Kleine Filme, große Themen

Eine Straßenbahn mit Höhepunkt, glücksbringende tote Mäuse und Verständigungsprobleme zweier Reisender – die Kurzfilme aus aller Welt, die am Samstagabend bei der fünften Tübinger Kulturnacht gezeigt wurden, konnten mit den unterschiedlichsten Themen überzeugen.

Klein ist das Filmtagebüro, in dem jeder Sitzplatz belegt ist und sich die Besucher deshalb bereits auf die Tische setzen oder einfach mit einem Glas Wein in der Hand stehend darauf warten, dass die nächste Vorführung beginnt. Gleich werden die sechs Publikumslieblinge der Kurzfilmnacht bei den letzten Französischen Filmtagen gezeigt. Von heiter, über skurril bis hin zu dramatisch ist alles dabei.

Einsamer Orgasmus

Den Anfang macht ein animierter Film namens „Caged Birds can not fly“, der auf etwas abgedrehte Weise und mit einer Prise schwarzem Humor zu unterhalten weiß.

Der animierte Film „Tram“ führt uns die ekstatischen Freuden einer Straßenbahnführerin vor Augen. Die Dame setzt sich morgens perfekt frisiert und im adretten Kleidchen an ihr Schaltpult. Die Musik stampft rhythmisch, wird immer schneller und lauter und auch die Straßenbahnführerin gerät immer mehr aus der Fassung. Die Schaltknüppel sind inzwischen auch keine Schaltknüppel mehr, sondern pinke Penisse. Kopfschüttelnd und lachend verfolgt das Publikum im Filmtagebüro, wie die Dame während der Fahrt ihren Höhepunkt erreicht. Ihre Fahrgäste sehen allesamt aus wie die grauen Herren aus „Momo“ und bis auf einen einzigen scheint keiner ihre Ekstase zu bemerken. Ob dieser Film nun an die Einsamkeit des Individuums in der gleichmachenden Umgebung einer Großstadt gemahnen soll, oder eine andere Botschaft hat, bleibt den Überlegungen jedes einzelnen Zuschauers überlassen.

Die zwei Schwestern und der Tod

Ganz anders präsentiert sich der Kurzfilm „Violet Sunday“, der sich durch seine sehr ernste und dramatische Thematik von den anderen Filmen abhebt. Es ist ein spanischer Film und er zeigt uns zwei Schwestern, die morgens aufwachen und feststellen müssen, dass ihre Eltern nicht da sind. Alle Türen stehen offen, draußen auf der Straße steht ein Rollstuhl, im Haus gibt es ein Krankenbett. Die Atmosphäre ist von Anfang an unwirklich, merkwürdig und ein bisschen bedrohlich. An einer Stelle holt die jüngere Schwester eine tote, weiße Maus hervor und sagt, man müsse sie küssen, damit man kein Pech hat. Die Beziehung der Schwestern wirkt angespannt – die jüngere fordert die ältere Schwester immer wieder dazu auf, sich richtig um sie zu kümmern und man bekommt den Eindruck, die beiden seien bereits Waisen und auf sich allein gestellt. Schließlich geht die Ältere an das Telefon, das unentwegt klingelt und ihr Vater teilt ihr mit, dass ihre Mutter im Krankenhaus ist und dass es ihr nicht gut geht. Kurz darauf klingelt das Telefon noch einmal und eine Frau spricht ihr Beileid aus. Als die Ältere in die Küche geht, wo ihre kleine Schwester im Rollstuhl der Mutter sitzt, muss sie entsetzt feststellen, dass diese sich mit einem Messer verletzt hat und sich nicht mehr rührt. Es ist verstörend zu beobachten, wie sie ihre Schwester beschwört nicht zu sterben, sie nicht allein zu lassen und wie sie das Blut von der verletzten Hand ableckt. Ihre Schwester schlägt die Augen auf und sie umarmen sich. Alle Streitigkeiten von zuvor sind vergessen. Angesichts der Situation sind der Zusammenhalt und die Zuneigung zwischen den Schwestern nun am wichtigsten.

Non-verbale Kommunikation

Dass man sich auch ohne gemeinsame Sprache verständigen und sogar anfreunden kann, zeigt uns ein Kurzfilm aus Frankreich. Zwei Reisende in einem Zug. Der eine kommt aus Finnland und spricht außer Finnisch nur Englisch. Der andere kommt auf Ungarn und spricht als Fremdsprache nur Deutsch. Die beiden sind in demselben Abteil in einem Nachtzug und obwohl sie nur bruchstückhaft miteinander kommunizieren können, lernen sie sich Stück für Stück besser kennen. Sie erfahren sogar etwas über die Probleme des anderen in Bezug auf Frauen. Sie verabschieden sich herzlich und der eine gibt dem anderen noch seine Visitenkarte. Dieser sagt „Merci!“, woraufhin der andere „De rien!“ erwidert und in diesem Moment stellen sie fest, dass sie beide französisch sprechen können und sich die ganze Zeit über so hätten verständigen können. Der Zug rollt los und der ungarische Reisende, der bereits draußen auf dem Bahnsteig steht, läuft noch einige Meter hinter dem Zug her und ruft immer wieder fassungslos „Non, c’est incroyable!“. Dem Zuschauer wird durch diesen Film vor Augen geführt, wie wichtig und bereichernd es ist, sich mit anderen Sprachen, Kulturen und Menschen aus anderen Ländern auseinanderzusetzen. Und da der Film aus Frankreich stammt, bekommen wir natürlich auch noch einmal gezeigt, wie wichtig gerade Französisch als Sprache ist.

Der Kurzfilmabend lässt den Zuschauer mit einer Vielzahl an Eindrücken und unterschiedlichsten Stimmungen zurück. Auf komprimierte Art und Weise werden in den Filmen grundlegende Emotionen und Erlebnisse aller Menschen behandelt. Vielleicht wird so mancher Zuschauer durch diesen Abend den Kurzfilm als Kunstform für sich entdeckt haben.

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