Der Nahostreporter: Wenn Beruf zur Mission wird

Jörg Armbruster, ehemaliger Leiter des  ARD-Auslandsstudios in Kairo  und gestern Abend zu Gast im Tübinger Wohnzimmer Ribingurumu, hat uns im Interview verraten, warum er seinen Beruf niemals ganz an den Nagel hängen kann – über Geiselnahmen, den Verzicht auf Schutzwesten und einen Journalist, der nicht nur über Grenzen geht, sondern hinter die Fassade von Krieg, Gewalt und Religion blickt.

Kupferblau: Wie sind Sie zu Ihrer Rolle als wichtigster deutscher Auslandskorrespondent gelangt? Wieso gerade der Nahe und Mittlere Osten?

Ich habe dem kleinen Sender SDR angehört, der nur zwei Auslandsplätze hatte: Der Nahe Osten und das südliche Afrika, damals noch das Apartheid-Regime. Und so einfach ist das – ich war in beiden Ländern und der Nahe Osten war einfach für mich viel spannender!

Kupferblau : Beherrschen Sie denn die arabische Sprache? Ist das Sprechen der Landesprache essentiell um Auslandskorrespondent zu werden?

Naja, ich müsste es besser können! Aber wir haben im Büro Übersetzer, Dolmetscher und Begleiter, die wir selbst uns aussuchen. Es gibt auch Ländern, in denen der Begleiter gestellt wird.

Kupferblau: Sie waren bis im Januar 2013 Leiter des ARD-Auslandsstudios in Kairo. War Ihnen vorher klar, dass dies eine Verlagerung des eigenen Lebens für diese Sache bedeutet?

Ja natürlich! Unser Lebensmittelpunkt war immer Kairo. Das war eine sehr bewusste Entscheidung, das muss man auch. Man muss sich auf die Region einlassen und dort zu Leben hilft schon.

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Jörg Armbruster zu Gast im Ribingurumu |© Veronika Wulf
Kupferblau : Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich dort eingelebt hatten?

Bevor ich Korrespondent dort wurde, war ich schon viel unterwegs zwischen Stuttgart und dem Nahen Osten, von daher kannte ich die Region recht gut, ich hatte allerdings auch schon viele Freunde dort.

Kupferblau : Arbeiten Sie mit einem festen Kamerateam?

Wir haben immer zwei Kameraleute, inzwischen sind es sogar drei – weil so viel zu tun ist – und auch inzwischen zwei Korrespondenten, davor war ich alleine dort. Wir haben einfach einen festen Stamm an Kollegen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Kupferblau : Sie waren live dabei, als Mubarak’s Rücktritt bekannt wurde – und das während der 17 Uhr Tagesschau zu der Sie live zugeschaltet waren. Kam das überraschend?

Nein, wir hatten das vorbereitet und ahnten: an diesem Tag muss Mubarak zurücktreten. Er war einige Stunden vorher schon nach Sham El Sheik ausgeflogen worden und das war für uns ein Hinweis, jetzt muss endlich was geschehen. Für den Fall, dass dies genau während der Sendung passieren würde, hatten wir uns abgesichert. Ich hatte einen Kollegen gebeten, genau die Meldungen zu verfolgen und mir gegebenenfalls ein Handzeichen zu geben. Das Handzeichen kam und ich konnte verkündigen: Er ist zurückgetreten!

Kupferblau: Wie haben Sie dieses Ereignis persönlich wahrgenommen?

Nun ja, ich war begeistert. Begeistert von der Begeisterung auf dem Tahir Platz. Man hat den Jubel gehört – das war für mich doch sehr bewegend, das mitgemacht zu haben und dabei gewesen zu sein. Ob ich die Distanz als Reporter immer so wahren konnte, da bin ich mir selbst nicht so ganz sicher!

Kupferblau: Sie wurden bei den Dreharbeiten zu einer Dokumentation angeschossen. War oder ist das ein Grund, die Auslandskorrespondez an den Nagel zu hängen?

Heute nicht mehr. Letztes Jahr wäre es einer gewesen. Ich habe lange mit meinem Kollegen und Freund Martin Durm diskutiert, ob wir uns wieder auf den Weg machen sollen, nach Syrien rein. Jetzt ist es wohl mit hohem Risiko noch möglich, aber dazu brauchen wir einen Auftraggeber. So ganz abgeschlossen habe ich das noch nicht.

Kupferblau: Gibt es denn keine Erkennungszeichen für Journalisten? Viele tragen ja sogar Schutzwesten.

Nachträglich gesehen war das wohl ein Fehler von uns, aber wir tragen diese Westen ungern, da es eine Distanz zu unseren Gesprächspartnern schafft. Durch so einen Weste wird es schwierig, das Vertrauen der Menschen zu erwerben, denn das schafft zusätzlich Distanz. Es ist schwierig, weil die Leute sehr verzweifelt sind.

Kupferblau: Wie stellen Sie Kontakt zu den Einheimischen, Kontaktmännern oder sogar zu Talibanen her?

Mit Talibanen sprechen wir ja nicht! Mit ISIS hätten wir nie gesprochen, da die damals schon als sehr brutal bekannt waren und darauf aus, Menschen zu entführen. Dschabhat an-Nusra, eine andere Al-Qaida Gruppierung, haben wir getroffen, aber die wollten nicht mit uns reden. Aber weiter etwas getan haben sie uns nichts, die beißen nicht!

Kupferblau : Wie unmittelbar ist denn die Gefahr? Ist sie spürbar, wenn man dort ist?

Damals, für uns von der Rebellenseite aus nicht, das hat sich später im Jahr 2013 sehr geändert. Da ist dann ab dem Sommer niemand mehr hingegangen – zu gefährlich, entdeckt zu werden. Durch die Assad-Seite ist es sehr gefährlich: Die Städte, in denen wir waren, wurden regelmäßig bombardiert, wir haben auch Granatangriffe miterlebt!

Kupferblau : Gibt es dann militärischen Schutz? Woher wissen Sie, wo Sie sich bewegen können?

Nein, das wollen wir nicht. Wir hatten einen Syrer dabei, der sich vor Ort gut auskannte und der wusste meistens, wohin, nur einmal eben nicht.

Kupferblau : Sie standen auch schon unter Raketenbeschuss, wie verhält man sich in so einer Situation?

Wenn die unterwegs sind, da hilft auch nichtmehr wegrennen, sondern nur hoffen, dass sie nicht bei dir einschlagen.

Kupferblau : Wer entscheidet in diesen Situationen wie weit man gehen soll?

Dass entscheiden wir gemeinsam in der Gruppe. Wenn die Granaten einschlagen, muss man Deckung suchen. Dann brüllt man den Kameramann an: “Lass den Scheiß stehen, komm in Deckung!” Wenn er hinter der Linse nicht vorkommt, weil gerade etwas Spannendes passiert, muss man den Kameramann auch mal packen! Das haben wir alles schon erlebt, und auch der Kameramann sieht dann auch den Ernst der Lage.

Kupferblau : Würden Sie den Job als Auslandskorrespondent jemandem empfehlen? Kann man sich darauf überhaupt vorbereiten?

Das muss jeder selbst entscheiden! Ich bin auch nicht erpicht gewesen, ganz vorne mit dabei zu sein, aber da wächst man langsam rein. Es gibt innerhalb der ARD Vorbereitungskurse, die ich aber nie gemacht habe, auch wenn sie sicherlich sinnvoll sind. Das gibt trotz allem nur eine entfernte Ahnung von wirklichen Kriegssituationen.

Kupferblau : Gibt es noch Immunität für Journalisten im Nahen Osten?

Nein, in keinem der Länder. Journalisten werden verhaftet, verurteilt und ins Gefängnis gesteckt mit fadenscheinigen Anklagen. Wir selbst hatten Glück, als wir bei einem Interview mit den Muslimbrüdern verraten und verhaftet wurden. Dank der Deutschen Botschaft sind wir nach sieben Stunden wieder freigelassen worden, da gibt es keine Immunität. Wenn so etwas passiert, wird sehr viel Druck von der Deutschen Botschaft und vom Außenministerium gemacht.

Kupferblau: Die USA stattet ihrer Journalisten mit privatem Personenschutz aus. Wie stehen Sie dazu?

Das möchte ich selbst nicht. Dann verzichte ich lieber auf eine Geschichte, als so aufzutreten. Wir hatten im Hotel in Bagdad einen Sicherheitsbeauftragten, der uns morgens geprüft hat, Kontakt zu verschiedensten Stellen und Informationen hatte, wo möglich Bomben hochgehen könnten an dem Tag. Allerdings hat er uns nicht begleitet, wir wollten das nicht, aber informiert zu sein war uns wichtig.

In der Dokumentation: “Zwischen Hoffnung und Verzweiflung – der neue Nahe Osten”  berichten Jörg Armbruster und Richard C. Schneider über die enormen Veränderungen im Nahen Osten und erklären, wie die Menschen in den Ländern der Region denken, fühlen und handeln.

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