Blumen in Kabul?

Alle sprechen von Integration – doch wie kann das eigentlich funktionieren? Tübinger haben zusammen mit Geflüchteten ein Fotoprojekt auf die Beine gestellt und geben damit ein gelungenes Beispiel dafür, wie man sich kennen- und verstehen lernen kann.

Seit 2001 bietet der Verein Shedhalle Tübingen e.V. ein Forum für zeitgenössische Künste in der Shedhalle des alten Schlachthofs, gleich hinter dem Brechtbau. In diesem Zusammenhang werden unter anderem Kunstfestivals, Konzerte und Workshops organisiert. Anfang diesen Jahres funktionierte die Stadt Tübingen die Halle zu einer Unterkunft für Flüchtlinge um. Der Shedhalle Tübingen e.V. bietet seitdem ein buntes Programm an, das offen für alte, neue und vorübergehende Tübinger ist.

Integration durch Fotografie

„Wir wünschen uns, die Neuankömmlinge mit einem umfangreichen Kunst- und Kulturprogramm von Anfang an unterstützen zu können“, sagt Katharina Müller vom Vorstand des Shedhalle Tübingen e.V.. Aus diesem Angebot ging ein Fotoprojekt hervor, dessen Ergebnisse vom 5. – 28. August in einer Ausstellung zu sehen sein werden.

Die 28-jährige Kati Trinkner, studiert Literatur– und Kulturtheorie an der Uni Tübingen und nahm als „alte“ Tübingerin am Projekt teil. Sie beschreibt es folgendermaßen: „Das Projekt ist ein partizipatives Fotoprojekt, bei dem Flüchtlinge und Tübinger unter Anleitung fotografieren lernen. So soll vor allem eine Gemeinsamkeit geschaffen werden, bei der alle auf einer Ebene zusammenarbeiten, voneinander lernen und sich kennenlernen können.“

Bild1
Teilnehmer des Projekts üben den Umgang mit der Kamera und entdecken dabei mit viel Spaß und Interesse Tübingen.

Tübingen durch die Linse sehen

Für den Hauptteil des Projektes erkundeten die Teilnehmer gemeinsam Tübingen und seine Umgebung. Die Gruppe besuchte Orte wie das Schloss Hohentübingen, Lustnau und Bebenhausen, aber auch typische Tübinger Attraktionen und Veranstaltungen – wie zum Beispiel das Stocherkahnrennen – und schoss dabei natürlich Fotos.

„Der Sinn des Projekts war, dass die Teilnehmer einen Einblick in den Umgang mit der Kamera bekommen und Tübingen durch die Linse sehen“, sagt Franziska Kunz, 24, die Empirische Kulturwissenschaften und Soziologie studiert und ebenfalls beim Projekt mitgewirkt hat. Begleitet wurden sie von einem professionellen Fotografen des Shedhallen-Teams, der stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Für Tareq Alwawi, 33, der aus Syrien kommt und Medienwissenschaft studiert hat, war das eine tolle Gelegenheit. „Ich habe früher nur hobbymäßig fotografiert. In dem Kurs habe ich viel über die professionelle Fotografie erfahren und Neues von anderen gelernt.“

Ein Lächeln ist überall ein Lächeln

Franziska erzählt, bei der Zusammenarbeit sei ihr aufgefallen, dass vor allem Sprache ein wichtiger Faktor ist. Gleichzeitig sei es aber auch schön zu sehen, dass man sich trotz verschiedener sprachlicher und kultureller Hintergründe manchmal auch ganz ohne Worte versteht. Mit „Ein Lächeln ist überall ein Lächeln“, fasst sie diese Erfahrung zusammen.

Auch etwas Überraschendes bemerkten die beiden Tübingerinnen. „Nach einiger Zeit fiel uns auf, dass viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder Blumen fotografierten. Und das nicht nur, weil sie so ein dankbares Motiv abgeben“, erzählt Kati, „sondern weil sie für sie etwas Außergewöhnliches sind.“

„Es wachsen keine Blumen in Kabul“ ist ein Zitat einer Teilnehmerin aus Afghanistan dazu. „Diesen Ausspruch fanden wir sehr passend – auf mehreren Ebenen“, erklärt Franziska. Daher waren sich alle schnell einig, dass die Ausstellung der Fotos diesen Titel tragen sollte. „Da wird man darauf gestoßen, dass nicht alles selbstverständlich ist und man sieht seine Stadt selbst mit neuen Augen“, meint die 24-jährige Tübingerin.

Und auch die „neuen“ Tübinger konnten viel von der Zusammenarbeit mitnehmen. „Es war interessant, etwas über andere Kulturen zu lernen. Wir brauchen mehr Projekte wie diese. Das Wichtigste ist die Integration“, sagt Tareq, der seit 8 Monaten in Tübingen lebt.

Bild2
Die Gruppe – neue und alte Tübinger gehen zusammen auf Fototour.

Eine bunte Mischung

Zusätzlich zu dem Hauptteil des Projekts gibt es noch zwei kleinere Teile, deren Ergebnisse ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein werden. Zum einen dokumentierte jeder, der an dem Projekt teilnahm, einen ganz normalen Tag aus seinem Leben mit Fotos. „Dabei sind sehr interessante und auch lustige Bilder entstanden“, lacht Kati mit einem Augenzwinkern. Für einen weiteren Teil der Ausstellung verteilten die Teilnehmer Einwegkameras in Flüchtlingsunterkünften, damit die Besucher einen noch direkteren Einblick bekommen können.

Die Vernissage findet am 04. August um 19 Uhr in der Kulturhalle statt. Neben den ausgestellten Fotos erwartet die Besucher an diesem Abend ein abwechslungsreiches Programm mit verschiedenen Reden, Tanz und Musik.
„Die Ausstellung ist ein bunte Mischung von Dingen, die wir zusammen gesehen und erlebt haben. Ein Blick auf Tübingen“, sagt Kati – und das aus vielen verschiedenen Perspektiven.

Weitere Informationen im Flyer: Es wachsen keine Blumen in Kabul

Fotos: Shedhalle Tübingen e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.