Der Bühnenpoet

Am Abend der Kulturnacht stand in der Alten Anatomie Slampoetry auf dem Programm. Harry Kienzler, der seit 2004 deutschlandweit auf Poetry Slams aktiv ist, sollte hier ab 20.00 Uhr dem Publikum einheizen.

Der Hörsaal, der an ein steiles Amphitheater erinnerte, war zu dieser Zeit zwar bis oben hin mit erwartungsvollen Zuschauern gefüllt,  außer einem Skelett  war jedoch auf der Vortragsfläche niemand zu erkennen. Eine Veranstalterin der Kulturnacht erklärte wenig später, dass sich das Programm um ca. 20 Minuten verzögern würde, da der Künstler sich in der Zeit geirrt hatte. Als Harry Kienzler kurz darauf doch erschien, wurde er mit tosendem Applaus empfangen.

Der Wortkünstler, bekannt aus Tübinger Formaten wie Kopfgeburt oder Theatersport, unterhielt sein Publikum prächtig. Von seiner berühmten Kurzgeschichte einer Schnecke, die mit ihrem Innenarchitekt unzufrieden ist, bis hin zu Alltagsgeschichten, die mit der Feststellung ‚lieber Busfahren statt Gefängnis- das macht sich auch gut in unserem Lebenslauf’ endeten: das Warten hatte sich gelohnt!

 

Kupferblau traf den Slampoeten zu einem kurzen Interview:

Harry Kienzler, eine der Berufsbezeichnungen auf deiner Website beschreibt dich als ‚Spoken Word Artist’. Ein Euphemismus, wie ‚Sandwich Artist’ für die Verkäufer bei Subway?

Nö, das ist schon ernst gemeint, also das sollte jetzt keine Übertreibung sein. ‚Spoken Word’ ist halt so ein Begriff aus dem amerikanischen Raum, eigentlich eher für gesprochene Literatur. Ich komme ja auch vom Poetry Slam her und da ist das so ein gängiger Begriff für das, was ich da mache.

Du hast dir den Namen also selbst zugewiesen?

Ja, aber nicht selbst ausgedacht. Andere würden mich bestimmt genauso nennen, aber man könnte natürlich auch so etwas wie ‚Bühnenpoet’ sagen.

Du bist seit 2004 im Poetry Slam aktiv, bist bei deutschen Meisterschaften Vizemeister geworden, hast in Tübingen unter anderem die Lesebühne Kopfgeburt gegründet und spielst im Ensemble des Harlekin Theaters. Ein ganz schön voller Lebenslauf also, aber kann man damit Geld verdienen?

Ja schon, also ich habe keinen anderen Hauptberuf. Man verdient zwar mit den einzelnen Veranstaltungen nicht so viel, aber in der Summe reicht das dann trotzdem.

Du hast Germanistik und Philosophie studiert.  Deine Karriere zeigt, dass man damit auch durchaus etwas anderes als Busfahrer werden kann…

Ja doch, natürlich, klar haha. Also man muss jetzt nicht Taxi-oder Busfahrer werden, auch wenn das natürlich schöne Berufe sind. Also bei mir hat das sehr gut gepasst. Ich meine, ich habe ja auch in meinem Studium einiges gelernt,  was man dafür gut gebrauchen kann.

Das führt gleich zur nächsten Frage- wie bist du überhaupt dazu gekommen?

Ich bin hier in Tübingen bei meinem ersten Poetry Slam aufgetreten, so mehr oder weniger zufällig, weil die zu wenig Leute hatten. Da habe ich dann ein kurzes Gedicht vorgelesen und das hat so gut funktioniert, dass ich dachte, das will ich irgendwie weitermachen. Dann habe ich das erst mal als Hobby nebenher gemacht und dann hat sich das immer weiter ausgedehnt.

Sind deine Eltern stolz auf das, was du machst oder sagen sie, du sollst lieber einen ‚richtigen’ Beruf ausüben?

Haha. Nee, inzwischen sind sie schon stolz, aber es hat ein Weilchen gedauert. Am Anfang, als ich entschieden habe, das beruflich zu machen, da waren sie nicht so begeistert. Da wäre es ihnen lieber gewesen, wenn ich Lehrer geworden wäre…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.