert, das merkt man dem Mann mit dem festen Blick an.

David Brenner ist der einzige hauptberufliche Weingärtner in Tübingen – und der Besen der letzte seiner Art in der Altstadt.

Das Hobby seines Vaters und Davids jetziges Auskommen, das war früher harte und wenig erfüllende Arbeit. Im Verlauf der Geschichte stellten die sogenannten Gôgen lange Zeit die Unterschicht der Tübinger Gesellschaft dar. Deutlich wurde das auch am Wohnort der Weingärtner innerhalb der Stadt: Sie lebten in der Unterstadt (http://bit.ly/2nxuBYP), den kleinen und engen Gassen nahe des Ammerkanals. Die Universitätsangehörigen schätzten deren Gesellschaft jedoch wenig: Hermann Hesse soll dort einmal eine wenig schöne Begegnung gehabt haben – diese war ihm im Gegensatz zu Uhland keineswegs ein literarisches Denkmal wert (http://bit.ly/2ovb09b).

Das Leben und die Arbeit als Gôge war schwer, der Ertrag selten ausreichend, um eine Familie zu ernähren. Angeblich wenig schmackhafte Weine entsprangen den eher kargen Böden am Fuße der schwäbischen Alb. Die Bodenverhältnisse sind heute nicht viel anders, allerdings setzt Familie Brenner bei ihren Reben auch nicht mehr wie die Gôgen auf Masse, sondern vielmehr auf Klasse. Deshalb ist die Qualität mit den früheren Weinen aus dem Tübinger Umland nicht mehr zu vergleichen.

Keineswegs „Semsakrebsler“. Brenners setzen auf Klasse statt Masse.

Vieles hat sich aber inzwischen geändert. Die Weine, die im Besen ausgeschenkt werden, sind wahrlich keine „Semsakrebsler“. Auch das Leben von und mit dem Wein ist nicht mehr so schwer wie früher, aber ein Zuckerschlecken ist es nach wie vor nicht. Und die Entscheidung die Besenwirtschaft zu betreiben wurde auch nicht aus der Not heraus geboren, sondern war eine aus Liebe zum Handwerk. Nötig hätte es David Brenner als studierter Politikwissenschaftler wohl nicht gehabt. Aber davon hatte er nach dem Studium irgendwann die Schnauze voll, sagt er frei heraus. Und so wurde aus ihm der einzige hauptberufliche Weingärtner in Tübingen.

Und der betreibt die letzte echte Besenwirtschaft in Tübingen. Sie ist nicht nur deshalb eine besondere Institution. Existent ist sie nur dank einer Lücke in der Legislative, die sie von Abgaben und Ähnlichem befreit. Ohne diese Privilegien, so ist sich Anton Brenner sicher, könnte es den Besen nicht geben. Bald schließt dieser wieder seine Pforten, die sich acht Wochen vor Ostern geöffnet haben. Das nächste Mal werden sie das im Herbst tun, zehn Wochen vor Weihnachten. Es ist ein bisschen wie an der Wurmlinger Kapelle: Glaube und Genuss scheinen irgendwie miteinander verbunden, wenn es sich um den Wein dreht.

Fotos: Marko Knab

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