durchgeblättert: Das Puzzlestück am richtigen Platz

Katharina Conrad ist 40 Jahre alt, Physiotherapeutin, Mutter und Autorin. Im letzten Jahr erschien ihr Roman „Sommerflucht“. Nebenbei hat sie nun auch ein Archäologie-Studium angefangen. Wie sie diese Aufgaben alle bewältigt, was ihr Studentenleben ausmacht und warum ihr Roman Geschichte und Gegenwart verbindet, erzählt sie im Kupferblau-Interview.

Vor den dunklen Regenwolken flüchten wir in den Aufenthaltsraum der Archäologen, weit oben im Turm rechts neben dem Schlosstor. In einer Ecke, umgeben von Fachwerk, stehen zwei Sofas. Auf dem Weg dorthin knarzt der alte Holzboden geschichtsträchtig und behaglich.


Wir befinden uns hier im Schloss Hohentübingen. Was bedeutet dieser Ort für dich?

Das Schloss ist für mich eine spannende Kombination aus Freiheit und Verpflichtungen, denn ich habe mich mit dem Studium ja ziemlich freiwillig wieder in die Situation begeben, in der ich verpflichtet bin, Fristen einzuhalten und Leistungen abzuliefern. Aber es überwiegt doch einfach die Freude: Ich mag das Schloss und es ist für mich ein wichtiger Punkt in meinem Leben.

Warum hast du dich entschieden, trotz oder gerade auch mit Familie und Beruf, nochmal zu studieren?

Weil es eben Zeit wurde. Ich wollte das immer und irgendwann kommt man in seinem Leben an den Punkt, an dem man sich entscheiden muss: Entweder, ich höre jetzt auf zu meckern, dass ich es bis jetzt nicht gemacht habe oder ich muss es einfach tun. Und ich kann so schlecht aufhören zu meckern … (lacht) Ich habe mich fürs Studieren entschieden und jetzt ist es wie ein Puzzlestück am richtigen Platz.

Haben deine Freunde und Familie die Entscheidung auch so positiv aufgenommen?

Das kann man so nicht sagen. Meine eigene Familie schon, wobei mein Mann gesagt hat: „Du bist verrückt, aber wenn du meinst, dass du das tun musst, dann stehe ich auch hinter dir.“ Und meine Kinder genießen es sogar, ab und zu mal mitzukommen. Ich habe nur mit der Schwiegerfamilie etwas Probleme, die von einer Frau und Mutter in meinem Alter eine klassische Rollenverteilung erwartet. Ein Stück weit kann ich das natürlich nachvollziehen, aber ich will mich dem auch nicht unterordnen, das funktioniert nicht.

Im Schloss sind neben den EKW’lern vor allem die Archäologen ansässig. Gemütlicher als der Brechtbau ist es hier schon mal.

Der Auslöser, sich nochmal fürs Studieren zu entscheiden, war ja auch die Leidenschaft für vergangene Kulturen und Geschichte. Inwiefern hat das dein Schreiben geprägt?

Geschichte und Schreiben gehören auf jeden Fall zusammen! Ich sehe das immer als Haptik der Geschichte an: Mir geht’s nicht um Geschichtsdaten und wer wann jetzt genau regiert hat. Denn nur darüber ist Geschichte schwer nachvollziehbar. Ich will, dass andere Leute sowas greifen können. Deswegen habe ich in meinem Buch auch zwei zeitliche Ebenen. So kann man durch die Augen der Generation sehen, die gerade dabei ist zu verschwinden, aber die Geschichte selbst miterlebt hat. Und wenn diese Erfahrungen später mal weg sind, bleiben da eben nur noch Daten und Zahlen und Fakten. Da finde ich es schön, wenn man eine Möglichkeit findet, Leute etwas miterleben zu lassen, auch wenn es schon vergangen ist.

In deinem Roman „Sommerflucht“ treffen zwei Charaktere aufeinander: Die alte Bäuerin Emilia und Sabina, eine junge Studentin. Diese hat mit erstaunlich typischen Problemen zu kämpfen: Die Abgabe ihrer Doktorarbeit, ein anstrengender Exfreund, der Kellnerjob … Emilia hingegen schwelgt in der Vergangenheit. Was hast du dir von diesem Gegensatz erhofft?

Genau um diesen Gegensatz ging es mir. Das sind zwei völlig gegensätzliche Leben und selbst wenn sie gewisse Gemeinsamkeit haben, beleuchten sie diese aus verschiedenen Perspektiven. Ich wollte mit verschiedenen Augen auf Begebenheiten gucken, wodurch das Ganze gerade für die jüngeren Generationen ein wenig nachvollziehbar wird. Das war das, was ich wollte: Nicht nur den Älteren aus der Seele schreiben, sondern auch festhalten, vermitteln und begreifbar machen für Jüngere. Sabina ist dabei der wichtige Gegenpol.

Wie viel Realität steckt denn dann in den Figuren? Woher kommen die ganzen Eindrücke?

Um es gleich zu sagen: Sabina ist nicht autobiografisch. Ich habe zwar gekellnert und auch mal den ein oder anderen Exfreund gehabt … also ein bisschen was ist schon aus der Mottenkiste, aber es ist eben nichts Autobiografisches. Ansonsten habe ich viel recherchiert. Wenn ich sage „In Stuttgart war das so“, dann muss es auch so gewesen sein. Ich will das nicht einfach behaupten. Dafür habe ich versucht, Stimmungen mitzunehmen. Durch meinen Beruf als Physiotherapeutin habe ich auch viele Gespräche mit älteren Leuten geführt. Von denen ist aber auch keiner Eins zu Eins verwirklicht. Mir ging es eher um das Lebensgefühl. Zum Beispiel: Wie unmöglich war es damals, dreißig Kilometer irgendwohin zu kommen? Das ist heute ein Schnipp mit dem Finger und eine Fahrkarte.

Also eine Geschichte, wie sie hätte passieren können, aber nicht genauso passiert ist. Was bedeuten denn die Hauptschauplätze Stuttgart, Tübingen und Schwäbische Alb für dich?

Ich bin ein heimatverbundener Mensch und in Tübingen geboren. Deswegen war das eigentlich völlig klar für mich, dass mein Roman an Orten spielen muss, an denen ich mich auch sicher und wohl fühle. Die kleine Ortschaft, in die Sabina zieht, ist allerdings fiktiv. Ich bin in Entringen aufgewachsen und da hätte ich es auch ansiedeln können. Aber Entringen hat nicht in die Geschichte gepasst. Und über ein fremdes Dorf hätte ich nicht so authentisch schreiben können und ich wollte einem realen Ort nichts andichten.

In ihrem Studiengang gibt es noch zwei ältere „Mädels“ – und doch ist niemand einfach nur dabei. Integration par excellence bei den Archäologen.

Zurück zu dir: Wie sieht dein Studentenleben aus? Du hast gesagt, es wäre ein richtiger Zeitpunkt gewesen, wieder mit dem Studieren anzufangen … aber es wird ja nicht das Studentenleben sein, dass man mit zwanzig erlebt?

Ich habe eine ganz tolle Gemeinschaft in meinem Semester. Das sind alles ganz offene Leute und es ist egal, wie alt oder jung man ist. Wir sind alle Teil der Gruppe. Ich gehe zwar nicht mehr wirklich oft auf Partys und würde da auch nicht mehr bis um 5 Uhr morgens durchhalten, aber gemeinsam grillen oder zum Stocherkahnrennen gehen ist drin.

Man kennt ja sonst die 70-jährigen, die in der Vorlesung sitzen …

… und sonst nicht stattfinden? (lacht)

Genau! Vielleicht liegt das auch am Studiengang, dass es ein bisschen persönlicher ist.

Ganz bestimmt. Wir sind nicht so viele, vielleicht 20 oder 25. Aber ich habe viele Kontakte und Freunde gefunden. Ein Spruch, der mich sehr gefreut hat, war der einer Kommilitonin im ersten Semester, die sagte: „Ich vergesse immer, wie alt du bist!“ Mir ist das Alter sowieso egal, da sind mir andere Kriterien viel wichtiger. Wir passen supergut zusammen und ich werde genauso zu Partys eingeladen, wie ich nach Aufschrieben gefragt werde. Ich bin ein ganz normaler Teil der Gruppe. Finde ich zumindest. Wenn mir jetzt alle widersprechen, dann … (lacht) Nein, es ist eine ganz tolle Gruppe!

Viele Tübinger Autoren haben aus dem Schreiben ihren Beruf gemacht. Wie gefällt dir dieser Gedanke?

Der Gedanke ist natürlich super. Aber grade ist alles etwas im Flow. Wo ich nachher beruflich lande oder ob ich ein Standbein, zwei oder drei haben werde, ist noch völlig offen. Im Moment ist Schreiben einfach mein größtes Hobby und ich versuche, eine andere Leidenschaft zum Beruf zu machen: Die Archäologie. Wenn ich das schaffe, will ich Beruf und Schreiben wieder etwas zusammenführen und dadurch ein paar Romane schreiben, die es noch nicht gibt. Im Moment scheitert das aber rein zeitlich. Grade kann ich nebenher leider nur Kurzgeschichten schreiben und ansonsten schreibe ich Hausarbeiten und Laborberichte (lacht).

Klar: Autorin, Physiotherapeutin, Studentin, Familie … viele verschiedene Rollen, die man nicht so einfach unter einen Hut bringen kann. Oder?

Das Schreiben ist das, was ich am wenigsten kontrollieren kann. Das muss irgendwann mal raus und dann muss ich den Einfall, den ich habe, auch aufschreiben. Wichtig ist aber natürlich, dass die Familie an erster Stelle kommt. Wenn mit den Kindern irgendwas ist oder sie Hilfe brauchen, muss ich da sein … und ab und zu gibt es auch einen Stapel Wäsche zu bügeln. Wobei man diesen Stapel relativ groß werden lassen kann, wie ich festgestellt habe (lacht). Es geht aber, ich bin trotz allem noch voll in der Regelstudienzeit. Wobei da vielleicht auch ein Vorteil ist, dass ich mit einer Berufsausbildung und Kindern meinen Alltag strukturieren gelernt habe. Ich prokrastiniere nur sehr überschaubar.

Das Schloss ist der Lieblingsplatz von Katharina Conrad. Der Blick in die Weite, das Sonnenbaden und die fruchtbare Atmosphäre haben es ihr angetan.

Abschließend: Wer ist dein Tübinger Lieblingsautor und wie hat sein Werk dich geprägt?

Ich bin ja als Tübinger Kind mit Humanismus und Latein und Uhland und Hölderlin aufgewachsen. Ich glaube, Uhland hat mich schon durch die Schulzeit und bestimmt auch bis jetzt geprägt. Einmal durfte ich die „Die Kapelle“ bei einem Gedenktag aufsagen. Das kann ich bestimmt heute auch noch. Aber ich habe kein direktes Vorbild. Es wird einfach die Luft in der Stadt sein, die Atmosphäre …

Zum Aufsagen zwinge ich dich jetzt nicht. Aber passt ja: Uhland, der auch eher in seinem Beruf unterwegs war und nicht als Schriftsteller selbst. Vielen Dank für das Gespräch!


Als wir den Turm wieder verlassen, hat es mit regnen angefangen. Unter dem Torbogen verfallen wir noch einmal ins Gespräch, bevor es für jeden nach Hause geht. Wie 40 wirkt Katharina Conrad wirklich nur, wenn sie von ihren Erfahrungen spricht. Oder wenn ihre Kinder anrufen. Sonst erscheint sie frisch, jung und gewitzt. Passend zu ihrem Roman Sommerflucht.


Katharina Conrad wurde 1976 in Tübingen geboren. Nach dem Abitur und sozialem Engagement beginnt sie in Karlsruhe die Ausbildung zur Physiotherapeutin, die sie in Tübingen an der BGU beendet. Ein medizinisches Studium verhindern Überschneidungen bei den Prüfungen im Staatsexamen. Also erst erstmal arbeiten. Sie lernt ihren Mann kennen und bekommt Kinder. Mit ihren Texten „ging sie den Leuten schon in der Grundschule auf den Wecker“. Richtig zu schreiben fing sie allerdings erst später an. Der zweite Anlauf für ein Studium hat dann besser geklappt: Heute studiert Katharina Conrad Archäologie und Paläoanthropologie in Tübingen.

Am 19. März liest Katharina Conrad in Pfrondorf aus ihrem Debütroman. Außerdem hat sie zusammen mit Christine Schurr eine Lesung in Neu-Ulm. Mehr Infos: Lesung Pfrondorf und Lesung Neu-Ulm.

Fotos: Marko Knab.

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