Auch Arbeiterkinder brauchen Chancen

Schuster bleib bei deinen Leisten – ein Sprichwort, das auch auf die Wahl des Bildungsweges zutrifft. Trotz vermeintlicher Chancengleichheit im Bildungssystem herrscht an Universitäten soziale Selektivität. Die Initiative Arbeiterkind.de will dem entgegenwirken.

Der Vater Handwerker, die Mutter Bürokauffrau und die Kinder Akademiker: Eine derartige Familienkonstellation ist möglich, jedoch häufig nicht der Fall. Die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) ergab, dass von 100 Schülerinnen und Schülern, die aus einem Elternhaus ohne akademischen Hintergrund stammen, nur 23 den Schritt an die Hochschule wagen. Zum Vergleich: Bei Kindern aus Akademikerfamilien liegt die Zahl bei 77.  Am fehlenden Abitur scheitert es nicht. Mehr als die Hälfte erfüllt die notwendigen Voraussetzungen für ein Studium.

Für mehr Chancengleichheit

Ob angehende Abiturienten ein Studium anstreben oder nicht, liegt nicht nur an der Bildungsherkunft der Eltern. Auch die vorhandenen Kenntnisse über Kosten, Finanzierung und Nutzen seien entscheidend, das zeigen Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsordnung und des Wissenschaftszentrum Berlins für Sozialforschung. Genau an dieser Stelle möchte die gemeinnützige Initiative Arbeiterkind.de ansetzen. Gegründet wurde die Internetplattform im Jahr 2008 von Katja Urbatsch, selbst ein sogenanntes Arbeiterkind. Mittlerweile engagieren sich 6000 Ehrenamtliche deutschlandweit.

Eine Lokalgruppe gibt es auch in Tübingen. „In Real- und Hauptschulen informieren wir Schüler, wie man es an die Universität schafft und motivieren jene, die einen höheren Bildungsweg anvisieren, diesen auch zu gehen“, sagt Daniela Grondey, Mitglied bei Arbeiterkind in Tübingen. Oft werde der Initiative vorgeworfen, dass nicht jeder an eine Universität gehen könne. „Uns geht es auch nicht darum, Leute zu überzeugen ein Studium zu beginnen, die eigentlich eine Ausbildung machen wollen. Wir sind keine Missionare.“

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Beim monatlichen Stammtisch besprechen die ehrenamtlichen Mitarbeiter organisatorische Angelegenheiten, wie zum Beispiel stärker in das Uninetz involviert zu werden.

Aufgabenbereiche an der Universität

Aber auch für Studierende ist Arbeiterkind eine Anlaufstelle. Die Aktiven geben Tipps zu Stipendien, wie die Finanzierungsmöglichkeiten während einer Promotion sind, beraten bei Fragen zur Studienorganisation und haben ein offenes Ohr bei familiären Problemen. Dabei unterstützen sie aus eigener Erfahrung, denn sie sind auch die ersten ihrer Familie, die studiert haben. „Mit dem Schritt an die Uni ist es noch nicht getan. Viele Probleme ergeben sich erst im Laufe des Studiums“, so die gelernte Krankenschwester und heute Promovendin im Fach Geschichte. „Häufig suchen studierende Arbeiterkinder auch ideelle Unterstützung, wenn sie diese nicht zu Hause bekommen.“

Probleme von Arbeiterkindern

Neben ökonomischen Problemen, müssen sich Arbeiterkinder auch mit sozialen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Häufig fehlen ihnen die Netzwerke, um ein passendes Praktikum zu ergattern. Und auch mit den Eltern kommt es häufig zu Konflikten, wie Daniela Grondey weiß. Wann wirst du endlich fertig? Was verdienst du dann? Willst du nicht lieber doch eine Ausbildung machen? – Fragen, die die Familien beschäftigen. „Aus Erfahrung wissen wir, dass bei ganz vielen Arbeiterkindern, die an Universitäten gehen, eine völlige Entfremdung von der familiären Lebenswelt stattfindet.“ Frühzeitig auf eigenen Beinen stehen und einzelne Lebensprozesse abschließen sei für nicht-akademische Familien wichtig.

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Diese aktiven Mitglieder helfen Studierenden aus nicht-akademischen Familien bei Fragen rund ums Studium.

Die fehlende Unterstützung von zu Hause führe auch häufig zu Unsicherheit der Studierenden. Viele, die bei Arbeiterkind nach Rat suchen, hätten Zweifel, dass sie nicht für die Universität gemacht seien und dass sie doch keinen Abschluss schaffen könnten. Der Unikosmos bleibe ihnen fremd. „Wird ein Master oder eine Promotion angestrebt, dann ergeben sich all diese Schwierigkeiten wieder neu“, sagt Grondey.

Mehr Präsenz an Universität

Deswegen möchte die Initiative ihre Arbeit an der Uni ausbauen und strebt ein Eins-zu-Eins Mentorenprogramm an. Auch unter der Professorenschaft wird nach Unterstützung gesucht. Kooperationsfreudig zeigt sich die Universität jedoch nicht. „Wir reden hier immer viel von Diversity und auch die Uni in Tübingen schreibt sich das groß auf die Fahne, aber an der Umsetzung hadert es noch.“

Mehr Informationen zu Arbeiterkind gibt es unter http://www.arbeiterkind.de. Außerdem empfiehlt Daniela Grondey zum Thema die Bücher „Ausgebremst“ von Katja Urbatsch und „Du Bleibst was du bist“ von Marco Maurer (beide in der UB vorhanden). Wer Kontakt zu der Austauschplattform aufnehmen möchte, schreibt eine Mail an Arbeiterkind tuebingen@arbeiterkind.de oder kommt direkt zum offenen Treffen. Das findet immer am ersten Mittwoch des Monats um 20 Uhr in der UB-Cafeteria statt.

Titelbild: Paul Mehnert.
Fotos: Marko Knab.

Ein Gedanke zu „Auch Arbeiterkinder brauchen Chancen“

  1. Und wer Fragen hat oder Beratung möchte, kann gerne ab 19.30 Uhr im UB-Cafe zur offenen Sprechstunde kommen, die immer direkt vor unserem Treffen stattfindet 🙂

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