Sommer, Sonne, Leben retten – Semesterferien mal anders

Jedes Jahr bewachen ehrenamtliche Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) die Nord- und Ostseestrände Deutschlands. Darunter befinden sich auch viele Studierende, die im Sommer den Weg an die deutschen Küsten antreten und über die Badegäste wachen.

Zwischen Hausarbeiten und Ferienjob falle ich wie sicher einige Gleichgesinnte in den Semesterferien gerne in das gut bekannte Sommerloch. Abwechslung und ein Tapetenwechsel sind also gefragt. Seit vier Jahren gehe ich als waschechtes Schwabenkind dazu gerne in den Norden und kombiniere, während einer aufregenden und herausfordernden Wache an der See, Urlaub und Ehrenamt. Dieses Jahr war ich dazu in Grömitz, an der Ostsee.

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Die fast 400 Meter lange Seebrücke in Grömitz bei Nacht. Foto: Fabian Allgaier.

Sexy Badenixen in roten, knapp geschnittenen Badeanzügen. Gut aussehende Muskelpakete in roten Shorts. Eine Rettungsboje stets griffbereit. Dann kommt der spektakuläre Einsatz, bei dem – möglichst in Zeitlupe – unter lebensbedrohlichen Umständen aus den gefährlichsten Situationen gerettet wird. Immer in letzter Sekunde, immer mit Action, immer erfolgreich. So oder so ähnlich kennt man die Lebensretter aus Baywatch. Lässt man aber die heldenhaften Zeitlupenrettungen und spektakulären Unfälle weg, hat man genau das, was im Sommer an den Stränden zu beobachten ist. In rot gekleidete Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer, die das Wasser bewachen, vorausschauend warnen, im Ernstfall eingreifen und für jedwede Verletzungen am und im Wasser parat stehen.

Ehrenamtlich und wichtig

„Viele Leute unterschätzen die Gefahren am Meer. Sie denken das ist wie im Schwimmbad, dann geraten sie in eine Strömung und es ist schnell etwas passiert“, erklärt Benjamin Metoui, der diesen Sommer für zwei Wochen Wachleiter an der Rettungswache Grömitz war. Das eigens benannte Ostseebad der Sonnenseite liegt mit seinen knapp achttausend Einwohnern in der Lübecker Bucht und zählt zu den beliebtesten Ostseestränden Deutschlands.

Die DLRG hat hier einen Strandabschnitt mit einer Länge von acht Kilometern zu bewachen, und ist mit einer 45-köpfigen Wachmannschaft die Größte von 89 Wachen an der Nord- und Ostsee. „Wir haben jährlich über 400 ertrinkende Menschen im ganzen Bundesgebiet, wäre die DLRG nicht da, könnte man mit dem Doppelten bis Dreifachen an Ertrinkungsopfern rechnen“, so Metoui weiter. Da die meisten tödlichen Unfälle meist an Gewässern ohne Aufsicht passieren, zeigt sich wie sinnvoll und nötig die Aufsicht an den großen Stränden ist.

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Gutes Wetter bedeutet viele Gäste und viel Arbeit. Doch in der Freizeit können auch die Retter das kühle Nass genießen. Foto: Anja Kerber.

Der Einsatz an der Küste in den Sommermonaten erfolgt dabei auf ehrenamtlicher Basis. Aus ganz Deutschland kommen dafür Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer zusammen. Voraussetzung ist das deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Silber, sowie ausführliche Erste-Hilfe-Kenntnisse. Viele Einsatzkräfte haben zudem einen Sanitäter, sind ausgebildete Rettungshelfer oder Bootsführer. Unterkunft und Verpflegung werden für alle gestellt, ein Gehalt gibt es dafür nicht.

„Wir wollen den Dienst für die anderen Menschen leisten, damit sie ihren Urlaub sicher genießen können“, erklärt Michael Wirtz seine Motivation. Dem Jurastudenten gefällt besonders, dass man neben der Arbeit auch immer neue Leute kennenlernt. „Wir haben alle dasselbe Ziel, nämlich zu helfen, aber man kann hier auch Freunde fürs Leben finden“, freut sich der 25-Jährige. Die Wachmannschaft ist an jeder Station und jedes Jahr aufs Neue immer bunt gemixt. „Wir hatten dieses Jahr unter anderem Krankenpfleger, Schlosser, Bänker, einen Koch, Schüler und einige Studierende in der Mannschaft“, weiß Lea Bohn zu erzählen, die selbst Auszubildende ist und dieses Jahr das erste Mal mit an die Küste kam.

Kleine und große Aufgaben

Der Wachtag selbst ist klar strukturiert. Um 9 Uhr muss die gesamte Mannschaft in Einsatzkleidung den Dienst antreten, der dann bis 18 Uhr – bei sehr gutem Wetter auch mal länger – andauert. Gewöhnlich sind zwei Personen pro Turm eingeteilt, der Abschnitt in Grömitz umfasst dabei acht Türme. Jede Besatzung ist für die eigenen Rettungsmittel wie Rettungsgurte, Trage, Sanitätsrucksack, Fernglas und Megafon verantwortlich. Mit der sogenannten Hauptwache, wo auch der Wachleiter stationiert ist, ist jeder Turm ständig über Funk verbunden. So kann im Ernstfall schnell Unterstützung angefordert, eine Kinder- oder Elternsuchmeldung koordiniert und jeder Einsatz lückenlos dokumentiert werden. Zusätzlich zu der Turmbesatzung gibt es zwei Einsatzboote der DLRG samt Bootsbesatzung. „Das ist notwendig, um weiter draußen schnell an Ort und Stelle zu sein. Vor allem bei abtreibenden Kindern in Schlauchbooten oder auf Luftmatratzen mussten wir dieses Jahr häufig eingreifen“, erklärt Metoui.

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Bei schlechtem Wetter werden auch mal Übungen durchgeführt, wie hier mit beiden DLRG-Einsatzbooten. Foto: Anja Kerber.

Dieses Jahr sei das Wetter überwiegend gut gewesen, sodass der Strand- und Badebetrieb fast immer hoch war. Es wurde viel gewarnt und frühzeitig auf Gefahren hingewiesen, sodass die Einsätze im Wasser überschaubar waren. An Land hingegen gab es mehr zu tun. „Neben kleineren Schnittverletzungen, Insektenstichen oder Schürfwunden hatten wir dieses Jahr auch größere Verletzungen, Stürze und beispielsweise einen allergischen Schock bei einem Kind, bei dem wir den Notarzt anfordern mussten“, weiß Michael zu erzählen. „Man muss einfach überall seine Augen offen halten.“

Niklas Barabas, der auch schon häufiger an der Küste war, weiß wie wichtig das ist: „Wir sitzen viel mit dem Fernglas auf dem Turm, um bei jedem Punkt am Horizont zu überprüfen, ob das jetzt ein Mensch ist oder irgendetwas anderes“, erklärt er. „Man muss vielseitig agieren können und sich stets auf neue Situationen einstellen.“ Ein neunstündiger Wachtag kann unter diesem Konzentrationsdruck durchaus sehr lang und anstrengend werden, belohnt würde man aber durch meist gutes Wetter und tolle Gespräche mit dem Wachpartner.

Spaß kommt nicht zu kurz

Hier sind sich auch alle einig, trotz der harten Arbeit macht der Dienst an der Küste Spaß. „Die Arbeit ist hier nicht so schlimm, denn man ist ja nicht alle Tage am Meer“, freut sich Niklas, der eigentlich Lehramtsstudent in Bayern ist. Außerdem sieht die Freizeitgestaltung der Mannschaft mindestens genauso umfangreich aus, wie die Arbeit am Tag. „Wir unternehmen viel zusammen, gehen Wasserski fahren, schwimmen gemeinsam, genießen den Sonnenuntergang am Strand und abends wird fast immer zusammen gekocht.“ Trotz der Arbeit kommt der Spaß also nicht zu kurz, und so opfern die Freiwilligen ihren Urlaub oder Studierende wie ich die Semesterferien gerne für diese Arbeit.

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Gemeinsame Abende am Strand inklusive Sonnenuntergang versüßen den Feierabend nach einem anstrengenden Wachtag. Foto: Anja Kerber.

Titelbild: Anja Kerber.

 

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