Haus besetzt und aufmerksam gemacht

Am Donnerstagabend war es soweit – der Stillstand im Verkauf des Hauses Wielandshöhe mündete in einer Hausbesetzung. Doch so plötzlich die Besetzung des Hauses begonnen hatte, so schnell war sie nun auch wieder beendet. Am Sonntagabend musste das Haus verlassen werden, so der Konsens nach Gesprächen mit der Stadt und den Besitzern des Hauses.

Eine eindrucksvolle Villa auf dem Österberg. Dort, wo sonst hauptsächlich die Fahnen der Verbindungshäuser wehen, bestimmte am Wochenende noch ein anderes Bild die schicke Umgebung. An dem Haus Nummer 10 in der Stauffenbergstraße hing ein großes Transparent. Darauf war der Beweggrund der Hausbesetzer zu lesen: Wohnungsnot und Leerstand in Tübingen.

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Friedliche Hausbesetzung. Immer wieder erinnern Plakate daran, sorgsam mit dem bedeutsamen Gebäude umzugehen.

Ein kleiner Sieg – vorerst

Seit sechs Monaten stand das Haus nun leer. Gespräche sowohl über Pacht als auch Kauf verschiedener Initiativen und der Stadt mit den Besitzern, der Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal, waren bis jetzt immer gescheitert.

Erst mit der Hausbesetzung kam wieder Bewegung in die im Sande verlaufenen Gespräche mit den Eigentümern. Am Freitag waren sowohl Vertreter des Stadt als auch der Schwesternschaft in der Wielandshöhe, um mit den Besetzern zu sprechen.

Der jetzige Stand: Die Diakonieschwesternschaft wird die verschiedenen Initiativen in Ihre Verkaufsüberlegungen mit einbeziehen. Dazu hat die Stadt sich als Berater zur Verfügung gestellt und angeboten, die aus eigenen Angaben bei Immobilienfragen überforderte Diakonie bei der Suche nach einer vorrangig sozialen Weiterverwendung des Hauses zu unterstützen.

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Der alternative Immobiliendialog auf der Wielandshöhe: Verteter verschiedenster Wohnprojekte und -initiativen diskutierten mit Interessierten über das Wohnen in Tübingen.

Vielfältiger Bedarf an Wohnraum

Ob dies Maßnahmen sind, die den Verkauf des Hauses und vor allem die geforderte soziale Verträglichkeit des Verkaufs befördern, bleibt offen. Was aber im Zuge der Hausbesetzung der Wielandshöhe ganz deutlich wird, ist, wie dringend Wohnraum in Tübingen benötigt wird. Der von den Besetzern veranstaltete Immobiliendialog am 29. Oktober machte dies noch einmal verstärkt deutlich.

Vertreter verschiedener Initiativen, von denen sich einige auch auf den Kauf der Wielandshöhe bewerben wollen, kamen hier zusammen, um mit Interessierten über das Problem des Wohnungsmangels zu diskutieren. Wortführer war Marc Amann vom Wohnraumbündnis Tübingen. Er betonte, wie wichtig eine offene Diskussion über das Wohnraumproblem in Tübingen ist und wie dringend auch die Stadt gefordert ist, hierbei die Initiative zu ergreifen.

“Uns ist es erst einmal egal, wer am Ende das Haus kauft – Hauptsache der soziale Aspekt wird berücksichtigt.” – ein Besetzer des Hauses

Um mögliche Perspektiven des Umgangs mit dem Problem Wohnraummangel aufzuzeigen, waren Vertreter verschiedener Initiativen vor Ort. So stellten beispielsweise Bewohner der Münze 13, darunter Richard van Ess, ihr Wohnkonzept vor, zeigten aber auch auf, vor welchen Hindernissen ein solches Projekt steht, wenn es um den Weiterbestand eines selbstverwalteten Wohnprojekts geht. Denn in diesem Fall hat der Besitzer des Hauses einfach den Kontakt abgebrochen, wie die Bewohner erzählen.  Ähnlich wie auch bei der Wielandshöhe scheint eine Überforderung oder ein Unwille bei den Eigentümern zu herrschen, mit den Initiativen zusammenzuarbeiten. Auch Heike Gerlach, Vertreterin des Gruppe Kaleidoskop, äußerte Ihren Unmut über die mehrfach gescheiterten Verhandlungen mit der Diakonieschwesternschaft.

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Klaus Rahlf (Mitte) vom Arbeitslosentreff Tübingen beschreibt eine traurige Perspektive für Betroffene – und auch die meisten Wohnprojekte haben sehr  zu kämpfen.

Wohnideen und existentielle Not

Was bei den Gesprächen mit den Projektvertretern aber auch deutlich wurde, ist, wie viele Dimensionen das Thema Wohnungsnot in Tübingen hat. Denn es geht nicht nur um Projektideen zu einem integrativeren Zusammenleben oder neuen Wohnkonzepte für die Zukunft, wie es beispielsweise von der Phase 3! vorgestellt wurde, die sich mit Wohnen im Alter beschäftigen. Sondern es wurde auch klar, wie dringend der Bedarf an individualisierten Wohnungslösungen ist. Sozialer Wohnungsbau ist genauso vom Mangel betroffen, wie Projektplanungen. Diese Dimension zeigte Klaus Rahlf, Vertreter des Tübinger Arbeitslosentreffs, auf. Besonders hier ist zunächst die Stadt gefordert. Denn Betroffene dieser oder ähnlicher Gruppen, wie zum Beispiel Alleinerziehende, sind darauf angewiesen, dass die Stadt Wohnraum zu Verfügung stellt – bezahlbaren Wohnraum.

“Vielleicht sollten wir Wohnraum zu Banken erklären – die würden gerettet werden.” – Klaus Rahlf

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Schreiben, Ausdrucke und Plakate an den Wänden informieren über den Verlauf der Hausbesetzung, sowie Wohnungsnot und -projekte in Tübingen.

Durch die sehr aufschlussreichen und unterschiedlichen Geschichten und Perspektiven, war der alternative Immobiliendialog im besetzten Haus auf dem Österberg ein intensives Forum, dass sowohl Betroffene als auch Interessierte und Hilfsbereite zusammenbrachte. Auch machte das Wochenende der Besetzung wohl deutlich, dass es sich nicht um eine Hausbesetzung des bloßen, radikalen Widerstand handelte, sondern um Personen, die sich aus ganz verschiedenen Beweggründen an der Besetzung oder an den Dialogen beteiligten.

Blick in die Zukunft bleibt ungewiss

Was aber auch bleibt, sind Fragen, die es in nächster Zeit zu verfolgen gilt und für die man sich Aufschluss von den Verantwortlichen erwartet. So bleibt erst einmal offen, wie genau sich der angekündigte konzeptorientierte Verkauf tatsächlich abwickeln lässt und wie die Politik sich dem großen Problem Wohnungsnot in Zukunft widmen wird. Ob Maßnahmen, wie das zuletzt beschlossene Zweckentfremdungsverbot der Stadt, etwas bewegen werden, steht noch aus.

Ein erster Schritt scheint jedoch getan. Die Hausbesetzer der Wielandshöhe haben einen Dialog geschafft, der sich mit dem Problem der Wohnungsnot und des Leerstands zahlreicher Objekte auseinandersetzt. Vor allem haben sie dazu beigetragen, dass der Aspekt der sozialen Verträglichkeit beim Verkauf des Hauses nach jetzigem Stand berücksichtigt werden soll. So konnten sie Sonntagabend zunächst also guten Mutes aus dem Haus ausziehen, in dem Bewusstsein, tatsächlich etwas erreicht zu haben.

Nachtrag: Die Hoffnung, durch die Hausbesetzung etwas sowohl in den Gedanken der Bürgern, als auch in der Verantwortung der Stadt und einzelner Organisationen verändert zu haben, verdeutlicht auch die am Sonntagabend erschienenen Pressemitteilung der Besetzer. Ihr Ziel ist es, an der Problematik dranzubleiben und vor allem die Stadt als aktive Akteurin in der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu gewinnen. Ganz in dem Sinne: “Wohnen ist Allgemeingut und keine Ware!” Und zwar für alle.

Fotos: Felix Müller.

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