Kein Job, den man abends an der Garderobe abgibt

Juliette ist 22 und kommt aus Chambéry, einer kleinen französischen Stadt am Fuß der Savoyer Alpen. Das zweite Jahr ihres deutsch-französischen Masters absolviert sie derzeit in Tübingen. Letzten Sommer hat sie ein viermonatiges Praktikum in der Gedenkstätte Buchenwald gemacht. Wir haben uns mit ihr über ihre Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte unterhalten.

Juliette, du studierst mittlerweile seit 4 Monaten in Tübingen. Wie gefällt es dir denn bislang?

Es gefällt mir hier sehr gut, was die Sprache angeht, weil ich jeden Tag deutsch sprechen kann.Tübingen ist eine schöne Kleinstadt: in meinen Augen ist sie typisch deutsch, oder auch fast ein bisschen elsässisch mit den Fachwerkhäusern, dem Weihnachtsmarkt,…

Das deutsche Uni-System kannte ich davor gar nicht und ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Unterschiede zu Frankreich gibt. Zum Beispiel in den Seminaren, wenn die Profs fast nichts sagen, die Studenten halten Referate… das hat mich sehr gewundert. Ich fand das total unwissenschaftlich und am Anfang war ich nicht sicher, ob ich überhaupt was lernen würde. Und viele Studenten sprechen auch viel, nur um zu zeigen, dass sie viel wissen, das ist komisch.

Auf der einen Seite war ich also ein bisschen enttäuscht von der Uni, aber in Frankreich spricht der Prof zu viel, es ist sehr frontal – da ist Deutschland schon das andere Extrem: eine Mischung aus beidem wäre vielleicht gut!

Aber insgesamt bin ich schon gut angekommen in Tübingen!

Du studierst in einem deutsch-französischen Master und hast dich auf deutsche Geschichte spezialisiert. Woher kommt das gesteigerte Interesse für Deutschland und seine Geschichte?

Das kommt zum großen Teil daher, dass in meiner Familie Deutschland immer negativ dargestellt wurde: die Deutschen waren immer die Bösen, die Feinde. Und meine Großmutter aus Grenoble zum Beispiel verbindet mit Deutschland traumatische Erinnerungen aus der Besatzungszeit. Insgesamt war meine Familie immer eher in Richtung Italien orientiert, alle sprechen italienisch und es ist auch nicht so weit weg. Deshalb war mein Interesse für Deutschland so eine Art Opposition (lacht). Ich wollte ihre Abneigungen verstehen lernen, mich selbst mit Deutschland und seiner Geschichte auseinanderzusetzen um über die negativen Klischees hinauszugehen.

Und als ich begann, mich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, wurde mir klar, dass das alles viel vielschichtiger war, als es mir in meiner Familie erzählt wurde. Es gab eben nicht nur Hitler, sondern auch andere Personen wie Bismarck, Friedrich II…. Geschichte ist so vielseitig und je mehr ich mich damit befasse, desto mehr interessiere ich mich dafür.

Du hast im Sommer ein Praktikum in der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Buchenwald gemacht. Wie kamst du auf die Idee, an diesem geschichtsträchtigen Ort ein Praktikum machen zu wollen?

Erstens wollte ich mehr über diese traumatische Geschichte lernen, dabei interessierte ich mich in erster Linie dafür, wie sie vermittelt werden kann und wie die einzelnen Gruppen damit umgehen, die die Gedenkstätten besuchen.

 

„Vergangenheit ist […] nicht nur etwas für die Geschichtsbücher“

 

Hier ist für mich vor allem der Bezug zur Gegenwart wichtig: Was kann man aus der Vergangenheit lernen? Denn Vergangenheit ist meiner Meinung nach nicht nur etwas für Geschichtsbücher, sondern auch etwas für Jetzt.

Waren die Verantwortlichen vor Ort erstaunt, dass du dich als Französin beworben hast?

 


Sie waren insofern nicht so erstaunt, als es viele internationale Praktikanten gibt. Außerdem ist der Vorsitzende des internationalen Buchenwald-Komitees Franzose. Ich denke, nach Auschwitz ist Buchenwald das bekannteste KZ in Frankreich, viele politischen Häftlinge sind nach Buchenwald gebracht worden. Mein Betreuer dort konnte französisch und war für die Besuchergruppen aus Frankreich zuständig – allein dass es so eine Stelle gibt zeigt, wie wichtig der Bezug zu Frankreich ist. Und deshalb war meine Wahl, gerade in Buchenwald ein Praktikum zu machen, auch nicht ganz zufällig.

Welche Aufgaben hast du während des Praktikums wahrgenommen?

In so einer Gedenkstätte gibt es viel zu tun, es gibt viele unterschiedliche Bereiche wie das Archiv, die wissenschaftliche Abteilung,… ich war in der pädagogischen Abteilung, wo es darum geht, die Geschichte Buchenwalds zu vermitteln und zwar im Rahmen von Führungen und Seminaren.

Ich habe zunächst viel gelesen und mir Wissen zur Geschichte des Ortes angeeignet. Dann habe ich bei Führungen hospitiert und mir überlegt, wie ich selbst eine Führung machen würde. Ich habe auch bei Seminaren mitgeholfen. Außerdem habe ich pädagogisches Material für die Arbeit mit den Besuchergruppen zusammengestellt.

Wer waren denn die hauptsächlichen Besucher der Gedenkstätte? Waren das hauptsächlich deutsche Schulklassen?

 

Ich würde sagen, dass die meisten der Besucher Schulklassen waren.

Interessant war, dass auch andere Gruppen wie zum Beispiel Gewerkschaften oder Azubis die Gedenkstätte besucht haben – mit den verschiedenen Gruppen konnte man ganz unterschiedlich arbeiten und einen unterschiedlichen Bezug zur Geschichte herstellen.

An das Thema Diskriminierung und Stereotype kann man zum Beispiel ganz anders herangehen, wenn die Jugendlichen Migrationshintergrund haben und selbst schon Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben.

 

„Ich habe auch gelacht dort“

 

Wie hat es sich angefühlt, dort zu wohnen und zu arbeiten?

 

Der Ort spricht nicht von selbst und man gewinnt fast den Eindruck, auf dem Land zu wohnen! Was der Ort bedeutet, lernt man vor allem aus Büchern.

Man muss sich aber auch einen gewissen Abstand schaffen. Ich habe auch gelacht dort. Ich wollte diesen Ort nicht sakralisieren. Es ist zwar ein ehemaliges KZ, aber ich lebte nicht in einem KZ, sondern in einer Gedenkstätte, die die Aufarbeitung und die Vermittlung der Geschichte zum Ziel hat.

Die Arbeit in einer Gedenkstätte ist aus meiner Sicht aber auch keine Arbeit, bei der man nach Feierabend den Kuli ablegt und nach Hause geht, sondern eine Aufgabe, die man aus einer besonderen Motivation heraus wahrnimmt und sich auch privat mit dem Thema beschäftigt.

Konntest du Unterschiede in der Aufarbeitung der Vergangenheit zwischen Deutschland und Frankreich feststellen? Und wenn ja, wie äußern sich diese?

Also ich habe noch nicht in einer französischen Gedenkstätte gearbeitet und kann daher keinen Vergleich anstellen. Aber ich finde die Deutschen sind ,was die Aufarbeitung der Vergangenheit angeht, viel weiter als die Franzosen. Alle Schüler besuchen hier Gedenkstätten, das Thema ist überall präsent.

In Frankreich lernt man zum Beispiel sehr viel über die Résistance, aber im Vergleich über die Collaboration der Vichy-Regierung sehr wenig. Aber natürlich waren nicht alle Franzosen Teil der Résistance. Auch der Algerienkrieg ist so ein Tabu-Thema, über das kaum gesprochen wird.

Welche Chance bieten aus deiner Sicht interkulturelle Teams in der Gedenkstättenarbeit – oder bei der Aufarbeitung von Vergangenheit im Allgemeinen?

Nach meiner Erfahrung bietet die Zusammenarbeit im interkulturellen Team eine Chance, andere Sichtweisen kennen zu lernen. Jeder hat in seinem eigenen Land die nationale Sicht der Geschichte kennen gelernt, diese Perspektiven können sich aber von Land zu Land stark unterscheiden.

Und vor allem sind die meisten Gedenkstätten keine nationalen Gedenkstätten, da meist mehrere Nationen betroffen sind. Und daher ist es auch wichtig, dass die betroffenen Nationen mit bei der Gestaltung der Gedenkstätte berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang kann man zum Beispiel internationale Seminare veranstalten.

Wo siehst du dich in 5 Jahren oder nach dem Studium?

Ich werde im Sommersemester meine Masterarbeit schreiben und bin dann mit meinem Studium fertig. Dann werde ich ein freiwilliges Jahr in einer weiteren Gedenkstätte machen. Mein Traumjob wäre, tatsächlich in einer Gedenkstätte zu arbeiten – aber es gibt leider sehr wenige bezahlte Stellen.

Das Interview führte Katharina Spitz

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