Nicht ganz koscher

Judenwitze? Er darf das. Denn er ist selbst Jude und steht auch dazu. Neben Humor zeigt Multitalent Shahak Shapira bei Querfeldein leider nicht so viel Tiefe wie erwartet, aber verstrickt sich sympathisch in Widersprüche.

Unauffällig ist der gelernte Art-Director gewesen, als er gegen Mittag mit zwei Begleitern durch die Wilhelmstraße schlenderte. „Ach, das war der mit dem schwierigen Namen, der heute bei Querfeldein ist?“ Genau der war es, Shahak Shapira. „Neonröhre“, wie man ihn wegen seiner blonden Haare im Geburtsland Israel verspottete, wurde letztes Jahr der breiteren Masse bekannt. Er wollte sich und seine Wurzeln nicht länger beleidigt wissen und widersprach laut lärmenden Antisemiten in einer Berliner U-Bahn. Die verprügelten den jungen Mann aus Tel Aviv mangels logischer Argumente kurzerhand. Der Empfehlung aus Israel, wieder in die Heimat zurückzukehren, ist er nicht gefolgt. Gut so, sonst wären sein Buch und dieser Abend gar nicht zustande gekommen.

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Shahak Shapira – ein Mann mit Selbstironie und ernsthafter Botschaft.

Entweder – oder? Weder noch.

Realist oder Idealist? Auf Nachfrage will sich der 28-jährige Wahlberliner nicht festlegen. Leider zieht sich diese indifferente Haltung in gewisser Weise durch die gesamte Abendveranstaltung. Eine lockere Art legt er an den Tag, sympathisch und mit Selbstironie erobert er die Herzen der Zuschauer. Und mit Judenwitzen. Die darf er machen, ein wichtiges Element seiner Selbstironie. Doch auf Dauer verebbt dieses Konzept. Gerade als er Gefahr läuft, dass seine improvisierten oder kalkulierten Witze verpuffen, die nur er selbst so zum Besten geben kann und darf, zündet auch endlich die lange vermisste Metaebene seiner Ausführungen. Am Beispiel einer Gulasch-Kanone, bestellbar im Online-Shop des einschlägigen Kopp-Verlags, gelingt es ihm, dem Publikum ein Bewusstsein gegenüber eigenem Rassismus und Vorurteilen einzuimpfen. Betrieben werden könne der Eintopfofen mit nahezu jedem Brennstoff. Die Implikatur „Jude“ steht lange still im Raum, wird aber nicht ausgesprochen. Und die Zuschauer schauen, gefangen zwischen Amüsement und schlechtem Gewissen, in die Runde.

Ein Spiegelkabinett aus Ironie

Doch diese Vorstöße in die Tiefe des Diskurses sind leider die Ausnahme. In Shapiras Spiegelkabinett aus Ironie geht die wahre Meinung zu oft verloren. Die letztendliche Ehrlichkeit in seinen Antworten zeigt sich nicht. Wann er das letzte Mal Angst gehabt hätte? Als er beim Inder bestellt habe, denn da wisse man nie, was am nächsten Tag passiere. Soweit so scharf, das Publikum schätzt diese kleinen Zoten. Zugutehalten muss man ihm, dass er dann doch recht unumwunden eingesteht, wahre Ängste nicht wirklich zuzugeben. Bei aller Kritik, die fehlende Tiefe moniert, darf man ihm nicht absprechen, den Geschmack der heutigen Generation getroffen zu haben. Eine weitere starke Passage seines Auftritts stellt im Rückblick die Arbeit mit dem Holocaust-Denkmal in Berlin dar. Dort kritisiert er die unreflektierte Selfie-Kultur auf der Gedenkstätte. Die abstrakten Symbole aus Beton hat er durch schockierende Bilder aus Konzentrationslagern ersetzt. Vielleicht wird den Menschen bewusster, was sie tun, wenn sie sich bei Shapira vor ausgemergelten Zwangsarbeitern in Buchenwald wiederfinden, als vor ästhetisch geformter Architektur. Die Bildmontagen lassen dem Publikum erneut die Lacher im Halse stecken bleiben.

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Ein Abend im vollbesetzten Ribi zwischen Witz und Nachdenklichkeit.

„Man kann über Neonazis reden, aber nie mit ihnen.“

Was soll denn einer sonst sagen, der mit 14 Jahren von Tel Aviv in die NPD-Hochburg Laucha in Sachsen-Anhalt zog? Er unterstellt den Neonazis dabei auch, in gewisser Weise Angst vor ihm zu haben. „Bei mir melden sie sich jedenfalls nicht“. Starke Worte sind Shapiras Trumpf, wie über den Verlauf des Abends klar wird. Zu oft bleibt es aber auch dabei, denn auf unangenehme Fragen antwortet er mit Gegenfragen. „Wieso nicht?!“ wiederholt sich mehrfach. Der Quotenjude möchte er nicht sein, immer zu denselben Themen wie Fremdenfeindlichkeit befragt. „Da ist mein Judentum wie eine Geschlechtskrankheit, wie Tripper. Man wird es nicht los.“ Das mag wahr sein, aber er schöpft das sich bietende Potential dieser Konstellation auch bereitwillig und gerne aus. Obwohl er sich über den Abend so immer wieder in gewisse Widersprüche verstrickt, wirkt er dabei sympathisch. Denn nichts ist so ansteckend wie Gelächter und gute Laune. Und trotzdem bleibt das Gefühl, dass dieser Abend mehr hätte sein können. Oder um es im Stile Shahak Shapiras auszudrücken: Der Abend fühlte sich irgendwie beschnitten an.

Fotos: Paul Mehnert

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