Ein Fußgänger auf Radwegen

Was der Hund dem Menschen, ist der Drahtesel dem Tübinger: der beste Freund. Ein zynischer Erfahrungsbericht mit Selbstversuch.

Normalerweise gilt für die Anzahl der Räder im Straßenverkehr ja meist „Vier gewinnt“. In Tübingen glaubt man hingegen eher an die heilige Zweifaltigkeit.

Wer hier ketzerisch mit dem umweltschädlich befeuerten Kraftwagen seinen Weg antritt, spürt schnell den Zorn der gerechten Rechts-vor-Links-Regel oder verliert sich in einem Labyrinth zahlloser Einbahnstraßen und Sackgassen, wie es M.C. Escher nicht unmöglicher hätte entwerfen können. Nur erfahrene Kenner des Terrains oder solche, die ein Navigationsgerät besitzen haben eine Chance im Angesicht der Verkehrsführung zu bestehen.

Doch reitest du auf einem Drahtesel in die Stadt, so wedelt der Palmer dich freundlich herein. Er öffnet dir Tür und Einbahnstraße. Und ob du auch radelst in finsterer Sackgasse, fürchte kein Unglück, am Ende liegt immer ein Radweg.

Jedoch wird auch den Sündern Erlösung gewährt. Jene die für 84,90 Euro das Semesterticket, den Ablassbrief des Verkehrsverbunds, erwerben, dürfen sich fortan über Busspuren, vorbei an immergrünen Ampeln lenken lassen.

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Früh übt sich, wer später mal hocherhobenen Hauptes über die Fahrradwege gleiten will.

Radlos, aber voller Tatendrang

Auch ich war lange Zeit nur als Passagier und Fußgänger unterwegs, denn ganz ehrlich: Habt ihr mal versucht von der Uni nach WHO hochzustrampeln? (und falls ja, wo seid ihr jetzt?) Nachdem es mich aber kürzlich in die südlicheren Gefilde Tübingens verschlagen hat, wurde ich von der Masse mitgerissen und geriet auf Radwege.

Was auch nicht schlimm gewesen wäre, hätte ich ein Fahrrad gehabt. Doch aus dem Konjunktiv lässt sich, wie ich als Germanistik-Klugscheißer weiß, ein Indikativ machen und so beschloss ich meiner Radlosigkeit ein Ende zu setzen. Beste Gelegenheit dafür: der Fahrradflohmarkt.

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Sicher ist sicher – so sagt ein schlauer Spruch.

Guter Rad ist teuer

An einem verregneten Samstagmorgen quälte ich mich also kurz vor neun Uhr, entgegen meinem natürlichen Biorhythmus aus dem Haus, um hoffentlich noch ein Exemplar zu ergattern, dessen Preis mich nicht dazu zwingen würde, für den Rest des Monats Nudeln mit Reis zu essen.

Am Ort des Geschehens angelangt, machte ich, aus mangelnder Entscheidungsfähigkeit, eine Probefahrt durch das gesamte Sortiment, nur um an deren Ende zu bemerken, dass meine Favoriten bereits nach und nach den Besitzer gewechselt hatten und ich Gefahr lief wortwörtlich im Regen stehenzubleiben.

Partygänger kennen das Gefühl, das sich daraufhin bei mir einstellte: Man hat keinen Bock mehr, die Reihen lichten sich langsam und außerdem lässt die Wirkung des Wodka-Mate auch schon wieder nach. Letzteres traf in meinem Fall zwar nicht zu, trotzdem nahm ich einfach das, was noch zu haben war: ein älteres Gestell, zugegeben mehr billig als schön, aber es würde keine großen Ansprüche stellen. 50 Euro waren zwar wahrscheinlich immer noch zu viel für dieses vom Sperrmüll recycelte Kettenfahrzeug, aber bis zum nächsten Flohmarkt wird es schon halten. Vielleicht fährt man sich ja mal über den Weg. Haltet einfach Ausschau nach einem Typen, der so ausschaut, als ob ihm gleich der Bremszug reißt. Das bin dann vermutlich ich.

Das war also die Geschichte meines Fahrradkaufs. Wer jetzt bis hier gelesen hat und sich denkt, dass mein Gefasel keine Pointe hat, dem sei gesagt: Ich wollte eigentlich einen Artikel über die Tübinger Fahrradmesse schreiben, die war aber so aufregend wie lauwarmer Früchtetee, deshalb habe ich mir lieber schlechte Wortwitze und zweifelhaft lustige Fahrradmetaphern ausgedacht. Das Ergebnis habt ihr gerade gelesen.

Fotos: Paul Mehnert

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