„Wo soll’s hingehen?“ Ehemalige Studenten erzählen von ihrem Weg

Das Studium als Passion – für einige ist es genau das, was sie zur Wahl Ihres Studienfachs treibt. Eine innere Überzeugung, der man folgen will. Matthias Baumann, heute Unfallchirurg, hat seine Berufung darin gefunden, Menschen in Not zu helfen.

Sie laufen den Ironman-Triathlon auf Hawaii, besteigen die höchsten Berge der Welt, setzen sich als humanitärer Helfer ein und arbeiten als Unfallchirurg. Mit welcher Ihrer Tätigkeiten fühlen Sie sich am stärksten verbunden?

Matthias Baumann – als leidenschaftlicher Bergsteiger am Mount Everest.

Ich würde sagen, dass es zwei dieser Dinge sind, die besonders auf mich zutreffen und welche für mich gleichwertig sind. In erster Linie bin ich Sportler, mein Herz hängt am Sport. Das hängt auch damit zusammen, dass das mit dem Sport, später dem Leistungssport, schon in der Kindheit anfing, weswegen es für mich sehr emotional ist. Bei den Sportarten ist es dann das Bergsteigen, das mich besonders begeistert, weil es einfach unglaublich beeindruckend ist, auf diese hohen Berge zu klettern und die atemberaubende Natur zu betrachten. Aber auch die Chirurgie ist emotional, schließlich geht es dabei um Menschen, um Menschenleben. Letztendlich sehe ich mich also schon als Sportler und Unfallchirurg.

2014 fanden Ihre beiden Passionen dann eine tragische Verbindung, als durch eine Lawine am Mount Everest sechzehn Sherpas getötet wurden…

Die Passion zum Sport brachte ihn nach Nepal und die Berufung als Arzt, Menschen in Not zu helfen, ließ ihn bleiben.

Ja, das war, als ich 2014 als Expeditionsarzt am Mount Everest war. Da ging zweieinhalb Wochen nach meiner Ankunft eine Lawine runter, an einer Stelle, an der ich kurz zuvor noch selber gewesen war. Dabei sind dann sechzehn Sherpas erschlagen worden. Und da wollte ich dann helfen, wusste aber nicht genau wie und habe dann die Familie eines verunglückten Sherpas besucht und denen etwas Geld gegeben. Später habe ich dann noch die anderen Familien besucht und dann die Idee gehabt, dass ich für die Schulbildung der Kinder in Nepal Spenden sammeln möchte. Diese Spendenaktion hatte dann auch eine großartige Resonanz, wodurch es jetzt auch gelingt, größere Projekte zu finanzieren. Die Verbindung zum Land kam also durch das Bergsteigen, dass ich dort durch Zufall mehrere Katastrophen miterlebt habe und dazu kam dann, dass ich gerne helfe – deshalb bin ich auch Arzt geworden.

Sie sagen also, dass Sie aus innerer Überzeugung Arzt sind. War das auch schon Ihr Beweggrund, als Sie sich für das Medizinstudium entschieden haben?

Der Grund für mich, Medizin zu studieren, war auf jeden Fall die Empathie zum Menschen. Ich mag Menschen und ich helfe gerne. Der Hauptgrund war vor allem die Vision in einem Entwicklungsland zu helfen. Als Leistungssportler hatte ich schon früh eine Beziehung zum Bewegungsapparat und als ich dann selbst wegen einer Sportverletzung im Krankenhaus war, kam dann die Idee, Arzt zu werden. Man entscheidet sich ja erst später im Studium in welche Fachrichtung man geht, aber es ist so, dass in den pädiatrischen Fächern, die Leute, die dort arbeiten, oftmals empathischer sind, als es in anderen Fächern der Fall ist. In der Kinderchirurgie ist die Empathie dann noch einmal höher, weswegen ich dann Kinderchirurg werden wollte. Allerdings ist man dann sehr auf die Unikliniken angewiesen und da ich aber ja vor allem Arzt werden wollte, weil man in der ganzen Welt unterwegs sein und helfen kann, bin ich dann zur Unfallchirurgie. Ich bin also schließlich da gelandet, wo ich schon immer hinwollte.

Bei der Berufswahl hat also immer ein gewisses Fernweh mitgewirkt. Wie kommt es, dass Sie trotzdem in Tübingen geblieben sind und jetzt hier arbeiten?

Ja, Fernweh hat schon eine Rolle gespielt. Woher das kommt, weiß man ja nie so genau, aber schon als Kind habe ich vor dem Globus gesessen und geschaut, wo was liegt. Ich habe einfach großes Interesse an anderen Menschen und Kulturen. Deshalb habe ich auch die Chance genutzt, während meines Studiums ins Ausland zu gehen, über den Tellerrand zu schauen. Ich habe auch einige Zeit ausgesetzt, um mit dem Rad die Welt zu bereisen. Das war unter anderem ja auch ein Grund für diesen Beruf. Ich wollte nicht an einen Ort gebunden sein. Aber ich genieße es auch hier. Tübingen ist eine junge Stadt mit viel Energie. Außerdem ist die Klinik hier eine sehr gute und ich hatte durch mein Studium ja auch schon eine Verbindung zu dieser Klinik und dem Ort.

Tübingen ist wie mein Basislager.“

Sie würden Tübingen und die Universität also jederzeit weiterempfehlen?

Ja, ich denke, dass es in München oder einer ähnlich großen Stadt wahrscheinlich nicht so viel Spaß macht, weil man die ganze Zeit nur durch die Gegend fährt. Dort ist man zu sehr verteilt. Ich selbst kam ja eigentlich nur durch Zufall nach Tübingen, weil ich durch die zentrale Verteilung der Studienplätze hier her geschickt wurde. Zunächst war ich davon gar nicht so begeistert, weil ich eigentlich weiter weg wollte. Dann fand ich es aber echt toll, weil Tübingen eine richtige Studentenstadt ist. Im Sommer saßen damals alle auf dem Holzmarkt, hatten ihre Getränke mitgebracht und einige spielten Gitarre. Ich bin natürlich auch mit der Fachschaft beim Stocherkahnrennen mitgefahren. Das hab‘ ich im Kopf und im Herzen gespeichert.


Matthias Baumann wurde am 7.Juli 1971 in Stuttgart geboren. Er studierte von 1992-2000 an der Eberhard-Karls Universität in Tübingen Humanmedizin. Zusätzlich verbrachte er während seines Studiums ein Jahr in Montpellier, Frankreich. Heute arbeitet er als Unfallchirurg in der Berufsgenossenschaftliche Klinik Tübingen. Darüber hinaus ist er als Expeditionsarzt und Sportmediziner tätig. Neben dem Beruf engagiert sich Baumann als humanitärer Helfer. Nachdem der passionierte Bergsteiger am Mount Everest in Nepal mehrere Katastrophen miterlebt hatte, gründete er 2014 die Stiftung „Sherpa Nepalhilfe“. Informationen hierzu und Spendenmöglichkeiten findet man unter: http://www.faszination-everest.de/sherpa-nepalhilfe/

Titelbild: Vivian Jochens.

Fotos: Matthias Baumann.

Ein Gedanke zu „„Wo soll’s hingehen?“ Ehemalige Studenten erzählen von ihrem Weg“

  1. Ich habe an der Karl-Eberhardt Universitaet von 1961-1967 Medizin studiert, danach in verschidenen Krankenhaeuser die chirurgische Fachausbildung beendet, Meine Doktorarbeit habe in der Hamburger Universitaet geschrieben.Die Zeit in Tuebingen war die schoenste Zeit meines Lebens.
    Z.Z verbringe ich mein Ruhestand in Ottawa/Kanada.

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