Den Schmerz zulassen

Am vergangenen Donnerstag sprach die Kriegsreporterin und Publizistin Carolin Emcke über ihr mit dem Friedenspreis ausgezeichnetes Buch „Gegen den Hass“ und plädierte für einen gesellschaftlichen Umgang ohne Fanatismus und Dogmatismus in Richtung mehr Verständnis, Freiheit und Pluralität und wie wir diese Werte schützen sollten.

Über eine Journalistin zu schreiben, ist ein wenig wie für einen Koch zu kochen. Vor allem, wenn es sich dabei um Carolin Emcke handelt, die sich rhetorisch von Satz zu Satz schwingt, wie die eleganteste Rednerin schlechthin. Im Sparkassen-Carré erzählt sie von ihrem neuen Buch, ihrer Arbeit und gibt Antworten auf all jene Fragen, die im aktuellen gesellschaftlichen Kontext wieder und wieder auftauchen.

Vom Zwang der Einordnung

Allein als sie den gefüllten Raum betritt, verdeutlicht der tosende Applaus den Ruf, der ihr jüngst aufgrund des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, aber vor allem wegen ihrer beeindruckenden Dankesrede vorauseilt. Carolin Emcke ist eine homosexuelle Journalistin – und obgleich dem akademischen Umfeld der Universität die Nennung ihrer Sexualität als nichtssagend erscheint, so wichtig ist diese Betrachtung bei all der Marginalisierung und Diskriminierung, die sie im gesellschaftlichen und privaten Umfeld erfahren hat.

„Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: Dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.“, sagt Emcke in ihrer Rede. Ihre persönliche Erfahrung der Ausgrenzung ist Teil ihrer Entwicklung und vielleicht einer Verantwortung, die schon immer als eine kollektive empfunden wurde.

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Ausverkauft und prall gefüllt war der Raum des Sparkassen-Carrés am vergangenen Donnerstagabend.

„Nicht zuhören, sondern zulassen“

1967 in Mühlheim an der Ruhr geboren, folgte Emcke einem steilen akademischen Aufstieg. Sie studierte in Frankfurt, London und an der Harvard Universität, schrieb für die Auslandsredaktion des Spiegels und lehrte an der Hamburg Media School und in Yale. Dass dieser Lebenslauf Eindruck schinde, bemerkte auch die Moderatorin Dorothee Kimmich; ob man Emcke dann nicht nur darauf reduziere. Betrachtet man aber die Jahre, die Emcke im Ausland und vor allem in Krisengebieten verbrachte, verstummt man schnell bei ihrer Antwort.

Denn genau diese Reisen waren es, die ihre Arbeit maßgeblich beeinflussten – wie auch ihr 2004 erschienenes Buch „Von den Kriegen: Briefe an Freunde“ beweist. Man müsse definitiv den Mut haben, „sich zuzutrauen, dass man etwas aushält“, um vor allem „den Schmerz dieser Menschen nach[zu]vollziehen“. Fast schon hört man hier eine gemeinschaftliche Verantwortung heraus, die Emcke zu ihrer Arbeit bewegt. Aber dies sei eben eine schon fast reflexartige Reaktion gewesen – sich aus seiner Perspektive herauszubewegen, um die Sichtweise der Zivilisten zu porträtieren.

Ganz klar verurteilt sie die bloße Abbildung großer Formen von Gewalt als „journalistischen Fehler“. Nicht nur, weil diese Tendenz ein Symptom der Verrohung sei, aber auch, weil gerade „das ästhetische Verfahren der Entschleunigung“ eine Rekonstruktion von Gewalt ermögliche – und die Analyse dieses Entstehungsprozesses Möglichkeiten der Handlungen liefere, um in Zukunft vielleicht sogar präventiv Gewalt entgegen zu steuern.

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Klar formuliert und direkt sind Emckes Ausführungen, wenn auch die ernsten Themen den komplexen Nerv der aktuellen politischen Lage treffen.

Sich nicht „intellektuell verstümmeln lassen“

Diese schon fast prophylaktische Aufmerksamkeit ist vor allem im Kontext des deutschen Politikklimas von Bedeutung. Sehr entscheidend wehrt sich Emcke gegen Begriffe wie „Mob“ und „Pack“ – „Das ist einfach nicht meine Sprache“, merkt sie an. Aber man müsse sich mittlerweile nicht nur Sorgen um die Rechtsextremen machen, denen Emcke ein zerrüttetes Heimatgefühl unterstellt, wenn diese sich so vehement gegen Menschen stellen, die mit einem intakten nach Deutschland flüchten.

Viel mehr sei es die Selbstverständlichkeit, mit denen sich die eigentlich rechten Äußerungen in der liberalen Mitte ansiedelten. Fast so, als hätte sich Hass und Aggression als Kommunikationsform in einer doch vermeintlich demokratischen Gesellschaft etabliert. Auf die Frage, wie man mit Rechtsideologen umgehen sollte, sagt Emcke sehr bestimmt, dass man sich nicht „intellektuell verstümmeln lassen“ dürfe. Gegengewalt würde der intendierten Ausgrenzung zuspielen, anstatt sie zu bekämpfen; wichtig wäre richtiger Dialog, wenn auch unter der Prämisse, dass dieser beidseitig gesucht wird.

„Demokratische Geschichte wird von allen gemacht.“, bemerkt Emcke in ihrer Dankesrede. Während der Lesung bezieht sie sich auch darauf und liest aus ihrem Mitte Oktober erschienenen Buch „Gegen den Hass“ das dritte Kapitel des Buches und über das „Lob des Unreinen“. In einer Gesellschaft zu leben, die Pluralität propagiert, hieße auch, aktiv zu sein im Schutz dieser Freiheit. Es dürfe keine „kategoriale Verrohung von Sicherheit“ geben, wenn man aufgrund seiner „Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen“ unter der omnipräsenten Gefahr steht, diskriminiert zu werden.

Bewusste Verantwortung

Emcke verkörpert für viele – auch einen jungen Studenten, der in der Fragerunde aufgeregt zum Mikrofon greift – eine Leitstimme, die die gemeinschaftlich-gesellschaftliche Verantwortung anspricht, derer man sich nicht entziehen sollte. Und auf welcher Ebene ein Dialog geführt werden muss, der, weder dogmatisch noch fanatisch geprägt, der tatsächlichen freiheitlichen Natur einer Demokratie entspricht. „Gegen den Hass“ ist ein Buch und Carolin Emcke eine Journalistin, die studiert werden sollten. Weil Bereiche angesprochen werden, die Aktivismus beflügeln und ein Verständnis dafür schaffen, wie wir, ganz salopp gesagt, die Welt ein wenig besser machen können.

Fotos: Marko Knab

 

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