„Wo soll’s hingehen?“ Ehemalige Studenten erzählen von ihrem Weg

Ein einschneidendes Erlebnis, das alles verändert. Wie der Kontakt mit Krebspatienten seine Studienplänen umwarf und die Forschung und der Kampf gegen den Krebs zu seiner Lebensaufgabe wurden, erzählt Hans-Georg Rammensee.

Hans-Georg Rammensee – seine Forschung ist Hoffnungsträger im Kampf gegen den Krebs

Herr Rammensee, woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite im Bereich der Immunologie, das heißt wir forschen daran, wie man mithilfe des körpereigenen Immunsystems des Patienten die Krebszellen zerstören kann. Ziel ist eine individuelle Krebsimmuntherapie.

Wie genau kann man sich diese Therapie vorstellen?

In den neunziger Jahren haben wir herausgefunden, wie auf der Oberfläche der Krebszellen sogenannte Peptide (Eiweiße) den Zellen des Immunsystems dargeboten werden. Diese krebsspezifischen Peptide sind bei jedem Patienten individuell. Diese Peptidstrukturen können vom Immunsystem erkannt werden und eine Immunantwort auslöst. Wir versuchen, diese Peptide als Ansatzpunkt zur Aktivierung des Immunsystems des Patienten gegen Krebs zu nutzen.

Sie untersuchen also, wie der Körper Krankheitserreger abwehrt und entwickeln einen Impfstoff, der ähnlich funktioniert?

Ja, wir versuchen, die veränderten Peptide im Krebspatienten zu identifizieren, diese synthetisch nachzubauen und den Betroffenen dann damit zu immunisieren.

Ist eine solche Impfung denn inzwischen schon möglich?

Ja, das war aber noch nicht erfolgreich. Dagegen gibt es mit neuartigen Antikörpern, die die patienteneigene Immunantwort aktivieren, bei Hautkrebs oder Lungenkrebs schon tolle Erfolge. Das Problem ist, dass es noch nicht bei jedem Patienten funktioniert.

Diese Impfstoffe werden dann ja in klinischen Studien an Patienten getestet. Arbeiten Sie auch persönlich mit den Krebspatienten zusammen?

Nein, das läuft alles anonymisiert ab und den Kontakt mit dem Betroffenen haben dann die Ärzte.

Zwischen der Forschung und den Kliniken herrscht also eine enge Zusammenarbeit?

Ja, das war auch einer der Gründe, weshalb ich aus Heidelberg wieder nach Tübingen gekommen bin. Dort hatte die Zusammenarbeit damals nicht so gut funktioniert, wohingegen die Kliniken hier sehr an einer Zusammenarbeit interessiert waren. Das ist ein wirklicher Vorteil des Standortes Tübingen – dass präklinische Forschung und klinische Versuche so nah verbunden sind.

Es waren also eher die Forschungsbedingungen als Nostalgie, die Sie zurückbrachten?

Nein, Nostalgie spielte da keine Rolle. Aber ich fühle mich natürlich verbunden mit dieser Region, hier bin ich aufgewachsen.

Stimmt, Sie sind in Tübingen aufgewachsen und haben hier studiert. Jetzt arbeiten sie an der Uni und forschen zur Krebstherapie. War das so geplant?

Überhaupt nicht. Ich wollte Physik studieren. Das habe ich dann auch ein Semester lang gemacht und dann aber festgestellt, dass die Mathematik, die man in diesem Fach braucht, mir nicht liegt. Das war nicht das, was ich aus der Schule kannte. Dann habe ich überlegt, Maschinenbau zu studieren. Dafür brauchte man ein Industriepraktikum, das ich dann auch absolviert habe. Dabei habe ich sehr viel gelernt, viel mit den Händen gearbeitet. Dann wurde ich einberufen – damals gab es noch die Wehrpflicht beziehungsweise den Zivildienst. Ich habe mich für den Zivildienst entschieden, und meine Pläne haben sich dann völlig geändert. Ich wurde im Krankenhaus eingeteilt für die Radioonkologie, für die Krebsstation, und hatte das erste Mal in meinem Leben mit Krebspatienten zu tun. Und das, was ich dort erlebte, hat mich motiviert, in die Naturwissenschaften zu gehen. Ich wollte nicht Arzt werden, weil ich gesehen habe, wie wenig die Ärzte bei Krebs ausrichten konnten. Ich wollte daher in die Forschung und in diesem Bereich etwas gegen Krebs entwickeln.

Manchmal kommt es dann eben doch ganz anders, als man es geplant hat. Inzwischen sind Sie schon einige Zeit hier an der Universität. Hat sich viel verändert?

Bei den Studierenden würde ich das nicht sagen. Es gibt damals wie heute einige, die sehr motiviert arbeiten und andere, die weniger tun. Was das Studium anbelangt, hat sich schon einiges verändert. Das gesamte Studium ist viel verschulter geworden mit dem Bachelor- und Mastersystem.

Empfinden Sie diese Umstellung denn eher als Nachteil oder als positive Entwicklung?

Ich denke das ist ein Nachteil. Die Studierenden sind sehr viel eingespannter und haben weniger Zeit, ihren Interessen nachzugehen. Als es noch das Diplom gab, hatte man gewisse Vorgaben, welche Scheine man bis zu einem gewissen Zeitpunkt haben musste. Häufig musste man nur die Klausuren bestehen und konnte anderes verfolgen. Man hatte eine größere Entscheidungsfreiheit und konnte, zum Beispiel, im Labor arbeiten oder ähnliches. Das versuchen wird jetzt durch Praktika auszugleichen. Die Studierenden sollen trotzdem die Möglichkeit haben, sich auch praktisch auszuprobieren, neben dem Punktesammeln.


Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee wurde am 12. April 1953 in Tübingen geboren. Er studierte von 1974-1980 Biologie an der Eberhard-Karls Universität Tübingen und promovierte anschließend bei Jan Klein am Max-Planck-Institut für Biologie. Als Post-Doc forschte er dann in La Jolla (Kalifornien) und Basel und kehrte nach einem Aufenthalt in Heidelberg als Professor an die Universität in Tübingen zurück, wo er seitdem lehrt und forscht. Für seine Forschungen in der Immunologie ist er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Deutsche Krebshilfe Preis“. Außerdem ist er Begründer der Firmen immatics biotechnologies GmbH, CureVac AG und Synimmune, die jeweils andere Strategien zu Krebstherapien verfolgen.

Titelbild: Vivian Jochens.

Foto: Hans-Georg Rammensee.

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