Wohnzimmer der Dichter

„Poesie ist Unterhaltung. Wenn man unterhalten will, muss man vulgär sein: Penis!“ konstatiert Slammer Daniel beim Poetry Slam am Dienstagabend im Ribingurumu. Aber gilt das auch für diesen Abend?

So ganz sicher ist sich niemand, wie diese Bar eigentlich jetzt genau heißt, in dem der Slam startet. Ribingurumu oder doch Wohnzimmer? Man weiß es nicht genau. Der Moderator nimmt die allgemeine Unsicherheit als Aufhänger und klärt auf: Ribingurumu heiße die Location, was, japanisch ausgesprochen, fast wie Living Room klingt. Nun wäre das also auch geklärt. Es ist eng. Die Zuhörer drängen sich bis in die letzten Winkel. Diejenigen, die es nicht mehr geschafft haben sich hineinzudrängen, versuchen vom Bürgersteig aus ein paar Verse zu erhaschen. An diesem Dienstagabend ist das Ribingurumu wohl das vollste Wohnzimmer in ganz Tübingen. Organisiert wurde der Slam von zwei Medienwissenschaftlerinnen als Projektarbeit für ihr Studium. Auch sie waren von dem Ansturm überrascht.

Das Regelwerk ist Standard

Wie mittlerweile bei den Poetry Slams üblich, werden die Slammer in mehrere Blocks aufgeteilt. Innerhalb der Blocks „slammen“ die Kontrahenten gegeneinander. Das Publikum entscheidet mit der Lautstärke des Applaus‘, wer ins Finale einziehen darf. An diesem Abend treten jeweils drei Kontrahenten pro Block gegeneinander an. Außerdem gibt es noch zwei Slammer, die außerhalb der Wertung ihre Werke vortragen. Und einen Beatboxer. Die Stimmung ist gut. Sätze wie „Ich kam, sah – Filmriss“ sorgen für Gelächter. Aber die heitere Stimmung wird zuweilen auch durch ernste, melancholische und existenzialistische Texte durchbrochen. So bringt Lukas die Zuhörer mit Sätzen wie „Die ganze Familie heult bei dem Scheißlied Lemontree“ zum nachdenken. Auch die Gesundheitswissenschaftlerin Caro sinniert über das Leben und mahnt das Publikum, den Alltag zu entschleunigen und die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Die Nachdenklichkeit scheint während den Auftritten im „Wohnzimmer“ greifbar zu sein. Conny stellt auf eloquente Weise den Erkenntnisgewinn sowohl der Naturwissenschaften als auch der Philosophie infrage.

Das Publikum mag es eher heiter

Dennoch gewinnt an diesem Abend der Humor. Es scheint zwar erst nicht so; der Werdegang von Tobas‘ fiktiven Mensa-Chefin Gerda und Daniels vulgäre Gedanken zur Poesie sorgen zwar für minutenlanges Gelächter, dennoch sind beide ihren melancholischen Konkurrentinnen unterlegen. Einzig Alex belegt im Finale den ersten Platz mit einem Text über seine skurrile Reise zur Buchmesse. Aber auch hier war das Ergebnis der Abstimmung sehr knapp.

Insgesamt war Poetry Slam im Ribingurumu eines der Events, von denen Tübingen viel mehr vertragen könnte. Talentierte Dichter und eine große Nachfrage sind ja vorhanden, wie dieser Abend gezeigt hat.

 

 

 

 

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