Inszenierte Unprofessionalität

Er ist der Dude, der in Syrien geweint hat, der seinen Job als Sportreporter kündigte, um aus einem Kriegsgebiet zu berichten. Am 28.11.16 war Hubertus Koch zu Gast bei Querfeldein im Ribingurumu.

„Ich bin der Hubi, ich mache Filme“, stellt sich der Gast vor, so kurz wird er sich danach nur noch selten fassen. Hubertus Koch ist einer, der sich gerne aufregt, am prominentesten wohl über die Flüchtlingskrise (in Form seines Films „Süchtig nach Jihad“), weniger prominent über das deutsche Fernsehen (aber immerhin vor der Prominenz, die daran schuld ist), wenn er nicht im Livestream übertragen wird auch gerne mal über Leute, die keinen Wodka mit ihm trinken.

Seine Tiraden, man sollte sie vielleicht besser „Rants“ nennen – das erweckt passendere Konnotationen, denn sie sind sprunghaft, impulsiv und verlieren sich des Öfteren in sich selbst – sind lang (ja, länger als dieser Satz), aber elaboriert, aus den genannten Gründen, leider weniger. Ein bösartigerer Kritiker würde an dieser Stelle schreiben, seine Tiraden/Rants (wie auch immer) wären damit ein Sinnbild ihres Urhebers, tatsächlich sind sie eher sein Stilmittel: Koch inszeniert sich als Teil seiner Zielgruppe, von ihm selbst als „Generation Bullshit Overkill“ betitelt.

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Die Moderatoren sind stets bemüht Kochs „Rants“ mit Fragen zu unterbrechen. Je später der Abend, desto seltener gelingt es ihnen.

Who is Hubi?

Es gehe ihm nicht vorrangig um Information. Man müsse die Leute erst einmal „emotional andocken“ lassen, sagt er, aber an dieser Stelle sollen doch ein paar dieser, zunehmend aus der Mode kommenden, Fakten genannt sein: Hubertus Koch, gebürtiger Rheinländer, zieht nach München, um dort für Sport1 zu arbeiten, nebenbei Germanistik-Studium. Bachelor-Arbeit über „Fight Club“ – einen Film, der Anarchie als Antwort auf die westliche Zivilisation propagiert. Irgendwie passt das zu Kochs Arbeitsweise, irgendwie passen Zitate daraus nicht in seine Reportage. Nach der dritten Saison bei Sport1 erkennt der passionierte Auswärts-Ausraster, das „Fußball“ alles sagt, was beim Fußball passiert und ihm das zu oberflächlich ist.

Ende 2013 beschließt er also den Vater einer Freundin nach Syrien zu begleiten. Mahmoud Dahi fährt Sachspenden in das Bürgerkriegsland, Koch will ihn dabei filmen. Dort angekommen merkt er: „alter Falter, da geht die Welt unter“, und tritt seinen Drehplan in die Tonne. Das Porträt des Helfers Mahmoud Dahi wird zunehmend zum Selbstporträt des Hubertus Koch.

Ich bin der Hubi, ich bin wie Du.

Kotzend auf dem Kinderspielplatz, mit bunter Sonnenbrille und Tanktop auf dem Weg in den Hollandurlaub – so zeigt er sich zu Beginn der WDR-Version seiner Syrien-Doku. Und der Zuschauer denkt sich: Nach Holland könnte ich auch nochmal fahren. Aber Hubertus Koch fährt dann nach Syrien und da, denkt sich der Zuschauer, würde er nicht hinfahren. Um zu beweisen, dass der Hubi, der da über ein deutsches Klettergerüst reihert, derselbe ist, der in Syrien im Flüchtlingscamp durch die Scheiße läuft, sagt er ganz oft „gefickt“ oder „Digga“ oder „Hurensohn“, so wie das halt die Generation Y macht, oder?

Manch einem mag Kochs Idiom-Tourette politically zu incorrect sein, letztendlich klingt es vor allem zu aufgesetzt. Vielleicht nicht so sehr im Gespräch nach zwei Bier und zwei Wodka, spätestens im geskripteten Voice-Over wird es in seiner Erzwungenheit aber fast nur von der Bravo-Fotostory geschlagen.

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Es gelingt Koch offenbar ein Publikum zu erreichen: Das Ribi war voll besetzt.

Denn wir wissen nicht, was wir tun.

Filmisch kommt Kochs Reportage reichlich unprofessionell daher – genau darin liegt jedoch ihre Stärke. Der deutsche Junge läuft mit GoPro durch das Flüchtlingscamp „Bab al-Salameh“, hat keine Ahnung was er da eigentlich soll und versucht nur erstmal klarzukommen. Ein Mädchen schlendert in zu großen Gummistiefeln an einem Wrack vorbei, das eine Woche zuvor als Autobombe detonierte. Sie dreht sich kurz um, formt die Finger zum Peace-Zeichen. Es sind solche Momentaufnahmen, die Kochs Film einzigartig machen, „wie ein Sniperschuss ins Herz“ habe sich das angefühlt. Er hat einen Hang zum Pathetischen, aber auch die Bilder dazu. Hubertus Koch, als Prototyp einer Generation, (wird) konfrontiert mit der Realität. Ein Experiment, das ihm vielleicht gerade so packend gelingt, weil er nicht weiß, was er tut, so wie all die anderen eben, nur, dass er da war, es gemacht hat. Das muss man bei allen Angriffspunkten, die seine Arbeit bietet, anerkennen.

Fotos: Paul Mehnert.

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