Anarchistische Dozenten gegen prüde Studenten

Ein Mittwochabend und immer noch tummeln sich Studierende im Vorlesungssaal des Kupferbaus. Doch es ist nicht nur der Sektempfang, wegen dem die meisten gekommen sind. Der Debattierclub Streitkultur e.V. rief wieder zum Wettstreit Professoren gegen Studenten aus, um auf die Probe zu stellen, ob der Schüler inzwischen den Meister übertroffen hat. Das Thema des Abends: „Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden – Solltest Du bei roter Ampel über die Straße gehen, wenn es niemand sieht?“

Wie üblich teilte sich die Debatte in zwei Teams. Die Regierung, die den Standpunkt verteidigt, und die Opposition, die versucht, diesen argumentativ zu untergraben. Ungewohnt für die Tübinger Professoren, mussten sie die Position der rebellischen Verkehrssünder einnehmen, während sich die Studierende für das Ampelmännchen einsetzten. Jeweils drei Kandidaten und zwei freie Sprecher, die sich im Laufe der Diskussion für eine Seite entscheiden mussten, traten gegeneinander an. Abwechselnd brachten die Vertreter der Parteien ihre Argumente vor und durften dabei das Zeitlimit von sieben Minuten nicht überschreiten.

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Die Zuschauer sind gespannt darauf, wie die jeweilige Seite ihre Ansicht untermauern würde.

Debattiertalente gegen erfahrene Professoren

Wie es dem Anlass des Abends gebührte, saßen die Professoren, angeführt vom ehemaligen Dekan der Juristischen Fakultät Dr. Jörg Kinzig, in der Mitte des Tisches. Begleitet wurde er von Dr. Matthias Bauer aus dem Lehrstuhl der Englischen Philologie und Dr. Markus Rieger-Ladich, Professor für Allgemeine Pädagogik.

Zu ihrer Linken hatten sich die Studenten positioniert, vertreten durch die drei Spitzenredner des Debattierclubs Streitkultur e.V.: Lennart Lockstein, Sarah Diederich und Konrad Gütschow. Auch die freien Sprecher waren durch jeweils einen Studierenden und einen Professor repräsentiert: Zum einen durch den Dogmatiker Dr. Martin Kirschner sowie Streitliebhaber Moritz Rudolph.

Kadavergehorsam und Zeitverschwendung

„Als Jurist kann man zwar wenig, aber wenigstens eine gute Gliederung“, begann Dr. Kinzig seine Erläuterung, in der er auf humorvolle Art die Ampel als Zeitverschwendung abtat. Außerdem würde Chaos im Straßenverkehr die Aufmerksamkeit der Fahrer fördern und ein gelegentlicher Gesetzesbruch den Berufsstand des Juristen sichern. „Stellen sie sich vor, wie ohne Regelbrüche die arbeitslosen Juristen die ganzen anderen Fachbereiche fluten würden. Wollen sie denn wirklich mit Juristen studieren?“

Auch seine Kollegen bewiesen, dass ihnen die Jahre im Lehrstuhl nicht nur graue Haare bereitet, sondern sie auch einiges an rednerischem Geschick gelehrt hatten. Dr. Rieger-Ladich traf daher mit dem Argument des Kadavergehorsams aus dem dritten Reich einen wunden Punkt. Kadavergehorsam bezeichnet die vollkommene Befehlsbefolgung bis hin in den Tod. Was nicht unähnlich dem Umstand sei, an einer unbefahrenen Straße mitten in der Nacht auf eine grüne Ampel zu warten, wie der freie Redner Dr. Kirschner bemerkte.

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Immer wieder sorgten die Gedankengänge bei Zuschauern und Kontrahenten für ein Lachen.

Überfahren wird man nur einmal

Im Gegenzug wies die Opposition darauf hin, dass Gesetze, im gesellschaftlichen Konsens geschaffen, auch entsprechend eingehalten werden sollten. Ein besonders einfallsreiches Argument stammte von Erstredner Lennart Lockstein: „Natürlich denken wir uns alle, dass wir eine solche Ampelsituation richtig einschätzen könnten. Aber kennt nicht jeder jemanden, dem man das nicht zutrauen würde, auch wenn dieser jemand glaubt, es besser zu wissen?“ Beispielsweise könne auch ein Kind auf eigene Faust lernen, dass die Herdplatte heiß ist und sich einige Male verbrennen, bekräftigte Sarah Diederich dies in ihrer Rede. Aber im Gegensatz dazu ließe es sich meistens nur einmal überfahren.

Im Allgemeinen zeichnete sich die Diskussion der Studierenden durch einen etwas ernsteren Ton aus und einige Male drohte die Opposition wegen Zwischenrufen von Dr. Kinzig vor Lachen aus dem Konzept zu kommen. Am Ende erinnerte ihr Porträt von Vater Staat ein wenig an George Orwells Roman 1984, in dem sich die Gesellschaft der Allwissenheit der Partei unterworfen hat. Das machte es der Mehrheit der liberalen Rotampelignorierer der Tübinger Studierenden einfacher einen Sieger zu wählen.

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Der Siegerpreis wurde brüderlich geteilt, denn nach dem Debattieren mussten sich die Seiten mit Sekt und Kuchen stärken.

Generöse Gewinner, faire Verlierer

Mit einem Kuchen wurden die Professoren zum Gewinner erklärt, den sie großzügig mit Opposition und Publikum teilten. Dass die Professoren, wie im letzten Jahr, zu Recht gewonnen hatten, waren sich alle einig. „Sie hatten eine gewisse Lockerheit an sich. Ich fand es sehr gut“, bemerkte Thomas S., der zum ersten Mal die Veranstaltung besuchte.

Doch sollte der Anlass nicht nur dazu dienen, den Vertretern der Streitkultur die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten an alteingesessenen Dozenten zu erproben. In erster Linie ging es darum, den Professoren auf Augenhöhe zu begegnen und sie für die Studierenden nahbarer oder zumindest menschlicher zu machen.

„Es ist immer gerechtfertigt, wenn die Professoren gewinnen. Sie machen sich sympathisch, weil sie sich in den Vergleich mit ihren Studenten wagen“, erklärt der gute Verlierer, Lennert Lockstein. Tatsächlich sah man die Redner im Nachhinein noch in angeregten Gesprächen mit dem Publikum und Professoren, während der  Siegeskuchen gemeinschaftlich verspeiste.

Wer selbst einmal daran interessiert ist, sich Kopf an Kopf mit den Studierenden und Professoren der Uni Tübingen zu messen, kann Dienstags um 20 Uhr in der Neuen Aula bei Streitkultur e.V.  vorbeischauen.

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