Auf einmal dreht sich alles

Party, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Filmriss. Was nach einer durchfeierten Nacht mit dem einen oder anderen Drink zu viel klingt, kann auch durch K.O.-Tropfen ausgelöst werden. Die Symptome sind ähnlich, meist sogar kaum vom Alkoholrausch zu unterscheiden. Doch was soll man tun, wenn man befürchtet Opfer von K.O.-Tropfen geworden zu sein? Und wie kann man versuchen einen solchen Missbrauch vorzubeugen?

Wer in den letzten Monaten in der „Butterbrezel“, einem Club in der Tübinger Innenstadt, unterwegs war, kam wohl nicht umhin die Schilder zu bemerken, die unter anderem in den Toiletten hängen: „Wer sich belästigt fühlt, soll sich bitte beim Personal melden.“ Auch Sticker an der Bar sollen die Gäste warnen: „Passt auf euer Getränk auf, gebt K.O.-Tropfen keine Chance.“ Was die Betreiber dazu gebracht hat? „Wir wurden von Kunden angesprochen, die denken, dass ihnen K.O.-Tropfen verabreicht wurden. Leider geschah dies immer erst im Nachhinein und da ist es dann zu spät. Unser Ziel ist es, die Leute zu informieren und dieses wichtige Thema nicht totzuschweigen“, erklärt Sascha Gschwind, der als Türsteher in der „Butterbrezel“ arbeitet. Die Mitarbeiter des Clubs haben das Gefühl, dass sie bei Problemen viel zu selten angesprochen werden.

Sie schätzen, dass die Zahl der nicht gemeldeten Fälle sehr hoch ist. Das passt auch zur Statistik: Gerademal neun Verdachtsfälle wurden in den letzten zwölf Monaten bei der Polizei im Kreis Tübingen gemeldet. In keinem der Fälle konnte die Verabreichung von K.O.-Tropfen nachgewiesen werden. Das hängt jedoch auch damit zusammen, dass einige Mittel nur wenige Stunden nach der Einnahme nachweisbar sind. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann die Polizei nach eigenen Angaben nicht einschätzen.

Didriks
Vorsicht: K.O.-Tropfen sind im Getränk meist nicht mehr zu erkennen! Foto: Didriks via flickr

Die unsichtbare Gefahr

Bei K.O.-Tropfen kann es sich um Medikamente (Narkose- oder Beruhigungsmittel) oder um sogenannte Partydrogen wie GHB (Gammahydroxybutyrat) oder GBL (Gammabutyrolacton) handeln. GBL ist eine chemische Substanz, die normalerweise als Lösungs- oder Reinigungsmittel verwendet wird. Nach der Einnahme wandelt sie sich im Körper in GHB um. Diese Droge ist nicht nur in Verwendung als K.O.-Tropfen sondern auch zum Eigenkonsum weit verbreitet und vielen eher als Liquid Ecstasy, Liquid X oder Liquid E ein Begriff. Die Gefahr bei GBL/GHB: Die Tropfen sind meist farb- und geruchlos. Der ansonsten leicht salzige oder seifenartige Geschmack von GHB wird durch die Aromen in Getränken und Cocktails leicht überdeckt.

Was also tun, um zu verhindern, dass einem K.O.-Tropfen verabreicht werden? Sowohl die Polizei als auch das „Butterbrezel“-Team betonen:

  1. Nehmt euer Getränk nur vom Barkeeper entgegen.
  2. Passt auf euren Drink auf! Lasst ihn nie aus den Augen und bedeckt ihn am besten mit eurer Hand.
  3. Trinkt nicht von Getränken, die euch angeboten werden. Lehnt es ab, wenn euch jemand etwas ausgeben will, vor allem wenn es sich dabei um Fremde handelt.
  4. Bleibt bei euren Freunden und achtet gegenseitig auf euch. Kümmert euch umeinander.
  5. Wenn es jemandem schlecht geht oder ihr etwas Verdächtiges bemerkt, gebt dem Personal Bescheid und ruft sofort ärztliche Hilfe und die Polizei.
  6. Geht nie allein sondern immer in Begleitung von Freunden nach Hause.

Vorsicht ist nicht peinlich!

K.O.-Tropfen können ihre Wirkung unterschiedlich entfalten: Von Entspannung über sexuelle Enthemmung bis zur Bewusstlosigkeit ist alles möglich. Die Opfer sind leicht manipulierbar und können sich kaum vor Raub oder sexuellem Missbrauch schützen. Die Wirkung setzt meist 10-20 Minuten nach dem Konsum ein und kann bis zu vier Stunden – in Einzelfällen auch erheblich länger – anhalten. Je nach Dosierung und dem Zustand des Opfers (vorheriger Alkoholkonsum, Einnahme von anderen Drogen, Medikamenteneinnahme) kann es im schlimmsten Fall auch zu Koma und tödlicher Atemlähmung kommen. Deshalb appelliert Ari Bicaj, zuständig für die „Butterbrezel“-Promotion, an seine Gäste: „Seid mutiger! Wenn ihr oder eure Freunde die Befürchtung habt, Opfer von K.O.-Tropfen geworden zu sein, dann ruft umgehend einen Krankenwagen. Lasst euch unbedingt so schnell wie möglich Blut abnehmen, auch wenn ihr euch nicht sicher seid, ob eure Beschwerden vom Alkohol rühren oder mehr dahinter steckt. Vorsichtigkeit muss euch nicht peinlich sein.“

Cocktails Bld Flickr von Jeremy Lim (www.jeremylim.ca)
Oberstes Gebot beim Feiern: Getränke nicht unbeaufsichtigt lassen oder von Fremden annehmen. Foto: Jeremy Lim via flickr und www.jeremylim.ca.

Den Tätern keine Chance

Das „Butterbrezel“-Team warnt: Nicht nur in Clubs, auch in Bars und an öffentlichen Plätzen droht die Gefahr von K.O.-Tropfen. Mit ihren Schildern und Stickern hoffen sie, ein Bewusstsein für dieses schwierige Thema zu schaffen. Ihre Gäste sollen sich bei Problemen ohne Scham an sie wenden können. Ihr Wunsch: Dass das feige Verhalten von Tätern keine Bedrohung mehr für die Gastronomie, das Nachtleben oder ihre Besucher darstellt.
Trotz der gebotenen Vorsicht sollte sich niemand den Spaß am Feiern verderben lassen. Wer auf sich und seine Freunde achtet und weiß, was im Ernstfall zu tun ist, sollte sein Studentenleben genießen und nicht auf die nächste Party verzichten.

Titelbild: Jirka Matousek via flickr

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