„American Dream, Baby!“

Straßendreck aus New York, Schlamm aus Louisiana, Leguanblut und Melonenwodka – einen berauschenden aber auch etwas verbitterten Cocktail aus diesen Zutaten mixten Saskia Trebing und Valentin Moritz bei ihrer Leseperformance „Bahìa“ am 19.06. im Café Haag.

Der Aufbau im Café Haag lässt vermuten, dass hier an diesem Abend ein kulturelles Programm ansteht: Vor der unebenen Landschaft aus Barhockern, Stehtischen und gemütlich zusammengedrängten Sofas ist ein Mikrofon aufgebaut, darüber wirft ein Beamer das Bild einer weiten, kargen Landschaft an die Wand. Auf einem einzelnen Tisch ein Laptop, einige Seiten Text, eine Melone… Moment Mal, das fällt dann doch etwas aus dem Rahmen der üblichen Utensilien für eine Lesung. Doch was es mit der exotischen Frucht auf sich hat – dazu später mehr.

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Die Kulisse im Café Haag.

„Wir haben damals noch Penner gesagt“

Die beiden Autoren beginnen den Abend eher unvermittelt: Die ersten Worte, die sie ins Mikrofon sprechen sind direkt schon Zeilen aus ihren Texten, die sie abwechselnd Stück für Stück vortragen.
Der Zuschauer wird somit ins kalte Wasser geworfen – und zwar zuerst in das des Hudson River, denn der erste Text von Saskia Trebing beginnt in New York.
Von Erinnerungen des lyrischen Ichs an „Sonne auf Stahl und Glas“ und die Obdachlosen, die die Straßen säumen – „Wir haben damals noch Penner gesagt“ – springt die Autorin immer wieder in die Gegenwart, wo nur noch einige Souvenirs von vergangenen Tagen zeugen: Die Ledertasche, die mal ein Alligator war, der sich in einer heißen Nacht – „die Luft war Sirup mit Zikaden“ – im Schlamm Louisianas suhlte oder das vergilbte Zugticket aus Kalifornien.
Hört sich nach Freiheit und „American Dream, Baby!“ an? „Quatsch, American Dream ist was für Idioten“, antwortet das lyrische Ich. Ihr sei es wichtig sowohl Klischees aufzugreifen, als auch wieder fallen zu lassen sagt die Autorin.
Obwohl der Text aus einer sehr persönlichen Perspektive erzählt wird sei er jedoch nicht autobiografisch. In New York hat Saskia Trebing aber tatsächlich schon gelebt, zusammen mit Laura Trager, von der die Kurzfilme stammen, die zwischen den Textabschnitten gezeigt werden. Zu sehen sind Landschaftsaufnahmen von Nordamerika und Costa Rica, gefilmt mit Analogkameras, wodurch das Motiv von Vergangenheit aus Saskias Text wieder aufgegriffen wird.

Gegrillter Leguan mit Kartoffelsalat

Während der Zeit in New York sei auch die Idee für die Leseperformance insgesamt entstanden, wobei Saskia ihren Text als „nordamerikanische“ Version zu dem von Valentin Moritz angelegt habe, welcher zuerst existierte. Darin geht es um eine Nacht im namensgebenden Salvador da Bahìa. Derbe und teils geradezu ekelerregend detailliert erzählt der Protagonist von einem gestrandeten Wal, den die Einheimischen mangels Alternativen kurzerhand sprengen – „Die paar Gedärme, rumgeschlackert haben sie im Wasser wie tote Aale“ und von der Barfrau, die genauso aussieht wie der Kartoffelsalat, den sie im bringt: „fettig, matschig und gelb“. Den Höhepunkt erreicht die Geschichte, als der Protagonist einen Leguan erlegt – „ein Gemetzel, doch ich bin der Sieger“ – den er anschließend über einer Fackel grillt und isst. Bei dem Protagonisten handle es sich, ähnlich wie im ersten Text nur um ein Alter-Ego: Valentin Moritz hat den Schauplatz der Handlung zwar bereist, „die Figur spaltet sich aber von dem ab, was ich hätte sein können“, sagt er.

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Am Ende gab’s Melonenwodka für die Zuschauer.

Melonenwodka für alle

Und die Melone? Die wird so wie der Leguan und die Alligatoren im Laufe des Abends geschlachtet, sie solle mit ihrer grünen Haut und dem roten, saftigen Innern an die Reptilien erinnern und gleichzeitig Symbol für Exotik und Fernweh sein. Zwischen den Textabschnitten wird sie immer weiter zerhackt und schließlich mit Eis und Wodka gemischt. So wird das Publikum dann auch auf Geschmacksebene unterhalten und kann den Abend mit einem Glas Melonenwodka ausklingen lassen.

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