Am anderen Ende der Leitung

Die studentische Gruppe „Nightline“ hat für jeden ein offenes Ohr

Mit ihrem „Zuhörtelefon“ möchte die „Nightline“ Studenten die Möglichkeit geben über ihre Sorgen und Probleme zu sprechen. Sie verstehen sich nicht als Beratungsstelle, sondern bieten die Möglichkeit, sich einfach mal auszusprechen.

von Isabel Kommol

Jeder Studierende hat zuweilen mit kleineren oder größeren Problemen zu kämpfen, sei es im Privatleben oder im Uni-versum. Nicht jedem stellt sich der Freundeskreis als Kummerkasten zur Verfügung und teilweise handelt es sich auch um Sorgen, die man lieber für sich behalten möchte. Alles in sich hineinzufressen ist auf Dauer auch keine Lösung, und so ist die wohltuende Wirkung des „sich-alles-von-der-Seele-Redens“ hinlänglich bekannt.

Die Themen, die Anrufer der „Nightline“ anvertrauen, reichen von Beziehung und Studium über Einsamkeit und Abschlussprüfungsstress bis hin zu finanziellen Sorgen. Die Zuhörer können die Probleme zum Teil sehr gut nachvollziehen denn sie sind selbst ausschließlich Studierende. „Darin liegt einer der Vorteile der Nightline“, so Lukas  Mahler*, Student und Mitglied des Tübinger  Teams. „Außerdem sind wir nachts erreichbar und hören auch bei dem kleinsten Problem zu, wodurch wir uns eindeutig von den etablierten psychosozialen Beratungsstellen abgrenzen.“

In Wettbewerb zu diesen kann und will die „Nightline“ nicht treten. Die Erfahrung an anderen Unis zeigt, dass sich Studenten, die dringende psychologische Hilfe benötigen und daher bei den Experten der psychosozialen Beratungsstellen richtig aufgehoben sind, ohnehin kaum auf die „Nightline“ verirren. Sollte dies doch einmal der Fall sein, leitet sie der Zuhörer an die entsprechende Stelle weiter. „Wir ergänzen das Angebot“, bestätigt Lukas, „denn wir hören uns auch Sorgen und Probleme an, für die die Experten nicht zuständig sind.“

Die „Nightline“ stammt ursprünglich aus England und kam 1994 mit einem Ableger in Heidelberg erstmals nach Deutschland. Mittlerweile gibt es bundesweit zehn „Nightlines“. Das Konzept basiert auf den Prinzipien „vorurteilsfrei, vertraulich und anonym“. Weder Anrufer noch Zuhörer geben ihre Identität preis. Die Gespräche werden selbstverständlich nicht aufgezeichnet. Die Methode, mit der die studentische Gruppe arbeitet, stammt von dem Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers. Demnach soll das Zuhören und die anschließende Wiedergabe dem Anrufer die Reflexion des Problems ermöglichen. Das Ziel ist, die eigenen Sorgen und Probleme durch Wiedergabe eines Außenstehenden distanzierter und nüchterner zu betrachten und ihnen dadurch die Bedrohlichkeit zu nehmen.

Erfahrungsgemäß gehen bei der „Nightline“ pro Nacht zwei bis vier Anrufe ein. Darauf wird jedes Mitglied durch eine obligatorische Schulung von Psychologen vorbereitet. Alle Mitarbeiter der studentischen Gruppe arbeiten ehrenamtlich und übernehmen neben dem Dienst an den beiden Telefonen auch organisatorische Aufgaben, etwa bei der Vorbereitung von Schulungen oder der Öffentlichkeitsarbeit.

Die Ausgaben für Schulungen, Ausstattung und Werbung finanziert die „Nightline“ über eine Stiftung, Sponsoren, den AStA und kirchliche Institutionen. Für Anrufer fallen außer den normalen Festnetzgebühren keine Kosten an. Seit November 2012 hören auch in Tübingen engagierte Studierende am anderen Ende der Leitung zu.

 

* Name geändert, um die Anonymität des Nightline-Mitarbeiters zu wahren

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