Poetry-Kultur im Top10

Premiere im Top10: Im Zuge der Professorennacht fand diesen Mittwoch der erste Professoren-Poetry-Slam in der Tübinger Großraumdisko statt. Drei Professoren und drei Studierende brachten im poetischen Wettstreit ihre Texte auf eine Bühne, auf der sich sonst nur TänzerInnen räkeln.

Mittwochabend, halb 7 vor dem Top10: ein lauer Abend, langsam bildet sich eine Schlange aus jungen, vorfreudig ungeduldigen Leuten vor dem Eingang. Doch irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild. Es lässt einen stutzig werden – und dies nicht nur auf Grund der frühen Uhrzeit. Der über die Wartenden schweifende Blick verrät es; überwiegend legere Freizeitkleidung. Wo die nackten Beine, die hohen, tippelnden Schuhe und die glitzernden Kleider, die man üblicherweise hier erblickt?

Tatsächlich war etwas anders. An diesem Abend fand der erste Poetry-Professoren-Slam statt. Und nun strömten die Studierenden auch schon in den großen in marshmallowrosafarbiges Licht getauchten Saal ein, machten es sich vor der Bühne bequem und machten sich bereit – an einem Ort, wo Kultur sonst allenfalls in Form von Körperkultur anzutreffen ist.

Wertheimer als „Dino in der Disko“

 

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Zeit, dass die fast ausverkaufte Veranstaltung begann. Joscha Krug trat zuerst an das erwartungsvolle Publikum heran. Und sein in bester Poetry-Slam-Manier vorgetragener Text über den Druck der Leistungsgesellschaft, die „Paläste aus Ballast“ und der Aufruf sich davon zu befreien erntete donnernden Applaus. Auch sein Nachredner Professor Dr. Jürgen Wertheimer beeindruckte. Der, wie er sich selbst beschrieb, „Dino in der Disko“ hielt ein Plädoyer für die Literatur und gegen den Wahn einer normatierten Gesellschaft.

Poetisches Kopf-an-Kopf-Rennen

Darauffolgend lieferten sich Studierende und Professoren ein poetisches Kopf-an-Kopf-Rennen. Sie beeindruckten mit sprachlicher Finesse, englischsprachiger Poesiekunst, mittelhochdeutschen Gedichten sowie schauspielerischer Bühnenpräsenz. Wortwörtlich Schlag auf Schlag ging es in Professor Lethbridges erstem Gedicht: „A window slammed, door slammed, profesor slammed your last exam, body slammed, poetry slammed, poetry slammed? No it doesn‘t, poetry rimes!“ Damit ging er nicht nur auf die Wortschöpfung des Poetry Slams ein, sondern gewann zugleich die Herzen des Publikums, das ihn neben Hank M. Flemming, Joscha Krug und Dr. Vollmann, ins Halbfinale applaudierte.

„Baam in die Fresse“

 

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Ganz ohne Bestechung- Prof. Lethbridge hatte eingangs noch mit dem Wurf von Bonbons um die Gunst des Publikums geworben- kam Hank M. Flemming ins Finale. Sein vorangegangener Text unter anderem über Kinderarmut, Flüchtlinge und Bürgerkriege, sei gar „bisschen Baam in die Fresse“ gewesen, meinte er. Schließlich hätte es einige Dinge gegeben, die er mal loswerden wollte. Am Ende gab es aber nur einen, der den Siegerpokal in die Höhe heben durfte. Die Entscheidung fällte wieder das Publikum durch die Lautstärke des Applauses. Prof. Lethbridge reimte sich schließlich in melodisch-britischem Englisch auf das Siegerpodest. Und dies obwohl, so wurde unter den Teilnehmern gemunkelt, er den Finaltext noch in letzter Minute vor dem Auftritt geschrieben haben soll. Den Stift hielt er beim Vortragen zumindest noch in der gestikulierenden Hand. So individuell wie die Texte waren, einte sie doch alle eines; man lauschte gerne den Zeilen.

Fotos: Paul Mehnert

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