Die Philosophie der Warteschlange

Nachdem das Rohbautheater Kollektiv Anfang letzten Jahres mit „Sie frisst“ – einer Adaption der kleinen Raupe Nimmersatt – ihr erstes Stück auf die Bühne brachte, ist das Kollektiv nun mit einem zweiten Stück zurück. Sehr viel ernster, gar abgründig kommt „Schädelgroßes Königreich“ daher, das am Samstag, den 23. Mai, im Theater Löwen Premiere feierte.

von Peter Strigl

Es sollte anstrengend werden – für Schauspieler und Publikum – so die Ankündigung vor der Premiere. Und so präsentierte sich auch das Bühnenbild: Karg, farblos in schwarz-weiß, beleuchtet von sterilem Neonlicht. Die Szenerie: Eine Supermarktkasse mit vier wartenden Kunden und einer stoisch lächelnden Kassiererin. Die Story: Die Kasse funktioniert nicht und die Kunden sind gefangen in der Warteschlange. Ein ganz alltäglicher Stoff, den die Mitglieder des Kollektivs jedoch mit scharfer Beobachtungsgabe und als Drahtseilakt zwischen Lebensphilosophie und Wahnsinn inszeniert haben. Denn in dem 90-minütigen Stück ohne Pause steigern sich die Dialoge ins Absurde, die eingestreuten Monologe zeichnen teils abgründige Psychogramme der Figuren, während sie nach außen hin weiter Plattitüden verbreiten. So kann beispielsweise eine Debatte über Bio-Siegel auf Lebensmitteln schon mal in der Feststellung münden, dass einen die Wahl des Apfels sympathisch mache.

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Die Schlange vor der Kasse.

Die Abgründe vertiefen sich

Das Motiv des Wartens ist zentral. „Es dauert“ ist das bisweilen sogar im Chor herausgeschriene Mantra der vier Kunden, die doch nur endlich zahlen wollen, um ihrem durch und durch rationalisierten Alltag nachzukommen. „Normalerweise brauche ich genau zwei Minuten fünfzig für meinen Einkauf“, sagt einer der Kunden. Immer wieder ist das Stück mit Episoden durchsetzt, in denen die Schauspieler auf der Stelle treten, von treibender Schlagzeugmusik begleitet. Alle wirken hektisch und gereizt: Unzufriedene Gesichter, pikierte Blicke, Nesteln und Zupfen an der Kleidung. Dazu das beinahe manische Lächeln der Kassiererin und immer wieder das enervierende Piepen der Kasse, das alle zusammenzucken lässt. Vom Anfang: „Es war einmal eine ganze gewöhnliche Kasse“ – über die Feststellung eines der Kunden: „Die ganze scheiß Situation kommt mir allmählich vor wie eine verdammte Metapher“ – bis zum fulminanten Ende, durchlaufen die Charaktere das ganze Spektrum emotionaler Zustände, während die Atmosphäre immer dichter wird, die Abgründe tiefer. Das Warten nimmt existenzielle Züge an, bis eine Kundin nicht einmal mehr weiß, „was sie sonst machen würde“, wenn nicht warten.

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Das Dauergrinsen der Kassiererin.

Alles in Eigenarbeit

Die „Wanderung auf Messers Schneide“, wie es Kollektiv-Mitglied Victor Beran nennt, ist geglückt: Die Aufführung war in der Tat auch für den Zuschauer anstrengend und trotz der lang ausgehaltenen Szenen nie langweilig. Das Stück schafft es, mehr als nur zu unterhalten und erfüllt damit einen der ältesten Zwecke des Theaters: „Wenn man sich wiedererkannt hat, dann hatte das Stück eine Aussage“, sagt Luisa Mell, die zusammen mit Lisa Voigt für die Inszenierung des Stoffs zuständig war.

Geschrieben wurde der Großteil der Dialoge von Sina Ahlers, Tobias Jungwirth und Helen Ahner, basierend auf einer Rede des verstorbenen Autors David Foster Wallace, die er 2005 vor College Absolventen hielt. Wer die Rede kennt, wird die Anleihen im Stück wiedererkennen, trotzdem ist es beinahe komplett in Eigenarbeit entstanden. Die endgültige Fassung sei in einem „sehr engen Prozess“ entstanden, erklärt Luisa Mell. Darin sieht das Kollektiv seinen Vorteil gegenüber herkömmlichen Theatern: „Bei uns gibt es keine klassische Theaterhierarchie.“ Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. Geplant sind fünf Vorstellungen. Bei ausreichender Nachfrage ist es aber gut möglich, dass weitere folgen werden. Für die letzten drei Vorstellungen am 28., 29. und 31. Mai sind noch Karten zu haben, der Eintrittspreis beträgt 9 Euro, bzw. ermäßigt 6 Euro.

Fotos: © Marco Schneider

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