Warten auf den Ansturm in der Cafeteria in der Uni-Bib | Bild: Zipperlen

Es wird kuschelig

Die meisten Vorbereitungen an der Uni Tübingen auf die Studierenden-Welle sind bereits abgeschlossen. Auch das Studentenwerk hat sich für den Ansturm gewappnet. Ob die Maßnahmen aber ausreichen werden, scheint ungewiss.

von Philipp Tharang


Latte Macchiato, Cappuccino, Espresso oder schwarz: Kaffee ist für viele Studierende ein überlebenswichtiger Bestandteil im Studienalltag. Vielfach als letzte Rettung bewahrt der belebende Sud die ermatteten Köpfe des Auditoriums davor, im Mittags-tief auf die Tischplatten der Vorlesungssäle niederzusinken.
Seit dem letzten Sommer dürfen sich die Studierenden über eine neue Cafeteria im Eingangsbereich der UB freuen. Und auch auf der Morgenstelle wird an einer weiteren Kaffee-Schenke gewerkelt. Den Anlass für die beiden Umbauprojekte gab allerdings weniger ein plötzlich gestiegener Bedarf oder gar eine Erhöhung der Dosis; vielmehr sind beide Baumaßnahmen Teil der Vorbereitung auf den doppelten Abijahrgang, der im Wintersemester an die Uni drängen wird.
Die Landesregierung im benachbarten Bayern führte bereits 2004 das achtjährige Gymnasium ein – mit entsprechenden Folgen für die Universitäten. Der drastische Anstieg der Bewerber- und Studierendenzahlen an den Hochschulen wurde zusätzlich durch die im Zuge der Bundeswehrreform beschlossene Aussetzung der Wehrpflicht befeuert. Ein Jahr später setzte auch Baden-Württemberg das G8-Abitur um. Was die Bayern schon hinter sich haben, steht somit nun der Uni Tübingen ins Haus.

Bis zu 2250 zusätzliche Studierende

„Generell geht man bei der Zahl der Studienanfänger von einem Plus von etwa 30 bis 50 Prozent aus“, sagt Myriam Hönig, Leiterin der Hochschulkommunikation. Dies bedeutet, dass man seitens der Hochschule mit rund 6000 bis 6750 Erstsemestern rechnet. Bisher waren es rund 4500. Hinzu käme voraussichtlich ein leichter Zuwachs an Quereinsteigern von anderen Universitäten.
Um mit dem prognostizierten Ansturm fertig zu werden, wurde bereits einiges getan: Laut Hönig hat sich die Uni mit Hilfe des Aufbauprogramm 2012 „intensiv auf die steigenden Studierendenzahlen vorbereitet“. 1197 zusätzliche Studienplätze habe man geschaffen, 40 neue Professorenstellen genehmigt und zahlreiche weitere Mitarbeiter eingestellt. Auch im Studentensekretariat geht man mit zwei weiteren Vollzeitkräften sowie drei neuen studentischen Hilfskräften auf Nummer sicher, um in der Bewerberflut nicht unterzugehen.
Die Studierendenwelle beschert nicht nur der Lehre neue Herausforderungen, sie stellt im Besonderen ein logistisches Problem für den Hochschulbetrieb dar. Dieser Umstand führt dazu, dass bestehende Ressourcen effektiver genutzt werden müssen. Seit 2010 beschäftigt sich deshalb die eingerichtete Arbeitsgruppe „Raummanagement“ mit der Bestandsaufnahme bestehender Kapazitäten.
Überprüft wurde vor allem die Auslastungen von Hörsälen und Seminarräumen mit dem Ziel einer effizienteren Nutzung. Kleinere Institute, die sich bisher den Luxus kaum genutzter Räumlichkeiten leisten konnten, werden sich künftig womöglich damit abfinden müssen, dass sie diese mit anderen Fachbereichen teilen müssen. Überdies entstanden in der Universitätsbibliothek und der Bereichsbibliothek auf der Morgenstelle rund 350 neue Lese- und Arbeitsplätze. Ab dem Wintersemester soll es zudem für Studierende möglich sein, mit neuen Scannern ihre Bücher selbst zu verbuchen.
Für die Umsetzung all dieser Maßnahmen und zur Deckung der steigenden Kosten erhält die Universität Tübingen bis 2015 jährlich circa 10,5 Millionen Euro aus Landesmitteln. Hinzu kommen weitere 500 Millionen Euro für den Ausbau zusätzlicher Bildungsangebote, wie die des Career-Service, des ZDV oder des Fachsprachenzentrums. Stefanie Gropper,
Prorektorin für Studierende, ist sich aber bereits sicher, dass die Mittel „nicht ausreichen werden, um wirklich den gesamten Bedarf abzudecken“. Vielmehr müsse man versuchen, mit dem auszukommen, was man habe, und die Mittel so effizient wie möglich einzusetzen.

Neue Zugangsbeschränkungen, höhere Zugangshürden

Eines wird sich mit der besseren finanziellen Ausstattung allerdings nicht verhindern lassen: Das Anwachsen der Bewerberzahlen wird zu neuen Zulassungsbeschränkungen und höheren Zugangshürden führen sowie zu einer steigenden Zahl abgelehnter Bewerbungen. Besonders in den klassischen ZVS-Fächern, die mittlerweile über das Portal hochschulstart.de abgewickelt werden, gehe man von einem deutlichen Bewerberzuwachs aus, erklärt Hönig. „Ebenso rechnen wir mit höheren Bewerberzahlen bei bereits stark nachgefragten Fächern, wie Psychologie, Politikwissenschaft, Sport, Erziehungswissenschaft, Biologie, Geographie und wirtschaftswissenschaftlichen Studienfächern.“ Neue Zulassungsbeschränkungen wird es in den Studiengängen Geowissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Nano-Science geben.

Studentenwerk will neue Mensa Wilhelmstraße

Für das Studentenwerk Tübingen-Hohenheim ist primär die Zahl der Zulassungen entscheidend für den späteren Mehraufwand: Umso mehr Studierende eine Bewilligung ihres Antrages erhalten, desto stärker werden Mensen und Cafeterien frequentiert, Wohnheimplätze angefragt und BAföG-Anträge gestellt.
Wie viele zusätzliche Studierende künftig in den Mensen verköstigt werden müssen, ist nur schwer abzuschätzen. Für Alexandra Vogel, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk, steht vor dem Hintergrund einer wie auch immer gearteten Zunahme jedoch eines fest: „Der Neubau oder die Sanierung der Mensa Wilhelmstraße wird in den kommenden Jahren ein zentrales Thema sein.“ Man bevorzuge zwar einen Neubau, aber die Entscheidung darüber liege beim Land Baden-Württemberg als Eigentümer des Gebäudes. Man hoffe nur, dass in den entsprechenden Gremien möglichst bald eine Entscheidung getroffen wird.
Auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt wird sich weiter zuspitzen: 3670 Wohnheimplätze bietet das Studentenwerk derzeit an. Hinzu kommen rund 800 Wohnungen, die von anderen Trägern bereitgestellt werden. Damit erreiche man zwar die angestrebte Quote von Wohnheimplätzen pro Studierenden, sagt Vogel, aber „die Lage auf dem Wohnungsmarkt wird angespannt sein“. Für alteingesessene Dauermieter bedeutet dies, dass Mietvertragsverlängerungen nur noch in Härtefällen genehmigt werden.

„Die Lage auf dem Wohnungsmarkt wird angespannt sein.“

– Alexandra Vogel, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk

Einer großen Zahl an Nachfragern wird man keinen Wohnplatz anbieten können. Viele Studienanfänger werden sich auf dem leergefegten privaten Wohnungsmarkt umsehen müssen. Private Anbieter sollen deshalb bereits im Vorfeld gezielt zur Schaffung weiterer Unterkünfte animiert werden, sagt Vogel. Dass die Rechnung nicht aufgehen wird, dessen ist man sich aber seitens des Studentenwerks offensichtlich bereits bewusst. Denn auch in diesem Wintersemester sollen wieder Notunterkünfte in Form von Bettenlagern „in ausreichender Zahl“ zur Verfügung gestellt werden.
Um eine zeitnahe und angemessene Betreuung zu bieten, hat das Studentenwerk auch beim Personal aufgestockt: 100.000 bis 120.000 Euro an Mehrkosten, so rechnet Vogel vor, werden pro Jahr hinzukommen. Von diesem Geld werden zusätzliche Hausmeister und Mitarbeiter im Infopoint sowie im Bereich BAföG-Bearbeitung finanziert.
Es bleibt abzuwarten, wie sich der Ansturm an der Uni Tübingen auswirken wird. Ob es zu überfüllten Hörsälen, langen Schlangen vor den Essensausgaben oder endlosen Wartezeiten in der UB kommt, wird sich zeigen. Aber immerhin ein Problem haben die Planer aus dem Weg geräumt: Der Nachschub an Kaffee ist voraussichtlich auch in Zukunft gesichert.

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