Indische Flaschenpost

Grau, trist und ernst. Der indische Film „The Lunchbox“ schildert die Lebensgeschichten zweier Menschen, die durch ein falsch geliefertes Mittagessen in Kontakt kommen und räumt dabei mit europäischen Bollywood-Klischees auf.

The Lunch Box; Indien, Deutschland; Frankreich; Regie: Ritesh Batra; Produktion: Shahnaab Alam, Marc Baschet, Benny Drechsel; Musik: Max Richter; mit Irrfan Khan; Nimrat Kaur und Nawazuddin Siddiqui; Länge: 105 Min.

Ein Mann im weißen Gewand bindet eine in Stoff verpackte „Lunchbox“ an sein Fahrrad. Dieser Mann gehört zu den sogenannten „Dabbawallas“. Zusteller, welche dafür sorgen, dass die Büroangestellten ihr Essen von zu Hause pünktlich und direkt an ihren Arbeitsplatz geliefert bekommen. Dabei durchlaufen die mit Farben, Buchstaben und Ziffern kodierten Lunchboxen verschiedene Stationen und werden mehrfach an andere Dabbawallas übergeben. So werden in Mumbai jeden Tag bis zu 200.000 Essen ausgeliefert und die leeren Behältnisse wieder zurückgebracht. Ein System, so ausgeklügelt und raffiniert, dass Regisseur Ritesh Batra ursprünglich einen Dokumentarfilm über die Dabbawallas in Mumbai drehen wollte.
Mumbai gehört zu Indiens Mega- Cities. Die Straßen sind verstopft, ein Vorankommen dort beinahe unmöglich. Genauso überfüllt sind die Züge, „Ich stehe mein Leben lang“, sagt Protagonist Saajan Fernandes im Film, „ich werde auch stehend begraben werden.“ Schnell wird hier klar, warum die Büroarbeiter ihre Mahlzeit nicht selbst transportieren, da sie sich sonst bekleckern würden. Dazu kommt die Rolle von Essen in der indischen Kultur. Je nach Religion gibt es bestimmt Normen wie, und trotz Abschaffung des Kastensystems von wem, die Lebensmittel zubereitet werden soll.
So auch Hausfrau und Mutter Ila: In der einen Hand den Kochlöffel, mit der anderen schmeckt sie die Soße ab. Dann beginnt sie vorsichtig kleine Blechdosen mit verschiedenfarbigen Soßen, noch dampfendem Fladenbrot und gewürzten Bohnen zu befüllen. Schnell stapelt sie die Dosen übereinander, schließt den Verschluss und steckt sie in eine grüne Wärmeverkleidung. Ila ist unglücklich über das triste Dasein in ihrer Ehe. Sie versucht deswegen die Aufmerksamkeit ihres Mannes durch besonders liebevoll gekochtes und extravagantes Essen zurück zu erobern. Ihre Lunchbox landet versehentlich jedoch nicht bei ihrem Mann, sondern bei dem Witwer Saajan.

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Mit dem Dank auf einem kleinen Zettel beginnen die beiden über die „Lunchbox“ einen Dialog und entwickeln langsam eine Beziehung. Ein zartes Band der Annäherung, aber ohne Klischees zu bedienen. Die Nachrichten der beiden sind keine heimlichen kleinen Liebesbotschaften, sondern klare, ehrliche Statements zum Essen, Ratschläge und vor allem Gedanken über das Leben.
Zum Beispiel vertraut Sajaan Ila an, dass er am meisten das Spiegelbild seiner Frau im Fernseher vermisst, wenn Sie, wie so oft, Fernsehserien geschaut und er auf dem Balkon sein Fahrrad repariert hat.
Der Charakter Sajaans ist ambivalent. Vordergründig ein trotziger, unfreundlicher und verbohrter Mann. Aber hinter der Fassade ist Sajaan sehr selbstkritisch, er unternimmt vorsichtige Versuche Menschen entgegenzukommen, schreckt aber immer wieder vor seiner eigenen Courage zurück. So sind es Kleinigkeiten, an denen man merkt, dass Saajan sein Verhalten geändert hat. Zum Beispiel, indem er die Kinder anstatt sie, wie sonst immer, zu verjagen auf der Straße vor seinem Haus spielen lässt.
Der Film gibt keine klare Handlung vor. Stattdessen skizziert er Geschehnisse vorsichtig. Fast zufällig nimmt die Geschichte ihren Lauf. Viele Themen werden nur kurz angeschnitten, deren eigentliche Bedeutung erst später klar wird. Als Ila ihren Mann fragt, ob ihre Tochter denn nicht noch eine Schwester oder einen Bruder kriegen sollte, entgegnet er nur: „Du hattest ja einen Bruder.“ Erst später wird der Sinn dieser Aussage klar, da Ilas Bruder vor langer Zeit Selbstmord begangen hat.
Das Drehbuch und die Kameraführung beschönigen nichts. Die Dialoge sind klar und ehrlich. Die Mutter Ilas gesteht die groteske Erleichterung über den Tod ihres pflegebedürftigen Mannes vor allen trauernden Gästen ein. Die Protagonisten werden nicht zu Helden gemacht, die von einem Tag auf den anderen ihr Leben an den Hörnern packen. Es geht um zwei Menschen, die mit ihrem Leben unglücklich sind und mittels der kleinen Botschaften aus ihrem festgefahrenen Alltag entfliehen können.
Protagonist Sajaan Fernandes wird von Irrfan Khan gespielt. In „Slumdog Millionair“ war er bereits als Polizeikommissar und in „Life of Pi“ als Erwachsener Pi Patel zu sehen.
Raffiniert inszeniert ist die Entwicklung zwischen Sajaan und seinem Arbeitskollegen, dem Waisen Shaik. Geht Sajaan ihm anfangs noch komplett aus dem Weg, beginnt er langsam Verantwortung für ihn zu übernehmen. Er nimmt ihn vor dem Chef in Schutz und steht ihm an seiner Hochzeit zur Seite. Diese verlässt er jedoch sehr früh, obwohl er weiß, dass Sajan keine Familie hat. Es entsteht ein Spagat zwischen väterlicher Fürsorge und der Angst, zu viel von sich preiszugeben. In manchen Szenen treten bei Sajaan autistische Züge hervor, die sich durch die Unfähigkeit zu sozialen Kontakten äußern.
All diese Situationen und Erlebnisse geben die Handlung des Filmes vor, ohne dass es zu einem Spannungshöhepunkt kommt oder eine Situation eskaliert. Dafür taucht der Film tief in das Leben Mumbais ein. Das kann als langweilig oder tiefgründig empfunden werden. Eins ist „The Lunchbox“ auf jeden Fall: Ehrlich.

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