Russische Sehnsucht verzaubert den Festsaal

Russische Klänge erfüllten zum Konzertauftakt der Wintersaison den Festsaal der Neuen Aula. Das hervorragend aufspielende Moskauer Sinfonieorchester vereinte am Montagabend die Musik dreier russischer Komponisten aus den letzten zweihundert Jahren und begeisterten damit das Publikum.

Wer zufällig am Montagabend noch an der Neuen Aula vorbeikam, sah wieder eine Menge chic gekleideter Frauen und Männer vor dem Gebäude stehen. Russische Klassik vom Feinsten haben sich die Veranstalter, das Kulturreferat der Uni und die Tübinger Museumsgesellschaft, mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Moskaus ins Haus geholt. Unter der Leitung des berühmten russischen Dirigenten Dmitry Orlov wurden Werke von Glinka, Chatschaturjan und Schostakowitsch aufgeführt. Wem diese Namen oder deren Werke nicht viel sagten, der konnte sich bereits ab 19:30 Uhr im Saal des Großen Senats eine Einführung in die russische Klassik anhören. Aufgeführt wurden Glinkas Kamarinskaya, Chatschaturjans Konzert für Violine und Orchester in d-moll und Schostakowitschs bekannte Sinfonie Nr. 5 d-moll op.47.

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Das staatliche Sinfonieorchester Moskau unter der Leitung von Dmitry Orlov. Foto: Kulturreferat Tübingen/Alexandr Kirzhenkov.

Tanz und Tempo

Den Anfang des Konzerts stellte Michail Glinkas Stück Kamarinskaya dar, welches das älteste der drei aufgeführten Stücke ist und stark in der Tradition des russischen Volkslieds steht. Steht doch Kamarinskaya selbst für einen russischen Volkstanz, so zieht einen das kurzweilige Werk mit seinem famosen Streichersatz direkt an. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie zu ähnlicher Musik auf Hochzeiten getanzt wird. Seine vielen Tempowechsel und die pizzicato-Stellen wurden vom Orchester fehlerlos mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit vorgeführt.

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Die Streicher, allen voran die Violinen drapiert um Dirigent Orlov, bildeten oftmals das Herzstück der Melodien. Foto: Felix Müller.

Anschließend trieb der energisch und doch zugleich konzentriert wirkende Dmitry Orlov seine Musiker zu weiteren Glanzleistungen, die im Zusammenspiel mit dem berühmten und genialen Solo-Violinisten Graf Mourja den Höhepunkt des Konzerts markierten. Mourja, der bereits im Alter von drei Jahren mit dem Geigenunterricht begann, gilt als einer der begabtesten Violinisten ganz Europas. Kein Wunder, dass er mit neun Jahren an die renommierte Moskauer Tschaikowski-Musikschule kam und mit 16 schon die ersten internationalen Preise gewann.

Doch wer von der Papierform nicht viel hält, der wurde spätestens jetzt überzeugt. Graf Mourja und seine Geige scheinen eins zu sein, wenn er voller Energie die überaus schnellen Auf- und Abwärtsbewegungen des Werkes perfekt meistert. Seine Genialität zeigt sich auch in seinem Einfühlungsvermögen für die Musik und das komplette Arrangement. Er wechselt in der Lautstärke, betont besondere Passagen und wirkt nicht wie andere Solisten getrennt vom Orchester.

Chatschaturjans Violinkonzert ist ein sehr dynamisch mit vielen ausgeprägten Solo-Passagen, in denen Mourja seine ganze Klasse zeigt. Nach diesem Stück, das einen als Zuhörer aufgrund seiner dramatischen Stellen in seinen Bann zieht und mit einem schönen Zusammenspiel von Solo-Violine und Klarinette im 2. Satz wirklich in Erinnerung bleibt, lässt sich Graf Mourja nicht bitten und legt eine kurze One-Man-Show ein, in der er dem Publikum eindrucksvoll zeigt, was er aus seinem Instrument herauszuholen vermag.

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Graf Mourja, der wahrlich virtuos mit der Solo-Violine das Konzert belebte, spielt auf einer Geige von Santino Lavazza von 1770. Foto: Kulturreferat/Anna Murzha.

Dramatisches Finale nach der Pause

Nach der Pause geht es ohne Mourja weiter, dafür aber mit dem dritten und letzten Werk des Abends – der berühmten 5. Sinfonie Schostakowitschs. Sie wird oftmals als dessen Rehabilitation gegenüber dem politischen, sowjetischen System gesehen. Geriet der Künstler doch mehrmals ins Fadenkreuz Stalins und sagte selbst zur Beziehung seines Lebens zu seinem musikalischen Schaffen: „Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon.“

Das Stück, aus vier Sätzen bestehend, beginnt verhalten und düster. Im ersten Satz zeigen Blechbläser und Kontrabass ihr Können und in einem entsteht ein Bild einer bizarren, verwunschenen Landschaft. Dramatisch geht der Satz zu Ende, während das nun folgende Allegretto kurz gehalten ist. Im dritten Satz rücken in einem wunderbaren Duett Harfe und Querflöte kurz in den Mittelpunkt, nur um dann von einer unheilvollen, sehr dramatischen Melodie der Streicher abgelöst zu werden, die Spannung erzeugt und zum finalen vierten Satz hinführt.

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Das gesamte Orchester genießt den aufbrandenden Applaus am Ende des Abends. Foto: Felix Müller.

Im vierten Satz, der mit einem berauschenden, schier nicht enden wollenden Marsch abschließt, zeigt das Moskauer Sinfonieorchester nochmals seine ganze Klasse. Das perfekte Zusammenspiel und sein stilistisches Einfühlungsvermögen zeigen sich, wenn in einem Moment eine trügerische Ruhe im piano gespielt wird, die sich einen Augenblick später in ein atemberaubendes fortissimo verwandelt. Majestätisch und erhaben und doch romantisch und zerbrechlich wirkt dieses Ende. Nach anhaltendem Applaus kehrt Dmitry Orlov noch einmal auf die Bühne zurück und verzückt das Publikum mit einer Zugabe. Danach fällt die Spannung von ihm ab und er lächelt in den Saal.

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Zuerst konzentriert wie ein russischer General sein Orchester manövrierend, lächelt Dmitry Orlov zum Applaus am Ende ins Publikum. Foto: Felix Müller.

Für alle, deren Interesse an klassischer Musik nun geweckt wurde, empfehlen sich die weiteren Konzerte, die dieses Semester noch in der Neuen Aula zu sehen und hören sein werden. Nächster Gast wird das Ensemble Martinu Prag sein, das am 29.11. ab 20.15 Uhr auftritt. Für Studierende gibt es übrigens Karten zum halben Preis oder etwaige Restkarten am Konzertabend zu 8€. Eine tolle Möglichkeit, erstklassige klassische Musik für wenig Geld zu erleben.

Mehr Infos unter: https://www.konzerte-tuebingen.de/

Glinkas Kamarinskaya: 

https://www.youtube.com/watch?v=dMOhbjD0vVk

Chatschaturjans Konzert für Violine und Orchester in d-Moll: 

https://www.youtube.com/watch?v=rXjZAwZoj1g

Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47:

https://www.youtube.com/watch?v=0FF4HyB77hQ

Titelbild: Felix Müller.

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