durchgeblättert: Buchhandel mit Herz und Vielfalt

Immer wieder werden kleine Buchhandlungen im Angesicht der riesigen Filialketten und Onlinegrößen wie amazon und Co. totgeredet. Doch sie behaupten sich immer wieder. Denn: Unabhängige Buchläden haben einige lohnende Vorteile.

Wolfgang Zwierzynski sitzt in seiner Buchhandlung Quichotte hinter dem alten Schreibtisch im Eck. Mit seinen Kunden spricht er ruhig, aber lässt sich auch schnell für genannte Autoren oder Themen begeistern. Wenn er beginnt, Anekdoten zu erzählen, wirkt er wie ein sympathischer Professor, der von so viel aus der Welt des Lebens und der Wissenschaft berichten kann. Nachdem er noch kurz eine Bestellung aufgenommen hat, wendet er sich öffnend zum Laden und beginnt seine Geschichte …

„Das Ganze begann so: Ich wollte eigentlich ein Lektorats- und Recherchebüro machen. Das mit der Buchhandlung hat sich dann so ergeben, ich dachte: ‚Mit Büchern hast du eh die ganze Zeit zu tun, also könntest du doch nebenher auch welche verkaufen.‘ Irgendwann habe ich dann mehr verkauft als lektoriert.“ Wenn Zwierzynski von sich, seinem Buchladen und Literatur erzählt, sind diese Geschichten so spannend und vielfältig, wie sie sich in den zahlreichen Büchern in den Regalen und Stapeln in seinem Laden finden. Als das Gespräch dann auf Osiander fällt, sagt er: „Osiander hatte früher ja noch eine viel größere Spannweite mit Literatur von kleinen Verlagen. Das fiel mit der Zeit dann weg und es wurde kaufhausartiger.“

Die Angst vor den Filialen schafft Nischen

Gegen die Strahlkraft der ältesten und größten Buchhandlung Baden-Württembergs haben es viele kleinere Buchhandlungen schwer. Holzmarkt, Nonnenhaus, Wilhelmstraße, Neckarbrücke – das sind nur die Filialen in Tübingen. Das Familienunternehmen mit dem Uhlandkopf im Logo besitzt jetzt schon 39 Filialen in Deutschland und will weiter expandieren: Die neue Zentrale in Derendingen soll bis zu 60 Läden möglich machen. Kein Wunder also, dass Osiander mit 75. Mio € Umsatz die fünftgrößte Buchhandlung Deutschlands ist.

„In kleinen Städten oder Dörfern haben alle kleinen Buchhandlungen Angst davor, dass der große Filialist kommt. Viele müssen dann zumachen.“ Als Angelika Gocht diesen Satz sagt, liegt in ihrer Stimme ein gewisses Mitgefühl. Sie ist die Geschäftsführerin der Buchhandlung Gastl, die direkt am Lustnauer Tor liegt. In Tübingen sei die Situation zum Glück ein wenig anders, so Gocht: „Hier ist der Große schon längst da, man kennt sich und wir versuchen, unsere Nische so zu halten, dass wir bestehen bleiben können.“

Die selbstgewählte Nische ist ein wesentliches Element, das unabhängige Buchhandlungen von den großen Filialketten abhebt. Ein besonderes Konzept, das einen Laden vom anderen unterscheidet und schon mit dem Klingelgeräusch während des Eintritts mitschwingt. Und vor allem: Man will nicht die Branchenriesen kopieren. Das hebt auch Angelika Gocht hervor: „Bei uns finden Sie keine Bücherstapel aus der Spiegelbestsellerliste, Kochbücher oder haufenweise Non-Books.“ Gocht wählt ihre Worte vorsichtig und mit Bedacht, als ob sie mit jedem Satz die heikle Lage im Buchhandel betonen wolle.

Zwar kommt ihre Buchhandlung auf den ersten Blick eher klassisch daher – von Kinderbüchern über Hörspiele und Belletristik bis hin zu wissenschaftlichen Werken ist alles dabei – doch wird beim Stöbern zwischen den thematisch geordneten Regalen klar, was Gastl besonders macht. Gocht nennt das ein sogenanntes tiefes Sortiment: „Wir haben viel spezielle Fachliteratur da und versuchen da immer aktuell zu sein.“ Ihre Mitarbeiter sind daher Experten in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen. „Das spricht für jeden Mitarbeiter, dass er seine Kunden und sein Fach kennt und darum einschätzen kann: Was ist wichtig, was wird wichtig und was sollten wir spezielles dann bestellen.“

Weit über die klassische Beratung hinaus

Die Nische des Frauenbuchladens Thalestris, benannt nach einer griechischen Amazonenkönigin, ist ungleich deutlicher: 1979 aus der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung gegründet bietet die Buchhandlung, neben Fachliteratur und Romanen aus dem feministisch, emanzipatorisch und lesbisch-queer geprägten Bereich, auch sich selbst als Ort der Vernetzung an. „Wir wollen unseren Kundinnen vor allem einen Freiraum ausschließlich für Frauen anbieten. Natürlich machen wir ab und zu auch Ausnahmen, aber uns ist die Möglichkeit einer geschützten Gesprächsatmosphäre wichtig“, sagt Nicola Poppe, eine der drei Buchhändlerinnen, die den Laden am Leben erhalten.

Während des Gesprächs im schön hergerichteten Laden in der Bursagasse wird klar, wie viel Herzblut und Engagement im unabhängigen Buchhandel steckt. Die drei Frauen von Thalestris sind sich sicher, dass es ohne eigenen Onlinehandel Läden wie ihren nicht mehr geben würde. „Unser Onlineshop wird, auch aufgrund der Nische, bundesweit genutzt. Darüber sind wir froh, denn Laufkundschaft ist nicht mehr so stark vorhanden wie früher.“ Allerdings fänden neben den Stammkundinnen neuerdings immer wieder neue Gesichter in ihr „feministisches Paradies“. „Die bei uns repräsentierten Themen sind in der Gesellschaft in letzten Zeit wieder aktueller geworden!“, freut sich Nicola Poppe.

Online auf Augenhöhe

Dass die Kunden immer weniger werden, spiegeln auch die Zahlen wieder: Der Umsatz beim Buchhandel sinktzwei Drittel davon bleiben sogar allein bei den Branchenriesen wie Hugendubel und Osiander – und die Zahl an stationären Geschäften wird ebenfalls immer kleiner. Demgegenüber steigt der Anteil der Onlinekäufe auf bis zu 15% des Jahresumsatzes. Für die meisten Kunden scheint es einfacher, mit einem Klick zu bestellen und sich beliefern zu lassen. Davon profitieren meist die Großen bis hin zu amazon, die damit werben, ein georderter Artikel sei am nächsten Tag schon da.

Zwierzynski kennt auch dazu einen Schwank: „Juli Zeh sagte einmal, sie müsse bei amazon bestellen, weil sie in der Provinz lebe.“ Doch, und darauf pochen alle drei Buchhandlungen: Auch bei ihnen können alle möglichen Bücher bestellt werden und alles aus dem Katalog ist auch am Folgetag schon abholbereit oder wird zugesandt. Was Onlinebestellungen angeht sind die kleinen Buchhandlungen also bei weitem nicht langsamer oder rückständiger. Und oftmals legen sie dort auch ein ganz anderes Engagement an den Tag: „Bei großen Buchhandlungen heißt es auf speziellere Fragen oft: ‚Das gibt es nicht mehr, ist vergriffen.‘ Ich rufe allerdings auch mal beim Verlag oder dem Autor selbst an. Gerade Autoren haben oft noch zehn Exemplare unter dem Bett liegen. So versuche ich bei Quichotte, jedem seinen Bücherwunsch zu erfüllen.“

„Vielfalt statt Vielheit“

Auch wenn er praktisch alles bestellen und auftreiben kann, arbeitet Wolfgang Zwierzynski mit vielen Verlagen direkt zusammen: „Ich habe mich verantwortlich gefühlt, für kleine Verlage ein Forum zu bilden. Denn, je größer die Buchhandlungen wurden, desto mehr verloren diese Verlage die Möglichkeit, präsent zu sein.“ So kam es dazu, die Depot-Idee wieder umzusetzen. Von Verlagen wie dem binooki-Verlag, der ausschließlich türkische Bücher in deutscher Übersetzung verlegt, steht in den beiden Quichotte-Läden das gesamte aktuelle Sortiment. Gegensätzlichkeit zum großen Filialbuchhandel ist für den ehemaligen Tübinger Student Zwierzynski zum Motto geworden: Ein Exemplar pro Buch und viel kritische Literatur findet man in seinen Läden.

Diese Gegensätzlichkeit drückt sich auch vor allem in einer gewissen Vielfalt aus. Unabhängige Buchhandlungen unterliegen keinen Marktgesetzen oder Einschränkungen. Nicola Poppe vom Frauenbuchladen sieht darin viel Gutes, denn kleine Buchhandlungen seien für die Vielfalt des Angebots extrem wichtig. Auch Zwierzynski ist dieser Meinung: „Die Menge macht es nicht, sondern die Vielfalt. Jeder Laden kann durch seine Unabhängigkeit gewisse Eigenarten und eine gedankliche Freiheit behalten.“ Dass Hans Magnus Enzensberger einmal seine Auswahl im Schaufenster lobte, empfindet er als große Ehre.

Kein Vorurteil bestätigt

Unabhängige Buchhandlungen seien klein und hätten kaum Auswahl, bei amazon oder Osiander bekomme man alles schneller und dort gäbe es auch qualitativ bessere Bücher – keines dieser Vorurteile hat sich bestätigt. Im Gegenteil: Fast alles, was Osiander oder Hugendubel bieten, leisten auch die kleinen Buchläden. Und setzen sogar noch einen drauf: Sie regen durch ihr Anderssein zum Stöbern und Nachdenken an, man stößt auf Bücher, die man sonst nie zu Gesicht bekommen hätte und vielleicht doch genau das richtige für einen sind. Immer nur die Spiegelbestsellerliste rauf und runter lesen bedeutet noch lange keine Vielfalt oder qualitativen Lesegenuss.

Vielleicht ist es bei über 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr auch ganz gut, vom Buchhändler seines Vertrauens eine Vorauswahl oder mit ein paar wenigen Begriffen genau das richtige Buch zum gewünschten Thema empfohlen zu bekommen. In den kleinen Buchhandlungen findet eine gewisse Entschleunigung statt, da man nicht nur mit einem festen Buchwunsch eintritt, sondern sich beim Herumstöbern auch gerne überraschen lässt und für ein anregendes Gespräch gerne den nächsten Bus sausen lässt.

Sich ein Herz nehmen und eintreten

Weshalb es die kleinen Buchhandlungen immer noch gibt, das liegt auch an der Buchpreisbindung, wodurch kein Preisdumping betrieben werden kann. Dennoch haben Filialketten wie Osiander entscheidende Vorteile: Der Rabatt bei Verlagen. Umso größer die Abnahmemenge, desto größer der Rabatt. Und da können die kleinen nicht mithalten. Angelika Gocht bringt es auf den Punkt: „Ich finde es schade, dass der Unterschied über Rabatt, Portoübernahme und Skonto immer krasser wird. Damit haben wir zu kämpfen.“ Sie sorgt sich bezüglich der Zukunft auch nicht über weniger Kunden, sondern eher über steigende Mieten und andere Kosten. Filialen können das gut abfangen, aber kleine Buchhandlungen müssen sich dann endgültig die Existenzfrage stellen.

Totzureden sind Buchhandlungen wie Gastl, Thalestris und Quichotte definitiv nicht. Dafür sind das Engagement und das Herz für den Buchhandel einfach zu groß. Ein viel schwerwiegenderes Problem ist die Bequemlichkeit der Menschen: Der nächstliegendste Weg scheint meist der beste. Doch wie wäre es, sich mal wieder überraschen zu lassen? Der Weg dahin ist ähnlich kurz: Nur ein Schritt aus dem Trott und hinein in den Buchladen.


Die Buchhandlung Gastl befindet sich Am Lustnauer Tor 7. Dort wird neben ausgewählter Romane vor allem wissenschaftliche Fachliteratur angeboten. Vor allem Geisteswissenschaftler sollten hier auch dank der kompetenten Beratung alles finden, was ihr Herz begehrt.

Ein Buchtipp aus dem Hause Gastl:

'Auerhaus' von Bov Bjerg ist endlich im Taschenbuch erschienen. Lange nicht gab es einen solch leichten, berührenden Text über die Sinnsuche von jungen Erwachsenen. (9,99 €)

Der Frauenbuchladen Thalestris hat sein Geschäft in der Bursagasse 2, unweit der Neckargasse.  Ist man auf der Suche nach feministischer Literatur oder Beratung, wird man hier fündig. Der Laden ist ein Ort des Engagements und in der Kaffeeecke werden Kommunikation und Diskussion großgeschrieben.

Ein Buchtipp vom Team des Fraunbuchladen Thalestris:

In 'Nicht alles lässt sich lehren' vermittelt die italienische Philosophin und Feministin Luisa Muraro, wie sich persönliches Leben, die revolutionäre "philosophische Geste" und die "große" Geschichte miteinander verflechten. (17,00 €)

Die Literarische Buchhandlung Quichotte hat zwei Läden. Der in der Neckarhalde 10 ist geprägt von kritisch-philosophischer, politischer und klassischer Literatur und ist voll mit Bergen von Wissen und Geschichten. In der Ammergasse 4 gibt es neben ausgewählter Literatur auch orientalische und Indie-Bücher – zusammen mit einer luftig-freundlichen Atmosphäre.

Ein Buchtipp von Wolfgang Zwierzynski aus dem Quichotte:

Lorenz Jägers 'Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten' ist die Biographie eines der wichtigsten kritischen Philosophen und Schriftstellers des 20. Jahrhunderts: Leben und Werk verschränken sich in einem besonderen Blick auf die Gesellschaft und den Zeitgeist der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, die in der Katastrophe der Nazidiktatur endete. Benjamins Denken hatte Einfluss weit über diese Zeit hinaus und es gehört zu den Grundlagen aller kritischen Theorie. Sehr lesenswert und erkenntnisreich! (26,95 €)

Ein Gedanke zu „durchgeblättert: Buchhandel mit Herz und Vielfalt“

  1. Danke für diesen wunderbaren Artikel!
    Hoffentlich macht sich nun die eine oder der andere auf den Weg in diese besonderen Buchhandlungen oder nutzt wenigstens deren Online-Angebot. Ausreden gelten nicht und alle Gegenargumente krachen nach Lektüre dieses Artikels zusammen!

    Auf viele weitere Jahre mit vielen kleinen wertvollen Buchläden!
    Bea

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