durchgeblättert: Die Hausfrau und der Vollblutdichter

In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein berühmter Schriftsteller gewohnt zu haben. Doch wie genau war ihr Leben in Tübingen? Eine Übersicht in fünf Teilen. Teil 2: Mörike und Wildermuth – Der eine träumt, die andere wäscht sich durch Tübingen.

Eduard Mörike und Ottilie Wildermuth könnten unterschiedlicher nicht sein: Er ein Träumer, der eigentlich in seinem Leben nichts anderes tun will als zu dichten, und sie die Realistin, die über der Hausarbeit schon mal das Schreiben vergisst.

„Um Mitternacht“ lässt einblicken, wie Mörike sich träumend in der Natur verlieren konnte.

Fantasiereich Tübingen

Lässt man den Blick über das Leben Mörikes streichen, stellt sich die Frage, ob dieser Mensch auch einmal glücklich und zufrieden war. Die Antwort: Ja, denn trotz einiger Probleme scheint die Zeit als Stiftler in Tübingen seine schönste gewesen zu sein. Hier trägt er noch keine gesellschaftliche Verantwortung und kann einfach nur studieren – später permanent präsente Geld- und Familiensorgen stören ihn noch nicht. Doch Mörike ist auch nicht der typische Student.

Egal ob im Stift oder in seinen externen Behausungen in der Neckar- oder Clinicumsgasse, Mörike kann sich nicht auf den von ihm erwarteten Lebensweg als Pfarrer einlassen. Es drängt ihn zu naturhaften Refugien wie Gartenlauben oder Brunnenhütten und hinaus aus der bürgerlichen Welt. Denn der große schwäbische Dichter reagiert auf äußere Einflüsse äußerst verletzlich und zerbrechlich – selbst seinen Freunden droht er oftmals zu entschwinden. Niemand kann ihn gänzlich greifen. Der Realität begegnet er immer mit Poesie und Rückzug aus der Welt.

Kein Wunder ist es, dass er, der immer wieder aufgrund mangelnden Fleißes oder verbotenem Rauchen im Karzer landete, möglichst bald das Stift verlassen will und sich mit seinen Freunden in ihn prägende Natur-Räume zurückzieht. Dort wird debattiert, getrunken, gelesen – und dort schafft Mörike auch seine größten Werke: die fiktiv-utopische Welt Orplid und den Roman „Malter Nolten“. Tübingen und die Natur sind für ihn mythische Orte, die immer wieder in seinen Werken Anklang finden. Genau wie die engen Männerfreundschaften und erste Liebeserfahrungen, die Mörike sein Leben lang prägen werden.

Zuerst waschen, dann dichten

Ganz anders bei Wildermuth: Sie steht, den damaligen Gepflogenheiten entsprechend,  mitten im Leben. Biedermeierlich fühlt sie sich zuallererst als Hausfrau und Mutter – obwohl sie die erfolgreichste und prominenteste Tübinger Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts ist. Nach und nach und mit zunehmender Berühmtheit schreibt sie sogar fast gar nicht mehr, Haushalt und Besuche gehen nämlich vor.

Auch hat sich Wildermuth nie zurückgezogen und der Realität und Öffentlichkeit verwehrt. Die vitale Dichterin mausert sich zur lokalen Institution. Zunächst in der Gartenstraße ansässig, ist sie unter anderem mit Ludwig Uhland befreundet. Welcher Schalk in Wildermuth saß, zeigt sich in einem Scherz: Dem Literaturwissenschaftler und Dichter Uhland schickte sie einst ein von ihr verfasstes altdeutsches Gedicht, Wolfram von Eschenbach zugeschrieben, und pries es als Neuentdeckung an. Einem Freund schrieb sie dazu: „…weiß nicht, ob der Spaß Erfolg haben wird.“

Auch nach Umzügen in Uhland- und letztlich Wilhelmstraße bleibt Wildermuth ihre Art und ihre Gastfreundschaft erhalten. In ihr war keine schriftstellerische Eitelkeit und so macht die Gartenliebhaberin den Nachbarskindern nach der Schule auch schon mal ein Vesperbrot. Doch so offen und freundlich die Tübingerin war, so moralisch und pädagogisch verbreitete sie auch ihre christliche Weltsicht. Ihrem Erzählerkönnen tat dies allerdings keinen Abbruch und so lebt ihr Werk von einer außerordentlichen Beobachtungsgabe der Realität und der „verflixten Lust, den anderen nicht nur in die Stube, sondern auch in die Töpfe zu gucken“, wie sie einmal beschrieben wurde.

Die dichtende Hausfrau und der realitätsscheue Dichter – verschieden wie Tag und Nacht und doch sind beide auf ihre Art zwei der größten schwäbischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Und für beide bedeutete Tübingen eine tiefgehende Inspiration, die sich quer durch ihre Werke zieht.

  1. Teil: Goethe und Schiller bei Cotta
  2. Teil: Mörike der Träumer und die Hausfrau Wildermuth
  3. Teil: Die Verrückten Hölderlin und van Hoddis
  4. Teil: Das Genie und der Politiker – Hauff und Uhland
  5. Teil: In Tübingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig

Eduard Mörike (1804-1875), schwäbischer-romantischer Heimatdichter und Pfarrer wider Willen. Sein Leben lang haderte er mit seinem Beruf und wurde früh pensioniert. Er studierte von 1822-1826 im Tübinger Stift und wohnte auch außerhalb in Wohnungen am Holzmarkt 7 und in der Neckargasse 22 und der Clinicumsgasse 4. Später kehrte er zur Erholung in Bebenhausen ein. Drei Werke: Der große Roman „Maler Nolten“, das Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ und das Gedicht „Besuch in Urach“.

Ottilie Wildermuth (1817-1877) schrieb neben ihren Gedichten und Erzählungen auch Jugendliteratur. Sie gründete sogar eine eigene Zeitschrift, „Jugendgarten“ genannt. Bis 2011 war ihr Denkmal auf der Neckarinsel das einzige in Tübingen für eine Frau. Sie lebte in der Gartenstraße 13a, der Uhlandstraße 11 und der Wilhelmstraße, Häuser 16 und 14. Drei Werke: Ihr Hauptwerk „Bilder und Geschichten aus dem schwäbischen Leben“ und die Gedichte „Einer jungen Dichterin“ und die Erzählung und „Liebe und Ehe“.

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