„Die Schwulenheiler“ Filmvorführung an der Uni Tübingen

Vor einem geschockten und interessiertem Publikum präsentiert die Hochschulgruppe „Gleichfilm“ den Film „Die Schwulenheiler“. Regisseur und Protagonist Christian Deker berichtet im anschließenden Gespräch von Vorurteilen und homophoben älteren Damen, die mal mit ihm einen Kaffee trinken gehen sollten.

Im Vorabbericht der Kupferblau (Link: http://www.kupferblau.de/2014/12/16/gleichfilm-und-die-schwulenheiler/) wurde bereits auf die Hintergründe des Films, so wie einige Szenen hingewiesen. Trotz des Vorwissens sind die vielen Studierenden schockiert, als die ersten Minuten des „Panorama-Berichts“ über die Leinwand flimmern.  Der Hörsaal ist völlig überfüllt.

Immer wieder kommen erstaunte Zwischenrufe, als ein christlicher Arzt die Homosexualität des Reporters Christian Deker auf einen Leberschaden zurückführt. Oft wissen die Zuschauer nicht ob sie lachen oder weinen sollen, so skurril sind die Rechercheergebnisse die der Beitrag des NDR (Norddeutscher Rundfunk) offenbart. Ein anderer Arzt will Deker durch Handauflegen und Öl-Salbung helfen, dieser sprach auch schon bei Veranstaltungen der Tübinger Freikirche TOS (Tübinger Offensive Stadtmission). Er empfielt mehrmals täglich zu beten um gegen die homosexuellen Neigungen vorzugehen. Dass diese Praktiken nicht nur teuer sind, sondern auch von den deutschen Krankenkassen getragen werden ist der Höhepunkt und Schlussakt des rund 30-minütigen Films.

Dann folgte eine Podiumsdiskussion. Eingeladen sind außer dem Autor und Protagonisten des Films Christian Deker, Regina Ammicht-Quinn, Theologin und Leiterin des Ethikzentrums in Tübingen und Monika Barz, auch studierte Theologin und Leiterin des Netzwerks LSBTTIQ (http://www.netzwerk-lsbttiq.net/)  in Baden-Württemberg.

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Der Hörsaal war überfüllt.

Unheilvolle Verbindung aus Medizin und Kirche

Monika Barz, die selbst als offen lebend lesbische Frau mit christlichem Glauben Diskriminierung und Unverständnis am eigenen Leib erfahren hat, spricht von einer gespaltenen Haltung der Kirche. Auf der einen Seite sei da zwar sehr viel Toleranz und Akzeptanz, auch ihr gegenüber, aber gleichzeitig entwickelten sich Heilungsvorstellungen wie sie im Film zu sehen seien. Mit einem Verweis auf den §218, der in der Vergangenheit Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellte, urteilt Barz, dass dies immer eine unheilvolle Verbindung aus Medizin und Kirche sei, die solche Ideen hervorbringe.

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Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn darf wegen ihrer liberalen Einstellungen nicht an einer katholischen Hochschule lehren.

Auch die Professorin Regina Ammicht-Quinn hat aufgrund ihrer liberalen Einstellung zu gleichgeschlechtlicher Liebe mit Einengungen zu kämpfen. Eine Erklärung habe sie nicht erhalten, warum sie an der katholischen Fakultät nicht lehren dürfe, erklärt Ammicht-Quinn auf Nachfrage. Aber dies gehe auf die Freiheiten der katholischen Kirche zurück, die in Deutschland seit der Zeit des Nationalsozialismus das letzte Wort in personellen Fragen an katholischen Hochschulen habe. Auch sieht Ammicht-Quinn historische Wurzeln für die aktuellen Heilungsideen einiger christlicher Hardliner.

Mit der Klassifizierung von Verhalten jenseits einer konstruierten Norm, seien im 19.Jahrhundert viele Verhaltensweisen als Krankheit eingeordnet worden: Wie auch die sogenannte „Hysterie“ bei Frauen, oder gar die Neigung „davonzulaufen“ bei Sklaven in den USA.  Gewalt beginne daher mit der Einführung von Kategorien. In der Antike hingegen sei gleichgeschlechtliche Sexualität nicht nur geduldet, sondern Teil der Kulturgeschichte. Auch in der Bibel fänden sich einige Stellen die den Sexualakt zwischen Männern beschreiben.

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Der schwule Panorama-Reporter Christian Deker erzählt von seinen Erlebnissen.

„Im Zug nach Hamburg ist mir das schon ganz schön nahe gegangen“

Die Fragen des Publikums, sind oft nicht nur persönlich, sondern auch äußerst emotional. Man merkt, es handelt sich hier nicht um ein abstraktes wissenschaftliches Thema, sondern einen Angriff auf die Identität und das Selbstverständnis der LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexual und Transsexual). Einige verweisen auf die Identitätskrisen die für viele nach dem „Coming-Out“ folgt, und die Orientierungslosigkeit, welche die im Film gezeigten „Schwulenheiler“ ausnutzen.

Einige interessierte Fragen richten sich an Christian Deker, beispielsweise wie er es geschafft hatte, die Interviewten nach deren homophoben Äußerungen mit seiner eigenen Homosexualität zu konfrontieren. Deker erklärt, dass er im Film zunächst einmal eine Doppelrolle inne hatte, einmal der Journalist, der Profi, der recherchiert und interviewt, und auf der anderen Seite, er selbst als Privatperson, die sich mit dem Outing angreifbar macht. Zwar sei in einer Interviewsituation eine Menge Selbstvertrauen und Sicherheit geschaffen, und das Adrenalin verhindere längeres Nachdenken, jedoch könne man das schwer verdrängen. „Im Zug nach Hamburg ist mir das schon ganz schön nahe gegangen“, erzählt Christian Deker.

Einige Menschen bilden sich aber auch einfach aus Unwissen und fehlenden Berührungspunkten mit Homosexuellen intolerante Meinungen. Die ältere Dame, die zu Beginn des Films Homosexuelle mit missgebildeten Kälbern vergleicht, sei so ein Beispiel: „Die mochte mich sonst gerne, wäre ich mit ihr einen Kaffee trinken gegangen, ich bin mir sicher nach einer halben Stunde hätte sie ihre Vorurteile abgelegt“, erzählt Deker.

Mehrere Zuhörer interessieren sich schließlich für die Recherchen zur Abrechnung der dubiosen Heilungsmethoden, und fragen wie es möglich sei, dass deutsche Krankenkassen die vermeintliche „Schwulenheilung“ zahlen würden. Generell gelte in Deutschland eine Anonymität bei psychologischen Behandlungen zu denen die im Film gezeigten Praktiken gerechnet würden. Ergo erführen Krankenkassen weder genauen Inhalt der Behandlung, noch den Grund der Therapie, was für dubiose Ärzte ein gutes Schlupfloch biete um angebliche Heilungen der Homosexualität einfach abzurechnen. Das beste Gegenmittel wäre es, so Deker, einfach die Idee dass man aufgrund seiner Andersartigkeit falsch sei abzuschaffen.

Auf die Frage hin, warum einige Szenen im Film nicht im Original gezeigt werden dürften, entgegnet Deker, dass dies aufgrund eines Rechtstreits zwischen einem im Film vorkommenden Arzt und dem NDR der Fall sei. Ob der NDR den Film gegen die Klage verteidige beantwortet Deker mit einem leichten Schmunzeln: „Ich habe noch keinen Film für Panorama gemacht, ohne vor oder nach der Ausstrahlung Post von einem Anwalt bekommen zu haben.“

Was nach dem Vortrag bleibt ist ein wenig Schock, sehr viel Respekt für den Mut Christian Dekers und Nachdenken darüber, wo Akzeptanz beginnt und Toleranz aufhört.

Fotos  und Überarbeitung © Marisa Gold

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