Wem gehört die Ukraine?

 

Wem gehört die Ukraine? Über diese strittige Frage wurde vergangenen Mittwoch im Schlatterhaus heftig diskutiert. Dazu eingeladen hat die Gruppe kritischer Studenten des Arbeitskreises Politik der Fachschafentvollversammlung (FSVV).

Referent Theo Wenztke – Mitarbeiter beim marxistisch-geprägten Journal „GegenStandpunkt“ – hatte es an diesem Abend nicht leicht. Nachdem er seine Gliederung vorgetragen hatte, merkte er en passant an, dass Fragen und Meldungen gerne gesehen und erwünscht seien. Das Publikum – man könnte auch sagen „Wie zu erwarten“ – bestand aus einigen Studierenden und Alt-68-ern, kurz: ein scheinbar sehr homogenes.

Eine Einführung in die Sichtweise des Marxismus

Zuerst gab Wentzke einen Exkurs zum Besten, indem er brav  die Wurzeln allen Übels, Wirtschaft und Kapitalismus nämlich, anprangerte und dies – so dozierte er – seien auch die Gründe für die jetzige Situation in der Ukraine. Daraufhin stellte er den Verlauf der Krise dar: Gegen den Standpunkt des Mainstreams, das heißt auch gegen jegliche westliche Sichtweise. Anlass der Krise sei das Assozierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU. Da das Abkommen aber für die ukrainische Wirtschaft eine enorme Belastung bedeutet hätte  – Streichung aller staatlichen Subventionen für energiereiche Industrien – weigerte sich der nun gestürzte Präsident Janukowitsch zu unterzeichnen. Dazu Wentzke:

„Europa geht bis an die Grenzen seiner Methode friedlicher Eroberung“

Hier kam es bereits zu den ersten Meldungen: Es gehe den Ukrainern nicht nur um bessere wirtschaftliche Aussichten, sondern vielmehr um Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Dies seien die echten Hoffnungen der Ukrainer.

„Das ist müßig darüber zu diskutieren“

Das sei müßig darüber zu diskutieren, was sich die Ukrainer wünschen und, was sie sich erhoffen, so Wentzke. Schließlich gäbe es auch falsche Hoffnungen, weil keine Alternativen vorhanden seien. Diese seien zerschlagen worden, Wentzke weiter. Mit dieser lapidaren wie auch ungenauen Antwort beendete er die erste hitzige „Fragerunde“. Ein Vortag also, der bevor er richtig Fahrt aufgenommen hatte, schon ins Stocken geraten war.

 Sachlichkeit und Zuhören sind nur Gesprächsideale

Es gehe aber gar nicht so sehr um die Arbeitsplätze von tausenden Ukrainern – wozu dann der ganze Exkurs und das Lob über die menschenfreundliche, sowjetische Wirtschaft zu Beginn? – nein, es gehe um Identität. Der Ukrainer sehe sich nunmehr mit seinem Landsmann konfrontiert, der mehr Sympathien für Russland hege, als für das eigene Land.

An dieser Stelle meldet sich ein Ukrainer zu Wort, der klarstellen wollte: Die Maidan-Bewegung sei eine Bürgerbewegung. Die Aufständischen in Donesk seien vom Kremel gelenkt. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung lehne die Interventionen Russlands ab und wolle sich zum Westen hin orientieren.

Der Beitrag ging unter: Das Publikum ließ ihn weder ausreden noch gab es eine Moderation mit Ansage. Zwischenrufe („Und was ist mit den Faschisten?!“) bis hin zu einem aggressiven Gesprächston zeichneten die Diskussion aus. Man bekam den Eindruck, dass Sachlichkeit und Zuhören nur lästige Gesprächsideale sind.

Ukrainer verlassen den Saal

Nach gut einer Stunde Streit verließen dann die ukrainischen Studierenden den Saal mit dem Rat an alle Anwesende, sie sollten sich ein eigenes Bild von der Lage machen und die Ukraine besser kennen lernen.

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