durchgeblättert: Tübinger Märchen, Tübinger Politik

In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein berühmter Schriftsteller gewohnt zu haben. Doch wie genau war ihr Leben in Tübingen? Eine Übersicht in fünf Teilen. Teil 4: Der dichtende Politiker und das früh verstorbene Genie.

Uhland und Hauff – der eine lebte der jahrzehntelang in Tübingen, der andere starb früh (und erreichte nicht einmal den berühmten Klub 27) und verbrachte nur vier Jahre an der Stadt am Neckar. Beide hatten nur ihre Jugend, um dichterischen Einfluss zu hinterlassen –  Hauff gezwungenermaßen, Uhland, weil er lieber einen anderen Weg einschlug.

Uhlands wohl bekanntestes Gedicht verdeutlicht seinen schlichten, aber romantischen Ton ohne jeden Pathos.

Tübinger durch und durch

Uhland also wächst in Tübingen auf, zunächst an der Neckarhalde und in der Hafengasse, um dann auf dem Schulberg Latein und am Stift Jura zu studieren. Während dieser Jugendzeit ist er auch als Dichter am aktivsten. Denn nach dem Studium entscheidet er sich für eine politische Laufbahn, mit einem kurzen Intermezzo als Professor in Tübingen. Als Abgeordneter im Landtag in Stuttgart setzt er sich trotz teils konservativer Ansichten für Freiheit und Menschenwürde ein.

Der dichtende Politiker bleibt dennoch in Tübingen wohnhaft und bezieht eine Villa an der Neckarbrücke, neben der heutigen Burschenschaft Germania, die im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Zahllose Menschen pilgern zu ihm, doch gleichzeitig zieht sich Uhland immer weiter zurück und vertieft sich in seine Forschungen zur deutschen Literatur und Mediävistik.

Als Politiker zwar bekannt, findet er sich doch meistens auf der Seite der politischen Minderheit wieder. Dadurch ist ihm kein großer Einfluss möglich und seine Vorschläge werden meist von der Regierung abgelehnt. Typisch als Schwabe setzt er sich oft für mehr Sparsamkeit im Lande ein. Uhland ist einfach Schwabe und Tübinger durch und durch, auch wenn er einen weiteren Blick für das Meiste hat. Und entsprechend seiner Profession als Politiker ist auch sein Dichten äußerst geheimnislos und nüchtern, dabei aber wortgewandt und romantisch. Ohne jedes Pathos ist Uhland wohl als ein objektiver Sänger der Wirklichkeit zu sehen.

Das kalte Herz handelt von wichtigen romantischen Themen: Der Sehnsucht und ihren Folgen, sowie die Suche nach dem Glück. Das Hörbuch für einen gemütlichen Abend.

Ein Leben voller Fantasie und Genie

Wilhelm Hauff hingegen erstrahlt in einem ganz anderen Licht: Er ist sein ganzes Leben lang leidenschaftlicher Dichter, der in seinen Werken einen äußerst unschwäbischen Eindruck hinterlässt. Exotisch und geheimnisvoll sind seine Geschichten – und erzählen oft von fremden Ländern oder zauberhaften Gestalten. Schon früh beschäftigt er sich mit der Bibliothek seines Großvaters und verschlingt gierig allen Lesestoff. Das Fremde ist für Hauff eine unerschöpfliche Quelle für die eigene Fantasie.

Die Schul- und Studienzeit ist hart für den Freigeist, die strikten Regelungen liegen ihm nicht und er schafft nur knapp die Lateinschule. So zieht er bald wieder zurück zur Mutter in die Haaggasse. Am studentischen Leben nimmt er trotzdem ausgiebig Teil: Burschenschaften sind für den junge Dichter mit ihren Tanz-, Trink- und Leseabenden die prägende Lebensform. Hauffs Rückblick lässt tief blicken: „Im ganzen war das Semester lustig und fidel und doch dabei fleißig.“ Soso.

Nach dem Studium legt Hauff schnell eine beeindruckende Karriere hin: Schon ein Jahr nach seinem Abschluss erhält er eine Hofmeisterstelle. Auch literarisch und als Geschäftsmann ist er gewandt. Er erkennt den Nutzen von – auch negativer – Publicity. So veröffentlicht er Werke anonym oder unter falschem Namen, um damit auf sich aufmerksam zu machen. Wäre nicht sein früher Tod mit 25 Jahren dazwischengekommen, wo wäre er noch gelandet, der Dichter, der den historischen Roman mit „Lichtenstein“ in Deutschland etablierte?

Hauff der offene Lebemann und Dichter aus ganzem Herzen und der ernsthaft-verschlossene Politiker. Unterschiedlicher könnten sie nicht sein und doch haben beide einen zentralen Bezugspunkt – in ihren Werken und im Leben: Tübingen war für sie eine wichtige Inspiration und Ankerpunkt.

  1. Teil: Goethe und Schiller bei Cotta
  2. Teil: Mörike der Träumer und die Hausfrau Wildermuth
  3. Teil: Die Verrückten Hölderlin und van Hoddis
  4. Teil: Das Genie und der Politiker – Hauff und Uhland
  5. Teil: In Tübingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig

Ludwig Uhland (1787-1862) ist der einzige gebürtige Tübinger dieser Liste. Deswegen ist sein Name auch überall in Tübingen wiederzufinden: Uhlandbad, Uhlandstraße, Uhlandgymnasium…sogar ein Institut trägt seinen Namen. Obwohl seine „Gedichte“ zu den am meisten gelesenen Büchern des 19. Jhd. zählen, sah er sich hauptsächlich als Politiker und Wissenschaftler. Uhland lebte in der Neckarhalde 24, der Hafengasse 3, der Münzgasse 10 und der Gartenstraße 1 (zerstört). Drei Werke: Das unter anderem von „In Extremo“ vertonte Gedicht „Des Sängers Fluch“, seine „Frühlingslieder“ und „Die Kapelle“, ein Gedicht über die Wurmlinger Kapelle vor Tübingen.

Wilhelm Hauff (1802-1827) ist vor allem, durch seine zahlreichen Märchen und Sagen, aber auch den historischen Roman Lichtenstein bekannt. In Tübingen war er aktives Mitglied in diversen Burschenschaften und Verbindungen, wohnte allerdings bei seiner Mutter in der Haaggasse 15. Hauff starb an Typhus und hinterließ trotz kurzer Schaffenszeit ein eindrucksvolles Gesamtwerk. Drei Werke: Der historische Roman „Lichtenstein“, das Schwarzwaldmärchen „Das Kalte Herz“ und das orientalische Märchen „Die Geschichte von dem kleinen Muck“.

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