„Wo soll’s hingehen?“ Ehemalige Studenten erzählen von ihrem Weg

Jeder fängt mal klein an. Auch Politiker. Chris Kühn, heute Bundestagsabgeordneter der Grünen, erzählt, wie seine politische Karriere begann und welche Rolle sein Studium und die studentische Politik darin spielten.

Chris Kühn – vom Tübinger Clubhaus nach Berlin in den Bundestag.

Wie haben Sie während ihres Studiums die studentische Politik erlebt?

Es war immer ein gewisser Kreis von Menschen, die was gemacht haben. Als wir im Zuge einer Demo gegen Stellenstreichung in den Kulturwissenschaften und den klassischen Naturwissenschaften einmal für kurze Zeit das Rektorat besetzt hatten, hätte ich mir natürlich gewünscht, dass mehr Leute und nicht nur 100 da wären, aber das war nicht so. Mir persönlich hat es sehr viel gebracht, im Fakultätsrat und in der Fachschaft der Soziologie zu sein. Das war aber weniger parteipolitisch, als fachschaftsorientiert: Insgesamt war weniger die Parteipolitik an der Uni im Fokus, als das fachliche und studentische Interesse. Aber aus der Zeit sind ein paar Freundschaften entstanden, die mich bis heute im politischen Leben begleiten. Ein paar Menschen aus dieser Zeit sind heute in politischen Funktionen und man begegnet sich ab und zu. Dann entweder mit Sympathie oder Unverständnis dafür, was für einen Weg der ein oder andere eingeschlagen hat. Das ist spannend.

Heute sind Sie Sprecher Ihrer Fraktion für Bau- und Wohnraumpolitik. Hat Sie dieses Thema auch schon während des Studiums bewegt?

Schon in meiner Zeit gab es das Problem der Frage des studentischen Wohnraums, aber es waren eher die klassischen studentischen Themen, wie die Frage, an welche Institute das Geld geht, welche Angebote die Uni aufstellt oder die Frage der Studiengebühren. Aber gewisse Grundfragen habe ich schon beibehalten: Wie beispielsweise das gebührenfreie Studium, das es nach wie vor immer wieder zu erkämpfen gilt.

Sie haben ja schon in Ihrer Jugend bei den Jungen Grünen mitgewirkt. Wie kam es zu diesem frühen Engagement?

Ich war in der Schule Schülersprecher. Dann gab es bei mir in Göppingen einen Prozess zum Jugendgemeinderat, was ich sehr spannend fand. Ich fand immer, dass junge Menschen sich in Entscheidungen einbringen sollten, die sie betreffen. Ich fand es ein Unding, dass es in Göppingen keine jugendorganisierten Konzerte gegen Rechts oder ähnliches gab. In so einer Zeit haben wir dann den Jugendgemeinderat gegründet und darüber bin ich dann zum parteipolitischen Engagement gekommen. Während meines Studiums und bis zu meinem Praktikum im Wahlkampf bei Winfried Hermann war die politische Arbeit aber eher noch ein Hobby. Dann habe ich zusätzlich ein Praktikum in Berlin gemacht und das war dann der Einstieg in die professionelle Politik.

War es also auch schon immer Ihr Plan, Politikwissenschaften zu studieren?

Naja, das war natürlich eine Findungsphase. Ich hatte mehrere Ideen, ich fand viele Dinge interessant. Ich fand zum Beispiel auch Psychologie oder EKW spannend. Damit habe ich auch im Nebenfach angefangen – nach einem Semester dann aber gewechselt – und bin dann bei Politikwissenschaft und Soziologie gelandet. Angefangen habe ich das, weil die Themen gesellschaftliche Entwicklung und das politische System mich sehr früh, in der Schule schon, beschäftigt haben. Es war eher eine Wahl der Neigungen.

Und wieso fiel die Wahl des Studienortes dann auf Tübingen?

Bei mir hat das einen familiären Hintergrund. Das ist die Stadt meiner Großeltern, ich war hier häufig als Kind, meine Tante mütterlicherseits lebt auch hier in Tübingen. Von daher gab’s hier eine Beziehung nach Tübingen. Dann bin ich 2000, nach meinem Zivildienst, in die Stadt gezogen, die mir als Kind schon gefallen hat. Die Uni hat außerdem die Fächer angeboten, die ich studieren wollte. So bin ich geblieben.

Hatten Sie bei der Studienwahl schon im Hinterkopf, einmal hauptberuflich in die Politik zu gehen?

Eigentlich habe ich Politikwissenschaft mit dem Vorhaben studiert, in die politische Bildungsarbeit zu gehen. Ich habe dann im Studium aber gemerkt, dass da der Einstieg schwierig ist und es nicht viele Jobs in diesem Bereich gibt. Dann hat sich das Praktikum im Bundestag in Berlin ergeben und ich wollte auch nochmal etwas anderes sehen als Tübingen. Im Praktikum habe ich einen Einblick in die Fraktionsarbeit bekommen, in die Arbeit eines Abgeordneten.

(…) politische Karrieren kann man nicht planen.

Erleichtert ein Studium denn den Einstig in die Politik?

Ich glaube, dass es formal nicht notwendig ist, aber wenn man sich das Parlament anschaut, dann sind dort viele Akademikerinnen und Akademiker beschäftigt. Es geht darum, politische Prozesse zu gestalten und komplexe Probleme lassen sich mit einem akademischen Rüstzeug leichter bearbeiten. Dennoch ist es auch gut, wenn da Menschen sind, die einen anderen Blick auf die Welt haben und sich Dinge anders angeeignet haben. Das sorgt für Vielfalt im parlamentarischen Betrieb.

Hatten Sie sich denn auch mal überlegt, etwas anderes zu machen – fernab der politischen Bühne?

Ich habe nach dem Studium noch bei den Wirtschaftswissenschaftlern in der Seminarverwaltung gearbeitet und wenn die Politik nicht dazwischen gekommen wäre, hätte ich mir auch vorstellen können, im universitären Verwaltungsbereich etwas zu machen. Ich finde die Verwaltung und die Uni als Ort, der immer etwas Neues bringt, sehr spannend. Auch zu dieser Zeit hatte ich schon den Plan, ob ich nicht in den politischen Bereich wechsle. Aber neben der Überlegung in die Politik zu gehen, hatte ich auch überlegt, erst noch an der Uni zu bleiben, zu promovieren, um nochmal einen anderen Einstieg in die Verwaltungsebene oder in die Politik zu finden. Dass dann der Wechsel von der Mitarbeiterebene in den Landesvorstand kam, hat mit meinem Mandat und mit meiner Kampfkandidatur 2009 zu tun. Dann war ich halb an der Uni und halb im Landesverband, hatte also viele Verpflichtungen gleichzeitig. 2011, mit den gewonnenen Landtagswahlen, war das dann nicht mehr möglich. Auf einmal war das Vollzeitpolitik. Das war ein ganz krasser Professionalisierungsschub. Ich hab so viel gearbeitet wie noch nie zuvor.


Chris Kühn wurde am 9. April 1979 in Tübingen geboren und ist in Göppingen aufgewachsen. Nach seinem Abitur und dem Zivildienst ist er nach Tübingen gekommen, um Politikwissenschaft und Soziologie zu studieren. Sein politisches Engagement begann schon 1996 bei der Grünen Jugend und zog sich durch sein Studium. Mit seiner Mitarbeit im Wahlkampf von Winfried Hermann (Bündnis 90/Grünen) und einem Praktikum im Bundestag kam der Einstieg in die professionelle Politik. 2009 kandidierte er für den Landesvorsitz und 2013 wurde er über die Landesliste in den Bundestag gewählt. Dort ist er Sprecher der Bundestagsfraktion für Bau- und Wohnraumpolitik. Seit 2016 ist er Landesgruppensprecher der Grünen Baden-Württemberg im Bundestag.

Titelbild: Vivian Jochens.

Foto: Pressematerial Chris Kühn.

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