Word Up!

Am vergangenen Mittwoch wurde der Kuckuck zur Manege der Wortakrobatik. Sechs Poeten kämpften bei „Word Up!“ um die Slammer-Krone. Am Ende haben aber doch alle Anwesenden gewonnen.

Wie ich so im Rotlicht des Kuckucks an der Wand sitze, bequem eingeklemmt zwischen vielen anderen, die heute Abend hierhergefunden haben, weiß ich noch nicht wirklich, was mich gleich erwartet. Meine Erfahrung mit Poetry Slam beschränkt sich auf eine ZDF-Neo-Sendung, bei der ich irgendwann mal während des abendlichen Herumzappens vor dem Fernseher hängengeblieben bin.
Durch meine Recherche – ich schaue mir die Facebook-Seite der Veranstaltung an – erfahre ich, dass von Lyrik über Prosa bis Drama alles vorgetragen werden kann, solange es selbstverfasst ist. Das hört sich interessant an, schränkt das Feld meiner Erwartungen zunächst aber auch nicht weiter ein.

Jury statt Applaus

Ein genaueres Bild verschafft mir Ben, Moderator und Initiator von Word up, der mir später im Gespräch erklärt, dass er die Poetry-Slam-übliche Praxis Beiträge nach dem Applaus der Zuschauer zu bewerten für „das Bescheuertste, was man machen kann“ hält. Deshalb hat er sich ein anderes System ausgedacht: Es gibt eine Jury aus drei Personen, „die im engsten Sinne etwas mit Literatur zu tun haben“, darunter an diesem Abend Dagmar Leupold, die einen Doktortitel in Vergleichender Literaturwissenschaft von der City University in New York ihr eigen nennen darf, aber auch Tobias Tullius, der die letzten drei Slams gewann und heute nur außer Konkurrenz einen Text vorträgt. Phillip Marquardt gibt als Dozent unter anderem Seminare über die Pop-Kultur des Hip-Hop gibt und sollte auch in der Jury sitzen, fiel aber dem Bahnstreik zum Opfer.
Das Publikum bleibt jedoch nicht außen vor: per Zufall werden drei Zuschauer ausgewählt, die ebenfalls Noten von eins bis zehn vergeben dürfen, die höchste und niedrigste werden dann gestrichen, der Rest ergibt die Wertung. So wie hier also intersubjektiv nachvollziehbar gemessen wird fühle ich mich fast schon in eine Vorlesung zu wissenschaftlichem Arbeiten zurückversetzt – ist aber ja auch kein Wunder bei einer Studentenveranstaltung.

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Der Kuckuck war bis nach hinten gefüllt.

Von der Biotonne in den Morgennebel

Nachdem die Regeln also geklärt sind kann es losgehen und ich bin gleich etwas überrascht vom hohen Niveau, das die Slammer vorlegen. Ehrlich gestanden habe ich ein bisschen erwartet, dass sich der ein oder andere noch etwas ungelenk auf der Bühne präsentiert – schließlich machen zwei Teilnehmer das heute zum ersten Mal – das Gegenteil ist jedoch der Fall. Mit Charme, Witz, hin und wieder auch etwas Melancholie setzen sich die Teilnehmer mit den verschiedensten Themen auseinander. Wie man eingesperrt in einem Hinterhof – nur weil man kurz mal eine rauchen war – überlebt? In der Biotonne übernachten, da ist es schön warm, obwohl: „das hätte man ja noch essen können.“ Vieles scheint von tatsächlichen Erlebnissen inspiriert zu sein und wird dann überspitzt weitergetrieben, so auch eine Odyssee durch das Tübinger Wohnungsangebot, die schließlich mit der Ausrufung eines sozialistischen Staates und der Errichtung des „antistudentischen Schutzwalls“ endet.
Solche Beiträge sorgen für Lacher im Publikum, genauso gibt es aber auch ernstere Texte wie eine stark metaphorische Darbietung über einen „Krieger im Morgennebel“, der sich im Alleingang durch den Tag kämpfen muss oder die emotional vorgetragene Sicht einer Kirchenmaus auf die Laster und Sünden der Menschen.

Auch wenn ich beim Aufstehen immer öfter weniger mit dem Morgennebel, als mit der Mittagssonne zu kämpfen habe, kann ich mich mit einigen Themen direkt identifizieren: Beispielsweise mit der Kritik am „ADHS-Journalismus“ – der nur Aufmerksamkeit will und eigentlich gar nichts Besonderes bietet – am „Push-up Journalismus“: „man(n) bekommt weniger, als man(n) erwartet“ und dem Verschwinden der „guten alten“ Printmedien. Als einer der Teilnehmer in der Finalrunde das Publikum fragt: „Wollt ihr Liebe oder Sex?“, fällt die Antwort etwas zögerlich aus, es soll aber eigentlich nur entschieden werden wovon der nächste Beitrag handelt.

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„Wenn ich einen erreiche, dann hab ich’s erreicht“

Dass das Publikum zum Nachdenken angeregt werden soll bestätigt mir auch Lukas, einer der Slammer. Für ihn sei der Kuckuck ein guter Ort um Texte „auszutesten“. Er wolle vor allem sehen, inwiefern er auch schwierige Themen besprechen kann, „ohne die Leute dabei zu verlieren“. Poetry Slam ist für ihn einzigartig, weil man anders als im Theater keine Rolle spielt, sondern sehr private Texte vorträgt und dabei ein Feedback von den Zuschauern bekommt: „Jede Kritik bringt dich weiter.“, sagt er und auch die Anerkennung, die er bekommt sei ein gutes Gefühl, wichtiger als seine Platzierung ist ihm jedoch „einen guten Abend abzuliefern“ und zwar im Team mit den anderen Slammern: „Die Leute pushen sich gegenseitig durch den Abend.“ Die Preisverleihung am Ende ist für ihn eher ein Mittel um die Veranstaltung für den Zuschauer interessanter zu machen. „Es tut gut wenn Leute ähnliches empfinden.“, findet Lukas und auch ich erkenne mich hier und da auf der Bühne wieder. Es zählt also vor allem das Gefühl, dass jemand zuhört und nachvollziehen kann, was in ihm vorgeht: „Wenn ich einen erreiche, dann hab‘ ich’s erreicht“.

Den Leuten ein Sprungbrett bieten

Auch Ben sieht die Notenvergabe „weniger im Vordergrund“. Als er „Word up“ ins Leben rief sei es ihm darauf angekommen neben Party und Trinken auch etwas Kultur in den Kuckuck zu bringen und den Leuten „eine Art Sprungbrett“ zu bieten: „Viele trauen sich vielleicht noch nicht auf größere Slams (…) oder trauen sich auch nicht ihre Texte Freunden zu zeigen.“ Der eher kleine Slam biete dann eine Möglichkeit sich auszuprobieren und erstes Feedback zu sammeln. Das gelte auch für die musikalische Untermalung des Abends, die dieses Mal von zwei Schülern der „Musical Academy“ stimmungsvoll beigetragen wurde. Während der kulturelle Teil des Abends langsam in eine Partynacht übergeht, erzählt mir Ben, dass er auch die Slammer, die es nicht ins Finale geschafft haben motiviert, dranzubleiben, viele hätten schließlich gerade erst mit Poetry Slam angefangen – vielleicht sieht man ja auch beim nächsten Mal ein paar neue Gesichter vor oder auf der Bühne.

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