Stimmgewalt und Strobolicht

„Es gibt viele Punkte, in denen sich dieses Stück von den vorherigen abhebt, vor allem wollten wir den Zuschauer miteinbeziehen“ sagt Oliver Schröder stolz. Bereits zum dritten Mal führt die englischsprachige Theatergruppe „The Provisional Players“ unter seiner Regie im Brechtbau einen Klassiker von Shakespeare auf. Und in der Tat ist hier einiges anders als bei den Inszenierungen zuvor.

Schon vor dem Einlass wird der Zuschauer direkt angesprochen. Eine Gruppe schnoddrig aussehender junger Leute mit Bierdosen und Flachmann in der Hand mischt sich lautstark unter die Wartenden. Erst bei genauerem Hinhören wird klar: Das müssen Schauspieler sein. Sie schwärmen in höchsten Tönen von Caesars Sieg über Pompey und von seiner großartigen Persönlichkeit. Dann geht auch schon die Tür auf und das Publikum betritt den dieses Mal von allen Seiten bestuhlten Raum. Die Atmosphäre erinnert an einen schmutzigen Hinterhof: Graffitis wie „Caesar rooles“ an den Wänden, Absperrbänder und aus den Lautsprechern dröhnt ‚You gotta fight for your right‘. Es ist eindeutig, dass „The Tragedy of Julius Caesar“ ins moderne Rom verlegt wurde.

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Meckert gerne: Casca. Foto: Oliver Schröder.

Römer im Kapuzenpulli

Und dann erscheint er, im langen schwarzen Ledermantel mit goldener Blätterkrone auf dem Kopf, Julius Caesar umringt von seinen Anhängern. Darunter Anthony mit Pferdeschwanz und Springerstiefeln und Casca, die selbstbewusst auf ihren Pumps durch die Gegend stöckelt. Im ganzen Stück sind die Kostüme anders als erwartet. Cassius ist eine mutige Rockerbraut in Lack und Leder mit schwarzem Lippenstift, die Anhänger der einzelnen Lager erkennt man an ihren Kapuzenpullis mit Gang-Aufdruck, und 80-er Jahre Rambo-Doppelgänger mit Plastik-Pumpgun stürzen sich für Anthony ins Gefecht.

Die Story an sich ist schnell erzählt: Caesar hat den Bürgerkrieg gewonnen und wird nun von seinen Anhängern gefeiert. Eine Gruppe Römer unter der Leitung von Brutus plant jedoch eine Revolte. Durch einen ausgeklügelten Plan gelingt es ihnen tatsächlich, Caesar im flackernden Strobolicht mit Einsatz von viel Kunstblut zu ermorden. Doch nach dem Tod seines Masters schafft Anthony es, das römische Volk gegen die Revolteure aufzubringen und am Ende lassen die meisten von ihnen ihr Leben.

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Revolte in Rom: links Anthony mit seinen Anhängern, rechts Cassius und Brutus. Foto: Oliver Schröder.

Shakespeare mal anders

Trotz sehr professionell wirkender Schauspieler, die ihre anspruchsvollen Texte fast ein Vierteljahr eingeübt haben, werden vor allem im 2. Akt einige Dialoge doch ein wenig langwierig. Dies könnte auch am stellenweise schwer zu verstehenden Shakespeare-Englisch liegen. Alles in allem wurde der Klassiker aber gelungen umgesetzt und lebt vor allem durch die Stimmgewalt der Schauspieler. Besonders deutlich wird dies während der Rede Anthonys, wenn der aufgebrachte Mob dem Zuschauer sprichwörtlich ins Gesicht brüllt.

Noch bis Freitag kann man sich das Stück im BrechtBauTheater anschauen. Infos gibt es auf der Seite der Veranstalter.

Anmerkung: Alle Fotos entstanden bei der Generalprobe.

Titelbild: Oliver Schröder.

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