Um Kunst reden

Natali Bauer erhält die Kunstwerke ihrer Mutter Margarete als Erbe. Doch was machen mit mehr als 220 Objekten? Die kreative Lösung liegt in der Veranstaltung eines Rhetorik Slams, der am 10. November als Teil eines Kunstsalons im Landratsamt Tübingen stattfand. Rhetorik-Studierende der Universität gestalteten den Abend im Rahmen eines Praxisseminars unter Anleitung des Rhetoriktrainers Nikos Andreadis mit viel sprachlichem Geschick.

Charlotte läuft nervös den Gang der Glashalle auf und ab, den Blick fest auf ihre Karteikarten gerichtet. Mit ihrem lila Rock, dem roten Oberteil mit passender Kette und den ordentlich hochgesteckten Haaren wirkt sie selbst wie ein kleines Kunstwerk und könnte sich mühelos bei den Bildern an der Wand einreihen.

Ein großer Teil ihrer Familie ist heute angereist, um zu hören, wie sie mit ihren Kommilitonen um ausgewählte Stücke aus dem Erbe der Familie Bauer wettstreitet. Charlotte möchte um das Kunstwerk „Altar“ reden, einem mächtigen aufklappbaren Triptychon in gold-schwarz.

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Ein Selbstporträt der verstorbenen Künstlerin Margarete Bauer.

Ein Wettbewerb mit schwäbischen Prinzipien

Der letzte Wunsch ihrer Mutter auf dem Sterbebett sei es gewesen, ihre Werke kostenlos in gute Hände abzugeben, so Natali Bauer bei ihrer Begrüßungsrede. Da man im Schwabenland aber nichts ohne Mühen geschenkt bekomme, gestaltete sie mit Hilfe von Dr. Wolfgang Sannwald, dem Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit, Archiv und Kultur des Landratsamtes,  einen Wettbewerb.

Die Kunstsammlung ist online einzusehen und wer ein Bild erhalten möchte, kann sich schriftlich um dieses bewerben. Mit etwas Glück kann man es dann am 18. Dezember im Landratsamt abholen. Schon über 60 Bewerbungen seien eingegangen, darunter Gedichte, Bilder von Orten, an denen die Kunstwerke platziert werden sollen, und sogar ein Angebot zum Fensterputzen im Falle einer Schenkung.

Lasst die Spiele beginnen!

Eröffnet wurde die Runde von den jungen, zehnjährigen Slammern Phillip und Talea, die ihre Gedanken und Gefühle zu Bildern ihrer Wahl  zum Besten gaben. Da sie außer Konkurrenz antraten, wurden sie jedoch nicht von der namhaften Jury bewertet. Diese setzte sich aus Frau Bauer selbst, dem geschäftsführenden Direktor des Instituts für Allgemeine Rhetorik Professor Joachim Knape und dem Leiter des Universitätszeicheninstituts Frido Hohberger zusammen.

In fünf Runden kämpften die Redenden in Dreiergruppen um jeweils ein Bild, nach jeder Runde beriet sich die Jury und bewertete die Auftritte. Das ausgewertete Votum verkündete der Trainer Andreadis seinen Schützlingen dann selbst. Das Feedback war aufgrund der hervorragenden Leistungen ausnahmslos positiv und häufig voller Bewunderung.

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Die Jury hatte an diesem Abend keine leichte Aufgabe, denn die Beiträge zeichnete durchgehend ein hohes Niveau aus. (v.l.n.r.: Joachim Knape, Natali Bauer, Frido Hohberger)

Vom Löwen bis zum Krebsgeschwulst

Während es beim ersten Bild hauptsächlich um die Symbolik eines Löwens und dessen Kraft ging, waren andere Werke teilweise auch mit dem Leben der 1925 geborenen studierten Künstlerin verstrickt.

Was für einen laienhaften Betrachter aussah wie ein goldener Baum, entpuppte sich später als ein bösartiges Krebsgeschwür. Erst Natali Bauer hatte das Bild so betitelt, nachdem ihre Mutter es nach der Krebsdiagnose im Jahre 1996 in ihrem Bild erkannt hatte. Im Nachhinein wirkte es wie eine tragische, unbewusste Prophezeiung.

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Charlotte bei ihrem zweiten Anlauf – trotz Stocken ein starker Auftritt um das Triptychon von Margarete Bauer.

Charlotte beweist Mut

In der letzten Runde darf Charlotte endlich auf die Bühne. Die Hände frei von Mikrofon und Karteikarten, beginnt sie ihre Rede. Sie spricht von der Zahl Drei und der Verbindung des dreigeteilten Altars mit der Dreifaltigkeit in der Religion.

Sie setzt zu einem weiteren Argument an, ihre Hände zittern, sie stockt, holt Luft, doch der Text findet den Weg nicht zurück in ihren Kopf. Sie verlässt entschuldigend die Bühne, um ihre Karteikarten zu holen – und betritt sie wieder, um zu glänzen. Mutig und charmant trägt sie nun ihren Beitrag vor und baut sogar spontan und witzig ein paar Anekdoten zu ihrem kleinen vorherigen Fauxpas ein.

Mit „3,2,1, meins!“ und einem gewinnenden Lächeln verlässt sie die Bühne. Zwar entscheidet sich die Jury für ihre Konkurrentin, dennoch hat sie an diesem Abend bewiesen, dass es nicht nur ums Gewinnen, sondern auch um eine Menge Mut und Selbstvertrauen geht.

Ihr wollt auch ein Bild geschenkt bekommen? Was ihr dafür tun müsst, erfahrt ihr hier:

http://www.kreis-tuebingen.de/,Lde/11463953.html

Fotos: Felix Müller

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