Starke Frauen ohne Augenbinde

Eine Frau steht alleine im Raum. Um sie herum gehen Menschen, doch diese tragen Augenbinden und können sie und ihren Schmerz nicht wahrnehmen. Ein Schriftzug erscheint auf der Leinwand: Jede vierte Frau in Deutschland ist betroffen von häuslicher Gewalt. Das Filmfest Frauenwelten möchte uns dazu bringen, unsere Augenbinden abzunehmen und hinzuschauen, so wie an diesem Mittwoch bei der Eröffnung mit dem Film „Les Héritiers – Die Schüler der Madame Anne“.

„Eigentlich würde ich gerne alle anschauen“, meinte Luzia Köberlein auf die Frage, welcher Film sie dieses Jahr am meisten interessiere. Die Leiterin der Stabsstelle Gleichstellung und Integration der Stadt Tübingen sprach am Mittwochabend bei der Eröffnung des 15. Filmfestivals Frauenwelten.

Auch Christa Stolle, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation Terre des Femmes, war zu Gast. Die von ihr geleitete Organisation richtet das Filmfest in Tübingen aus.

Dem Zuschauer gewähren Spiel- und Dokumentarfilme aus über 30 Ländern Einblicke in die Lebensrealitäten von Frauen auf der ganzen Welt. Sie drehen sich vorwiegend um die Themen Bildung, Frühehen und reproduktive Rechte.

Die Schüler der Madame Anne von Marie-Castille Mention-Schaar. Quelle: Frauenwelten/Pressefotos.
Die Schüler der Madame Anne von Marie-Castille Mention-Schaar. Quelle: Frauenwelten Pressefotos.

Wut über die Welt

Mit Anne Gueguen, Lehrerin an einem Pariser Gymnasium im Arbeitervorort Créteil, steht in dem Film des Eröffnungsabends eine starke Frau im Fokus der Erzählung. Mit der Übernahme einer elften Klasse wird sie vor eine große Herausforderung gestellt: Die Schüler stecken voller Wut über die Welt, da auch nach ihrer Zeit an der Schule keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf sie wartet.

Jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen: Die Eine hat eine Alkoholikerin zur Mutter, der Andere muss sich aufgrund der Krankheit des Vaters um seine Brüder kümmern und die Dritte wird regelmäßig bedroht. Im Schulsystem sind sie nur Nummern, die wie alle anderen Schüler aus ökonomisch schwächeren Familien durchfallen.

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Christa Stolle von Terre des Femmes im Gespräch mit der Leiterin des Filmfests Irene Jung.

Gemeinsam weniger einsam

Die empathische Madame Gueguen jedoch sieht in ihnen charakterstarke Individuen. Statt bei Lehrerkonferenzen weiter über Durchfallquoten zu reden, nimmt sie die Dinge selbst in die Hand.

Sie meldet ihre Klasse zu einem renommierten nationalen Wettbewerb über Jugendliche im Holocaust an. Mit ihrem festen Glauben an die Schüler stärkt Madame Gueguen das Selbstvertrauen der gesellschaftlichen Außenseiter. Diese beginnen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, was Konfrontationen mit den Problemen der Gegenwart birgt. Gerade daraus lernt die Gruppe und so entsteht unter ihnen eine einzigartige Gemeinschaft.

Eine starke Frau an ihrer Seite

Feinfühlig-rührend: Ein Schüler der Klasse stellt fest, dass ein Maler die Menschen in den Gaskammern mit Kleidung und Haaren malte, was ihnen Individualität verleihe und das Gegenteil dessen bewirke, was die Nazis wollten.

So stellt sich eine Analogie zum Film selbst heraus: Entgegen der Meinung der anderen Lehrer, die in den Jugendlichen nur Versager sehen, die an ihrem Scheitern selbst schuld sind, zeigt Madame Gueguen ihnen gegenüber Empathie. Statt mit dem Strom zu schwimmen und die Jugendlichen als Problemfälle abzustempeln, investiert sie ihre Kraft darauf, den Schülern neue Perspektiven aufzuzeigen.

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Die Eröffnungsveranstaltung des Filmfests war gut besucht, das Interesse, sich die Augen öffnen zu lassen, bei den Tübingern vorhanden.

Weg mit den Augenbinden

Der Film zeigt, dass in unserer Nachbarschaft Rassismus, soziale Benachteiligung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit herrschen. Auch wenn der Film den oben genannten Schwerpunktthemen des Festivals nicht eindeutig entspricht, setzt er doch direkt zur Eröffnung ein Ausrufezeichen: Frauen wie Anne Gueguen, die den Mut haben, die Probleme der Welt zu hinterfragen und sie anzugehen, sind starke Frauen. Wir sollten unsere Augenbinden abnehmen, so wie sie es getan hat, und hinschauen, wenn auch vorerst nur auf die Kinoleinwand.

Anmerkungen:

Der Regisseur Ahmed Dramé, der selbst Schüler dieser Klasse war, wird am 20. und 21. November bei den Vorstellungen anwesend sein.

Das Filmfestival Frauenwelten geht noch bis zum 25. November. Das Programm ist hier zu finden: http://www.frauenrechte.de/film/2015/de/spielplan.htm

Der Trailer von „Schaust du hin? – Gemeinsam gegen häusliche Gewalt“ ist ebenfalls zugänglich: http://schaust-du-hin.de/

 

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