Aus Belastung Bereicherung schaffen

Kürzlich abgelaufene Milch, braune Flecken auf der Banane oder Druckstellen an der Paprika: Jeden Tag landen noch genießbare Lebensmittel im Müll. Nicht nur Supermärkte werfen viel weg, sondern auch Privathaushalte. Der Tübinger Umsonstladen „Sonnenblume“ möchte ein Zeichen gegen die Verschwendung setzen.

Gemeinsam mit zwei Helferinnen räumt Sonja Hittinger das Regal ein. Zucchinis, Karotten, Rosenkohl, Salat – alles findet seinen Platz. Im Kühlschrank werden Raclettekäse, Wurst und Joghurt verstaut. In 15 Minuten öffnet der Laden. In einer Plastikbox befinden sich Backwaren vom Vortag. Die Ersten stehen bereits vor der Tür. Sie schauen durch die Glasscheibe was es zu holen gibt. In der Zwischenzeit bringt eine weitere Ehrenamtliche zwei Kisten mit Nahrungsmitteln, die sie bei einem Tübinger Supermarkt abgeholt hat. Darin befinden sind unter anderem Himbeeren, Kohlrabi und Pilze. Sonja Hittinger kontrolliert flüchtig die Produkte und füllt weiter das Regal.

„Lassen wir sie rein“, sagt die 29-Jährige um kurz nach elf Uhr. Um die zehn Leute huschen in den Laden. Während die einen sich vereinzelte Waren aussuchen, greifen die anderen großzügig zu und füllen ihre Taschen. Ein Mann mittleren Alters bedankt sich bevor er wieder Richtung Tür schreitet. Ein Anderer schiebt sich zwischen die Menschen, stellt schnell eine Packung Tomaten in das Regal und geht. In nur wenigen Minuten ist alles vergriffen. Nur ein paar Kartoffeln sind übrig geblieben.

Sonja Hittinger füllt das Regal. Welche Nahrungsmittel der Supermarkt zur Verfügung stellt und wie viel, ist jedes Mal unterschiedlich.

Bewusster Umgang mit Obst, Gemüse& Co

Seit eineinhalb Jahren leitet Sonja Hittinger die „Sonnenblume“. Das Konzept ist einfach: Es handelt sich um eine lokale Tauschplattform. „Privatleute können ihre übrigen Lebensmittel bei uns vorbei bringen und andere Lebensmittel, die sie gebrauchen können mitnehmen“, sagt die Philosophiestudentin. Erlaubt sind Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Milchprodukte und sogar selbst gekochte Gerichte.

Voraussetzungen sind allerdings, dass das Verbrauchsdatum nicht abgelaufen ist und die Speisen keine rohen Eier enthalten. Tiramisu, Mayonnaise und Pudding werden von der „Sonnenblume“ nicht angenommen. Ebenso wenig Produkte, die Alkohol enthalten. „Wir dokumentieren nicht, wer welche Lebensmittel mitbringt oder mitnimmt und wie viel. Jeder soll sich frei fühlen“, so die Tübingerin. Zusätzlich werden noch Lebensmittel von kooperierenden Bäckereiläden und einem Supermarkt in Tübingen abgeholt. „Die Betriebe werfen in Kisten und Körben die Waren zusammen, die sie wegwerfen würden. Wir sortieren die Sachen, die noch essbar sind aus und nehmen sie mit“, sagt Hittinger.

Und wenn nach dem Verzehr von Nahrungsmitteln aus dem Umsonstladen Bauchschmerzen auftreten? „Jeder haftet selbst für die entnommenen Produkte. Wir achten natürlich darauf, dass die Lebensmittel und insbesondere die abgelaufenen noch essbar und gut verträglich sind“, erklärt die Tübingerin. „Aber wir können es nicht garantieren.“ Im Laden selbst wird nichts weggeworfen. Was nicht abgeholt wird, bekommen Tiere eines Bauernhofs.

Ein Blick in die Backwarenkiste und in den Kühlschrank zeigt, wie viele Lebensmittel ohne den Umsonstladen in der Mülltonne landen würden.

„Teilen ist ein Wert, der einen selbst reicher macht“

Die „Sonnenblume“ soll die breite Masse ansprechen. Studenten, Berufstätige, junge oder alte Leute, Menschen mit viel oder wenig Geld: Das Angebot richtet sich an alle, denen ein bewusster Umgang mit Nahrung wichtig ist. Ziel ist es, den Lebensmittelabfall der Privathaushalte zu reduzieren. Dazu gehört auch Kommunikation. Die ehrenamtlichen Helfer klären über Missverständnisse auf und beantworten Fragen zu Themen wie Lagerung und den richtigen Umgang mit Nahrung. „Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Dafür den Blick zu schärfen ist das, was wir uns wünschen“, so Hittinger. Dadurch grenzt sich das Anliegen des Umsonstladens von der Tafel ab, die bedürftige Menschen unterstützen möchte.

Doch das Thema Hungersnot beschäftigt auch die Philosophiestudentin. Durch Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung könne dieses Problem gelöst werden. „Müll aus Lebensmitteln belastet uns. Wenn wir das, was uns sowieso belastet an andere weiter geben, können wir das Leid vermindern“, sagt die 29-Jährige. „Wir müssen nur umdenken.“ Die Tübingerin sieht die Chance darin, aus der Belastung eine Bereicherung zu schaffen. All das symbolisiert für Sonja Hittinger die Sonnenblume als Pflanze. So kommt der Laden zu seinem Namen.

Die „Sonnenblume“ zieht um

Bisher befand sich der Umsonstladen im Erasmushaus. Wegen Baumaßnahmen zieht er in den Eingangsbereich des Weltethos-Instituts. Die Tübingerin freut sich auf den neuen Standort. „Es ist zentraler. Mehr Leute werden angesprochen. Wir sind dort angegliedert an einen ethischen Charakter. Das ist das, was für uns auch wichtig ist: einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.“

Zu finden sind auch dann wieder nur ein Regal und ein Kühlschrank. Mehr darf Sonja Hittinger auch nicht zur Verfügung stellen. „Das ist vom Gesundheitsamt so vorgeschrieben. Nur so fallen wir nicht unter das Lebensmittelrecht und dürfen alles anbieten.“

Der Umsonstladen Sonnenblume befindet sich ab dem 20. Februar im Weltethos-Institut (Hintere Grabstraße 26, 72070 Tübingen). Die neuen Öffnungszeiten sind: montags und mittwochs von 16:00 Uhr – 16:30 Uhr.

Fotos: Nicole Plich.

Ein Gedanke zu „Aus Belastung Bereicherung schaffen“

  1. Der Umsonstladen direkt um die Ecke 😉
    erbietet Menschen die Hunger haben eine Möglichkeit Essen zu bekommen, egal mit welchem Hintergrund man dort hingeht, alle Menschen wer gleichbehandelt. Auch wenn man anfangs den Betreiberinnen dies ein wenig klar machen musste das erst wenn Sie selbst die Türe öffnen der Umsonstladen geöffnet ist. Alle Menschen die dorthin kommen und Waren entnehmen sollten mitdenken wieviel Waren sie davon mitnehmen damit nicht gewisse Personen einen ganzen „Bollerwagen randlos voll machen und wieder Andere ein Brot wegstebietzen (bei Anlieferung einer Zulieferin aus Reutlingen)! Es sollte ähnlich wie bei der Tafel verlaufen das ALLE dort etwas bekommen und das die Menge ausgewogen erscheint. –> Das sollte Bitte kein Vorwurf sein gegenüber den Betreiberinnen! Ich selbst bin sehr froh über Ihr Angebot! Was ich an einem Tag einmal sehr komisch empfand ist das jemand dorthin einen 25Liter Karton mit Glühwein dort abgegeben hat (in der Vorweihnachtszeit! Dieser Umsonstladen ist ja keine Anlaufstelle für Alkoholika sondern Menschen aller Art bei denen die unter der Armutsgrenze versuchen zu überleben 🙂
    Dem Team der Betreiber wünsche ich auch für das Laufende Jahr (2017) sehr viel Glück in Bezug auf einen neuen Anlauf- ort und vor allem Ausdauer! Ihr seit echt klasse!Weiter so!

    Herzliche Grüße,
    Ein Nutzer des Umsonstladen

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