Der Wohlstand der Zukunft

Gut leben? Klingt nach dickem Auto, großem Haus und Swimmingpool. Warum wir diese Vorstellung eines guten Lebens umbauen müssen, um aus der Krise zu kommen, erklärte gestern Abend Prof. Dr. Ulrich Brand im Kupferbau.

Dass er hier auf Studierende mit interessanten Gedanken treffen wird, hat Prof. Dr. Ulrich Brand schon an den vielen Aufklebern auf der Toilette erkannt, wie er zu Beginn seiner Vorlesung witzelt. Der politische Ökologe ist aus Wien angereist und hat selbst interessante, um nicht zu sagen revolutionäre Gedanken im Gepäck. Das mag auch der Grund gewesen sein – zusammen mit der letzten Unterschrift im Sitzschein – warum der Hörsaal noch einmal voller ist, als sonst bei der Ringvorlesung „Einführung in die Plurale Ökonomik“.

Ausbeutung – alte Leier, immer noch aktuell

Wir müssten die imperialistische Herangehensweise an die Natur verstehen, um die heutigen Probleme zu lösen, rechtfertigt Herr Professor Brand den Titel seines Vortrags „Imperiale Lebensweise und die Degrowth-Debatte“, der für viele vielleicht auf Anhieb nicht greifbar ist. Was hat imperialistisches Handeln – ein historisch anmutender Begriff – mit einer aktuellen wirtschaftspolitischen Bewegung zu tun?

Der Wiener Professor beschreibt dieses Handeln als zentrales Problem: „Die Voraussetzungen und Konsequenzen unserer Lebensweise finden woanders statt oder wann anders“. Es wird uns immer wieder vor Augen geführt, ja, wir wissen es langsam: Anderswo wird irgendwas abgebaut und dabei Mensch und Natur ausgebeutet. Der globale Norden bediene sich laut Brand überproportional an den ökologischen und sozialen Ressourcen des globalen Südens, um zu produzieren, zu konsumieren, wirtschaftlich zu wachsen. Und das benennt Brand als imperiale Lebensweise.

Prof. Brand aus Wien stellt infrage, ob Wettbewerbsfähigkeit das Ziel der Wirtschaft sein sollte. Degrowth oder Postwachstum sind seine Antwort auf Konkurrenz und Ausbeutung.

„Wir diskutieren E-Autos schon seit zehn Jahren!“

Klar sind den meisten die ökologischen Gründe, aus denen es nicht so weitergehen kann. Das Konzept des ökologischen Fußabdrucks beispielsweise. zeigt Brand nur kurz. Hinzu kommt ein vielleicht weniger offensichtlicher Grund: Das wirtschaftliche Wachstum auf Kosten dieser Ausbeutung verspricht heute nicht mehr unbedingt Wohlstand. Wer bekommt heute noch unbefristete Arbeitsverträge? Kann auf ein sicheres Einkommen hoffen? Das „Band“, der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Wohlstand sei gerissen, betont Brand mehrmals. Und das Wirtschaftswachstum werde in Krisensituationen vom Stabilisator zum Destabilisator.

Genau hier setzt das Degrowth-Konzept ein. Es basiert auf der Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum eben nicht immer gut, jedoch sehr fest in unserer Kultur als Wohlstandsbringer verankert ist. Brand nennt Namen wie Nicholas Georgescu-Roegen und Serge Latouche. Letzterer hat der Degrowth-Bewegung Anfang der 2000er noch einmal Aufwind verschafft, nachdem sie in den 80ern durch das Konzept der nachhaltigen Entwicklung verdrängt wurde. Nachhaltige Entwicklung, grüne Ökonomie – das klingt doch gut? Brand: „Wir diskutieren E-Autos schon seit zehn Jahren!“ Und trotzdem halte sich die Automobilindustrie an den Ölpreis, wenn es um die Rentabilität neuer E-Modelle gehe. Es fehlen die Anreize – somit gehe grüne Ökonomie nicht an den Kern der Problematik.

Wirtschaft sozial betrachten – mit der Vorlesungsreihe über Plurale Ökonomik.

Das Stichwort lautet „Ersetzen“

Degrowth also – „entwachsen“? Was bedeutet das? Verzichten? Brand betont ausdrücklich, dass für ihn Degrowth nicht gleichzusetzen sei mit einem schlichten Verzicht auf Konsumgüter. Das Stichwort sei „ersetzen“ – beispielsweise indem in Gemeinschaftsgärten Gemüse angebaut wird, man sich also ein wenig Subsistenz erhält. Oder der ÖPNV so attraktiv gestaltet wird, dass es wirklich viel weniger Autos gibt. Anstatt Produktivismus und Konsumismus können Werte wie Kooperation und Gerechtigkeit Schlüsselrollen spielen. Natürlich seien das Machtfragen, sagt Brand. Die Degrowth-Bewegung müsse jedoch aus ihrer Nischenposition herauskommen und brauche gesellschaftliche Perspektiven. Dafür müsse man wirklich umbauen und zum Beispiel „Stromkonzernen ihre Geschäftsmodelle kaputt machen“.

Es geht also um wirklich große politische Umbrüche. Und diese seien laut Brand mehr als nötig angesichts zweier Drittel der Menschheit, die sich erst noch auf dem Weg in die Industriegesellschaft befänden. Denn: Werden Alternativen geschaffen, die Wohlstand ohne Wachstum bringen, bedeute dies auch mehr Zeit, weniger Stress, eine andere Form von Wohlstand – und weniger Krisenanfälligkeit. Was wir dafür tun müssen: umdenken. Auch phantasievoll sein, denn „Degrowth ist kein Masterplan, sondern eine Perspektive für gutes Leben für alle“.

Die Vorlesungsreihe, welche die Studierendengruppe „Rethinking Economics Tübingen“ auf die Beine gestellt hat, wird im nächsten Semester weitergeführt: Die Gruppe möchte damit ein zusätzliches Angebot schaffen, wirtschaftswissenschaftliche Themen unter sozialwissenschaftlichen Aspekten zu beleuchten, eine Verknüpfung, die im Wiwi-Studium viel zu kurz komme.

Wer mehr über die „Rethinking Economics Tübingen“ und die kommende Veranstaltungsreihe wissen möchte:

https://www.facebook.com/RethinkingEconomics/

Am 20. März erscheint ein Buch von Ulrich Brand zusammen mit Markus Wissen: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom verlag München, 2017, ISBN-13: 978-3-86581-843-0

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