Viel zu viel Filz!

Wer in Tübingen irgendwas mit Sprachen, irgendwas mit Medien oder irgendwas mit Sprachen und Medien studiert, kennt sie, allen anderen wollen wir das Ambiente dieses Kunstwerks der Innenarchitektur nicht vorenthalten: Eine Ode an die Brechtbau-Liegewiese.

Der Brechtbau: unendliche Weiten. Soweit das Auge reicht erheben sich eckige Gebirge aus grünem Samt, naja Samt, also eher Filz. Eine künstlerische Landschaft, die wahrscheinlich der revolutionären Idee eines Architekten zu verdanken ist, der den Teppichboden nicht bloß eben dorthin, auf den Boden, leimen ließ, sondern den Auftrag gab, die Sitzgelegenheiten gleich mit einzutapezieren. Das fertige Werk heißt Liegewiese. Ein Name, der schon kaum mehr sarkastisch ist, eher zynisch, hat dieser Ort mit einer Liegewiese doch etwa so viel zu tun wie Tim Wiese oder die Münchner Wiesn. Verglichen mit dem bayrischen Volksfest, weicht die Brechtbau-Liegewiese von dem Konzept „Liegewiese“ freilich in die entgegengesetzte Richtung ab. Soll heißen: Statt Gaudi gibt es Glastüren (mit Drahtgitter; ich weiß gar nicht, wie man das nennt, dachte das gäbe es nur im Gefängnis). Also gut eine Schönheit ist sie nicht, die Wiese, aber zweckmäßig ist doch eh das neue sexy, pastellgrün vielleicht auch das neue schwarz? Immerhin ist dies doch ein Ort der Bildung, wo tausende, wissbegierige, junge Geister nach Erkenntnis streben können.

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Unser heiß und innig geliebter Brechtbau – schön ist er nicht, aber zumindest steht er… noch.

Zweckmäßig ist doch eh das neue sexy, pastellgrün vielleicht auch das neue schwarz?

Es sind heute 3 Studierende anwesend (in Worten: drei). Nicht schlecht für einen Samstag. Vor dem Fenster lädt die Feuertreppe zur Flucht ein. Aber heben wir den Blick mal einen Moment, so zeigen sich uns: nackte Betonpfeiler. (Ich habe das Wort nackt, mit dem harten „ck“, noch nie so passend gefunden). An einem klebt ein Aushang für Mathe-Nachhilfe, alle Adresszettel hängen noch dran. In der Decke (Beton, was sonst?) öffnen sich milchige Oberlichter, die die Illusion von natürlichem Licht erwecken wollen und doch kaum von den Neonröhren ablenken, die unerbittlich auch das letzte Staubkorn ausleuchten. Eine kleine Abwechslung sind die Schließfächer, vollgeklebt mit Band-Logos und schlauen Sprüchen: ein verzweifelter Versuch von Individualismus. Ansonsten springen nur die Nichtraucherzeichen ins Auge und erinnern mich daran, dass ich leider auch nichts zu rauchen dabeihabe.

Man kann diese Liegewiese also als designerisches Desaster sehen, vielleicht ist sie aber doch tatsächlich Kunst. Teppichgewordene Gesellschaftskritik sozusagen. Der Kapitalismus verlangt mehr Effizienz, mehr Gewinn. Der Brechtbau entgegnet: Man muss auch mal Mut zur Nutzlosigkeit haben. Einfach mal eine Rückenlehne zwei Meter dick machen und sie woanders komplett weglassen. Brechtbau: das ist, wenn der Dozent dir sagt, dass man in einen anderen Raum muss, weil bei dem hier vielleicht bald die Decke einstürzt. Eine halbe Stunde auf dem Filz der Liegewiese bringt einem viel über das Leben bei: Es ist rau, es ist hart und alle bemühen sich vergebens das Gute darin zu sehen.

Fotos: Felix Müller.

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